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„King For A Day, Fool For A Lifetime“

©matthias_the_dread

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Wenn man in diesen Tagen aus dem Fenster schaut, erhellt sich rasch, in welcher Jahreszeit wir uns befinden. Allerdings kann von wirklicher Erhellung keine Rede sein, denn der Herbst zeigt sich von seiner dunklen Seite: grauer Himmel, anhaltender Regen, und nur die bunten Blätter der Bäume sorgen dafür, dass sich die Augen ob der trüben Tristesse nicht mürrisch nach innen kehren. Beneidenswert sind da jene, die dem buchstäblich grauen Alltag den Rücken kehren und in die warme Sonne entfliehen können. Nach Australien vielleicht, in die Karibik oder nach Brasilien.

Dem Fußballer Grafite wurde vor zwei Wochen eben jenes Privileg zuteil – sein Verein VfL Wolfsburg gab ihm eine Woche frei zum Heimaturlaub in Brasilien. Doch nicht etwa als Belohnung für grandiose Leistungen und für Tore en masse – ganz im Gegenteil: Grafite bestach, bis auf die Ausnahme seiner Drei-Tore-Galavorstellung im Champions League-Hinspiel gegen ZSKA Moskau, in dieser Saison fast ausschließlich durch seine Teilnahmslosigkeit im Spiel, seine technischen Stockfehler, seine fehlende Durchschlagskraft im Strafraum und durch die daraus resultierende persönliche Frustration, die sich erst im kraftlosen Hängenlassen der Schultern manifestierte, bis diese dann im CL-Hinspiel gegen Besiktas Istanbul plötzlich reaktiviert, erst den linken Arm, dann die linke Hand im harmonischen Zusammenspiel dazu veranlassten, dem Gegenspieler Ibrahim Kas eine feiste Backpfeife zu verpassen. Die folgende rote Karte nahm Wolfsburgs Trainer Armin Veh zum Anlass, Grafite zur außerplanmäßigen Erholung in die brasilianische Heimat zu schicken. Einziger Arbeitsauftrag: RELAX!

Zeitgleich suchte der Trainer Armin Veh intern das Gespräch mit seinem Sportdirektor und dem Manager, um über die Misere ihres Stürmerstars zu beraten. Laut ging es dabei nicht zu; immerhin erbte Veh als Nachfolger von Felix Magath nicht nur den Spind in der Trainerkabine, sondern auch dessen so erfolgreich ausgefüllte Dreifaltigkeit der Macht, die den Trainer Veh zugleich zum Sportdirektor Veh und zum Manager Veh macht. Die innere Diskussion hätte er sich allerdings auch sparen können, liegt die Ursache für die Grafites Probleme doch klar auf der Hand:

Er ist amtierender Torschützenkönig. Dieser Titel macht nämlich nicht nur die versammelte Verwandtschaft in Brasilien stolz, sondern bringt leider auch eine Menge Probleme mit sich, wie ein Blick in die Geschichte beweist.

Früher war bekanntlich noch alles besser. Das scheint zumindest für die Empfänger der Torjägerkanone zu gelten, denn dem sportlichen Glück war der Gewinn der Trophäe einst nicht abträglich. Uwe Seeler, mit 30 Toren erster Torschützenkönig der Saison 1963/64, brachte es zwar nur zu einer einzigen Kanone auf der Anrichte, brannte sich aber durch eine erfolgreiche Karriere in der Nationalmannschaft und Treffer mit dem Hinterkopf in eben jenen vieler Fußballfans ein.
Ihm folgten zahlreiche weitere Stürmer, die mit ihren Erfolgen dafür sorgten, dass noch heute jeder Fußballfan beim Klang ihrer Namen leuchtende Augen bekommt: Gerd Müller, der primus inter pares, Jupp Heynckes, Dieter Müller, Karl-Heinz Rummenigge, Horst Hrubesch, Klaus Allofs, Rudi Völler, Stefan Kuntz. Neben der Nachbarschaft im Wikipedia-Eintrag unter „Liste der Torschützenkönige der Fußball-Bundesliga“ verbindet die Genannten vor allem der Erfolg, der weit länger anhielt als ihre Regentschaft auf dem Thron der Knipser und Abstauber.

©daniel.schoenen_web

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Doch die Saison 1986/87 fügt der bis dahin makellos bronzenen Kanone erste Kratzer zu. Uwe Rahn wird mit 24 Toren erfolgreichster Schütze der abgelaufenen Saison. Kein Schlechter, will man meinen, und das war er auch nicht. Erinnert sei nur an seine Einwechslung im ersten Länderspiel 1984 unter Teamchef Franz Beckenbauer. Erste Ballberührung, erstes Tor, so konnte es weitergehen. Es folgten weitere Einsätze in der Nationalelf, starke Bundesligaspiele, dann der Gipfel mit dem Gewinn der Torjägerkanone. Gipfel aber auch deswegen, weil danach der jähe Absturz folgte. Formtief, Ladehemmung, Vereinswechsel, ein paar vereinzelte Tore, aber der Erfolg blieb aus. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, Rahn schleppe die 3,2 Kilogramm schwere Trophäe in jedem der folgenden Spiele als Ballast mit sich herum.

Einmal in ihrem Ansehen beschädigt, konnte die Goalgetter-Monarchie nie mehr jene Blüte längst vergangener Tage erreichen. Nach der kurzen Hochzeit unter Jürgen Klinsmann ging das Zepter an Thomas Allofs über, der nach der gewinnbringenden Saison beim 1. FC Köln gen Frankreich zog, dort gerade einmal 11 Spiele absolvierte und sich danach noch zwei mäßig erfolgreiche Jahre bei Fortuna Düsseldorf verdingte. Sein Nachfolger Roland Wohlfahrt, zweifacher Torschützenkönig, kann dagegen heute auf eine titelreiche Vereinskarriere beim FC Bayern München zurückblicken. Doch während es ihm bei seinem Club stets gelang, sich gegen die hochkarätige internationale Stürmerkonkurrenz durchzusetzen, hatte er im Nationalteam gegen die nicht minder hochkarätige nationale Stürmerkonkurrenz keine Chance. Zwei Freundschaftsspiele in 90 Minuten degradieren ihn zu einer Fußnote in der DFB-Historie.

1989/90 errang mit Jörn Andersen der erste Ausländer den Thron, 18 Tore reichten ihm zum Torschützenkönig. Er sollte fünf weitere Jahre in der obersten deutschen Spielklasse brauchen, um die nächsten 18 Tore zu sammeln. Torjäger kamen, Torjäger gingen. Fritz Walter, Anthony Yeboah, Mario Basler (der als Mittelfeldspieler in die Domäne der Strafraumwühler eindrang), Heiko Herrlich, Fredi Bobic, Michael Preetz, Martin Max – ihre Namen sind jedem Fußballfan ein Begriff, doch die Aufnahme ins kollektive Gedächtnis blieb ihnen verwehrt. Während die Torschützenkönige der siebziger und achtziger Jahre auch gleichzeitig die Strafräume internationaler Schauplätze bei Welt- und Europameisterschaften beherrschten, konnten die besten Liga-Stürmer in den Neunziger auf internationaler Ebene nicht überzeugen. Michael Preetz bestritt nur sieben Spiele in der Nationalmannschaft, Heiko Herrlich fünf und Martin Max kam ganze acht Minuten zum Einsatz.
Selbst bei Ulf Kirsten, immerhin dreifacher Torschützenkönig, kann man sich rückblickend des Gefühls nicht erwehren, er sei stets zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Hatte die Nationalelf keinen Erfolg, wie beim frühzeitigen Ausscheiden im Viertelfinale bei den Weltmeisterschaften 1994 und 1998, lacht uns Kirsten vom Mannschaftsfoto entgegen. War die Mannschaft erfolgreich, wie beim Gewinn der Europameisterschaft 1996, sucht man Kirsten hingegen vergeblich. Zu allem Überdruss wurde er vier Jahre später bei der EM 2000 noch einmal in den Kader berufen und damit unter Erich Ribbeck zum Teil eines der dunkelsten Kapitel deutscher Fußballgeschichte, an das sich niemand mehr gerne erinnert.

Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends vollzog sich dann ein Paradigmenwechsel, der sich schon vorher abgezeichnet hatte – die deutschen Stürmer gerieten gegenüber ihren ausländischen Konkurrenten ins Hintertreffen. Doch auch ihnen brachte die Trophäe nur selten Glück. Ebbe Sand und Sergej Barbarez, die sich 2000/01 den Thron teilten, stemmten sich noch halbwegs siegreich gegen den „Fluch“ der Torjägerkanone. Sie spielten auch nach der Siegerehrung erfolgreich, hatten jedoch Pech, dass sowohl ihren Vereinen als auch ihren Landesauswahlen der ganz große sportliche Wurf nie gelingen sollte.

Doch erging es ihnen weitaus besser als Nachfolger Marcio Amoroso, den man nur noch als überteuertes Missverständnis in Erinnerung hat. Noch heute gilt er (gemeinsam mit Franck Ribéry) als zweitteuerster Einkauf in der Bundesligageschichte. Den spanischen Dänen Thomas Christiansen, Torschützenkönig 2002/03, hat man hingegen gar nicht mehr in Erinnerung. Er teilte sich den Titel übrigens mit Giovane Elber, dem man allerdings nicht nachsagen könnte, er habe keinen Erfolg gehabt. Kein ausländischer Spieler hat mehr Tore erzielt, er gewann Meisterschaft, Pokal und die Champions League. Doch auch er kam nach der Krönung zum besten Torschützen nicht mehr in Schwung – das folgende Engagement in Lyon fand nach Streitigkeiten ein verfrühtes Ende, danach saß er für Borussia Mönchengladbach fast nur noch auf der Bank.

Die Geschichte von Nachfolger Ailton ist schnell erzählt. 2004 Double-Gewinn mit Werder Bremen, dazu Torschützenkönig mit 28 Toren. Danach der Wechsel zu Schalke 04, der Wechsel zu Besiktas Istanbul, der Wechsel zum HSV, der Wechsel zu Roter Stern Belgrad, zu Grashoppers Zürich, nach Duisburg, nach Donezk, nach Altach in Österreich, in die zweite brasilianische Liga und schließlich nach China. Der Kugelblitz ist längst verglüht.
Marek Mintal, siegreich in der darauf folgenden Spielzeit, ließ seinem Titel als Torschützenkönig immerhin den Gewinn des DFB-Pokals mit dem 1. FC Nürnberg folgen. Zudem wurde er noch einmal Klassenprimus der besten Torjäger, allerdings in Liga 2. Eben auch deshalb, weil er mit dem „Club“ das Kunststück vollbracht hatte, als amtierender Pokalsieger abzusteigen. Heute erweist er sich mehr denn je als würdiger Träger seines Spitznamens „Das Phantom“, weil man bisweilen selbst nach 90 Minuten seines Zutuns in einem Spiel nicht mehr weiß, ob er überhaupt dabei gewesen ist.

©Mr.Nico

©Mr.Nico

Die Erfolglosigkeit der Torschützenkönige war also längst zur Regel geworden, als mit Miroslav Klose 2005/06 die bestätigende Ausnahme den Titel errang. Seinen 25 Toren bei Werder Bremen ließ er fünf weitere bei der anschließenden WM im eigenen Land folgen und errichtete damit eine Doppelmonarchie von interkontinentalen Ausmaßen. Obwohl sein Wechsel zum FC Bayern so manches Formtief nach sich zog, ist seinem Porträt schon jetzt ein prominenter Platz in der Ahnengalerie des deutschen Fußballs reserviert.

Doch die Ausnahme blieb Ausnahme: Theofanis Gekas verwunderte erst die Liga mit 20 Toren in seiner Bochumer Debütsaison 2006/07, wechselte dann zur Verwunderung aller nach Leverkusen und wundert sich seitdem, dass er dort nur auf der Bank sitzt. Auch sein italienischer Kollegen Luca Toni ließ in seiner ersten Saison in Deutschland 2007/08 sämtliche Verteidiger alt aussehen und zeigte ihnen, wie man als Weltmeister Tor um Tor schießt. Nach vielen Verletzungen, Trainerwechsel, Einsätzen in der Dritten Liga und dem erzwungenen Abschied aus der Nationalmannschaft fühlt er sich inzwischen selbst ziemlich alt. Da passt es ja ganz gut, dass er sich häufig auf der Auswechselbank ausruhen kann.

Und so schließt sich der Kreis dann bei Grafite, der inzwischen aus seinem außerplanmäßigen Erholungsurlaub in Brasilien nach Deutschland zurückgekehrt ist und am vergangenen Spieltag sogar wieder ein Tor erzielte. Ob er jedoch die Bürde des Torschützenkönigs erfolgreich schultern kann, wird die Zukunft zeigen. Zumal uns ein abschließender Blick aus dem Fenster verrät, dass der Winter sein Kommen ankündigt. Eine Jahreszeit, in der sich nicht nur Südamerikaner schwer tun, unter freiem Himmel ihrem Tagwerk nachzugehen. Vielmehr wünscht man sich angesichts sinkender Temperaturen und matschigem Schneetreiben, man könnte in wärmere Gefilde entfliehen. Nach Australien vielleicht, in die Karibik oder nach Brasilien…

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