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MIT 2009: 1. FC Nürnberg

Statistik

© gunnar3000

Neulich im Statistischen Bundesamt: Ein Bewerber im Vorstellungsgespräch, ihm gegenüber drei leitende Angestellte. Während sich die Herren vom Amt mit Anzug und Krawatte herausgeputzt haben, sitzt der Bewerber mit lässig tiefsitzender Jeans, Kapuzenpulli und Baseballcap auf seinem Stuhl und flüstert entgeistert: „So, let me recap. You got nothing to do with sports? No NBA, no NFL? You’re not doing the stats? Holy cow…“

Selbst wenn sich diese Szene möglicherweise so nie abgespielt haben mag, wäre es in der Tat verwunderlich, wenn sich nicht schon längst ein leidenschaftlicher US-amerikanischer Sportfan beim Statistischen Bundesamt beworben hätte – schließlich spielen Statistiken im amerikanischen Sport eine herausragende Rolle. Egal ob Basketball, Football oder Eishockey, nicht nur jede Mannschaft, sondern auch jeder einzelne Spieler wird über die gesamte Saison, ja über seine gesamte Karriere hinweg, von fleißigen Statistikern observiert. Obwohl nur ein kleines Rädchen im Getriebe einer Mannschaft, werden seine Aktionen auf dem Spielfeld bis ins winzigste Detail zerlegt, durchleuchtet und in unzähligen Kategorien festgehalten.

All dies geschieht natürlich nicht ohne Grund: Zwar wollen uns Trainer, Clubbesitzer und Wissenschaftler immerzu weismachen, das Datenmaterial werde ausschließlich zur Verbesserung der Leistung erhoben. In Wahrheit dient es jedoch lediglich dazu, das menschliche (und besonders das amerikanische) Bedürfnis nach Siegen und Superlativen zu stillen. Je mehr Kategorien existieren, in denen ein Spieler nach Ablauf der Saison zum Besten gekürt werden kann, desto mehr Siegerehrungen gibt es zu feiern und desto mehr Titelträger laufen in der darauffolgenden Spielzeit über die Spielfelder.

So finden wir in der Basketball-Liga NBA von „Rebounds“ bis zur „Treffsicherheit bei 3-Punkte-Würfen“ allein acht Kategorien, in denen ein Spieler triumphieren kann. Allerdings käme schnell Langeweile auf, ehrte man die besten Spezialisten immer nur nach Ablauf der Saison. Deswegen gibt es etwa den besten Blocker des Tages, den besten Blocker der Woche, des Monats, der regulären Saison, der Playoffs, der gesamten Saison…

Doch damit nicht genug – daneben finden wir noch eine Sammlung weiterer Einzeltitel, weit bedeutender als der Spitzenrang in einer der genannten Kategorien: Mitglied im All-NBA Team (Auswahl der besten Spieler einer Saison), MVP (bester Spieler), Rookie of the Year (bester Debütant), MVP der Finals, Mitglied im All-Defensive-Team (Auswahl der besten Defensivspieler einer Saison), Defensive Player of the Year und Best Sixth Man (bester Bankspieler).

Mein persönlicher Lieblingstitel ist allerdings der des Most Improved Players, also des Spielers, der sich im Vergleich zur vorherigen Saison am meisten verbessern konnte. Ihm wohnt etwas Tröstliches, beinahe Hoffnungsvolles inne. Er ist einer der wenigen Titel, die Michael Jordan nie erringen konnte oder nach dem sich LeBron James auch in Zukunft vergeblich wird strecken müssen. Denn diese Superstars waren schon immer spitze und das von Anfang an.
Der Titel des Most Improved Players gehört den anderen, den durchschnittlichen Spielern – er gehört uns, die wir so selten aus der Masse herausragen. Dann schlägt die Stunde von Otto Normalspieler, der mit einer einzigen großartigen Saison aus dem Schatten der Superstars heraustritt und landesweite Bekanntschaft erlangt. Nicht selten ist die Auszeichnung sogar gleichzeitig Startschuss für eine bedeutende Karriere jenseits des Durchschnitts.

Der Fußball hat sich dem hier exemplarisch beschriebenen Basketball in dessen Lobpreisung des Individuums und Verehrung für den Einzelnen einstweilen angenähert. Wir küren „Deutschlands Fußballer des Jahres“, „Europas Fußballer des Jahres“ und natürlich auch den „Weltfußballer des Jahres“. Nach einer Partie bei einem Großturnier wie Europa- oder Weltmeisterschaft erhält der „Man of the Match“ eine hässliche Trophäe. Im Kicker kann man über den „Spieler des Monats“ abstimmen, und das „Tor der Woche“ kommt mit den anderen Toren der Woche in den großen Topf zur Wahl des „Tor des Monats“, das sich wiederum mit seinen elf Kollegen um die Auszeichnung „Tor des Jahres“ bewirbt.

Team

© einseitig-info

Sieht man einmal von den regulären Titeln wie Meister oder Pokalsieger ab, sind Mannschaftsehrungen in der Mannschaftssportart Fußball ausgesprochen selten. Nur bei der Wahl zum „Sportler des Jahres“ erhält auch das „Team des Jahres“ seine Würdigung, das demnach aber nicht zwangsläufig gegen den Ball tritt, sondern auch schon mal mit Skiern von der Schanze springt oder im Ruderboot sitzt.

Daher sollte man zur Stärkung des Gemeinschaftsgeistes und des Kollektivgedankens im Fußball einen weiteren, gruppenorientierten Preis ausloben. Natürlich gilt es dabei zu beachten, dass der FC Bayern München trotz aktueller italienisch-niederländischer Verstimmungen ein gefühltes Abonnement auf Auszeichnungen besitzt. Was läge also näher als die Einführung des Titels „Most Improved Team“, kurz MIT genannt. Endlich hätten Teams wie Eintracht Frankfurt, wie Borussia Mönchengladbach oder wie der 1. FC Köln wieder reale Titelchancen. Endlich könnte Hannover 96 einmal weit vor den großen Nordrivalen aus Hamburg oder Bremen landen. Und endlich gäbe es wieder einen Grund für die Fans vom VfL Bochum, überhaupt ins Stadion zu gehen.

In der laufenden Saison wäre der 1. FC Nürnberg ein heißer Kandidat auf den Titel des MIT. Die Mannschaft von Michael Oenning bewegt sich zwar in der Tabelle in gewohnt niederen Regionen (Platz 14) und auch die Punkteausbeute (12 Punkte) ist mehr als überschaubar. Doch nicht erst seit dem überraschenden Auswärtssieg beim VfL Wolfsburg am vergangenen Samstag weiß die junge Mannschaft aus Franken mit schnellem Tempofußball und flinken Kombinationen zu überzeugen.
Der Zweitligaaufenthalt im letzten Jahr wurde ausgesprochen klug genutzt, um die Mannschaft zu verjüngen und an ein paar wenigen erfahrenen Routiniers auszurichten. Die Achse Schäfer, Pinola, Kluge, Mintal und Eigler gibt dem Team ein festes Rückgrat. Junge Spieler wie Diekmeier (20 Jahre), Nordtveit (19 Jahre), Judt (23 Jahre) oder Choupo-Moting (20 Jahre) können sich auf dem Spielfeld an ihnen orientieren und gleichzeitig ihre jugendlich-spielerische Unbekümmertheit ausleben. Die sonst leere Worthülse „Führungsspieler“ scheint beim Club Substanz zu besitzen.

Großen Anteil an der schön anzuschauenden, wenn auch bislang nur mäßig erfolgreichen Spielweise hat Trainer Michael Oenning. In seiner Außendarstellung angenehm unprätentiös und gelassen, drängen sich schnell Vergleiche mit dem nordischen Stoiker auf der Trainerbank, Thomas Schaaf, auf. Oenning hat seinem Team ein geradliniges Spielsystem verpasst, ohne seinen in der Qualität zweifelsfrei nur durchschnittlichen Kader zu überfordern.
Darüber hinaus bleibt er auch in Krisensituation bislang ausgesprochen souverän, spricht und handelt überlegt, sachlich, beinahe ein wenig langweilig. Fast so, wie man sich einen leitenden Angestellten beim Statistischen Bundesamt vorstellt. Ein solcher würde im völlig festgefahrenen Vorstellungsgespräch mit dem deplatzierten Ami freundlich lächeln, dann sachlich auf das Jahrbuch 2009 verweisen, Seite 189 aufschlagen und mit dem Finger auf jene Tabelle tippen, die sämtliche deutschen Medaillengewinner bei Olympischen Sommerspielen nach Sportarten auflistet: „You see?! Sports!“.

Vielleicht finden wir in ein paar Jahren auf Seite 200 des Jahrbuchs neben einer Tabelle mit sämtlichen Meistern der Fußballbundesliga auch eine kleine, unscheinbare, völlig durchschnittlich wirkende Auflistung mit den MITs – und mit Nürnberg als erstem Titelträger.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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