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Versuch’s mal mit Gemütlichkeit

Bundesliga, 11. Spieltag

Als zahlender Fan fühlt man sich im Stadion mitunter als armes Würstchen, das sich am liebsten kopfüber in den Senftopf stürzen würde. Da investiert man nicht nur ein hübsches Sümmchen für die Eintrittskarte, sondern verbringt fast den ganzen Samstag in öffentlichen Verkehrsmitteln, Schulter an Schulter mit Gleichgesinnten, und fühlt sich eingesperrt wie in einer Großpackung Grillwürste zur Sommerzeit im Kühlregal. Denn ohne die Weisheit eines Sepp Herberger diskreditieren zu wollen, dauert ein Spiel für den treuen Fan sehr viel länger als 90 Minuten.

1.FC Köln – Hannover 96 0:1

So sitzt man also am Samstagnachmittag im Rhein-Energie-Stadion in Köln, freut sich auf ein unterhaltsames Spiel, mehr noch auf einen überzeugenden Sieg des FC, nur um mit einem Mal festzustellen, dass man nichts ahnend einer neuen Sportart beiwohnt, die hoffentlich nie olympisch werden wird. Der „gemütliche Herrentrab“ (Steffen Simon, Sportschau 30.10.2009), den die Kölner Mannschaft mit Verve und 90-minütiger Konsequenz zelebriert, wirkt beim Zuschauer wohlig entkrampfend, löst jegliche Anspannung und erzeugt eine meditative Schwere, die sich matt auf die Besucherränge legt. Doch kurz bevor sich die Augenlider gänzlich schließen, fällt der müde Blick auf die eigene Eintrittskarte, die mit unbestechlicher Druckerschwärze bescheinigt, dass man sich gegen Geld den Einlass zu einem FUSSBALLSPIEL erkauft hat, und sofort setzen Stress und Ärger dem entspannten Sein ein jähes Ende.
Hätte sich die Mannschaft von Hannover 96 an der Gemütlichkeit des Herrentrabs beteiligt, hätte man sich vielleicht sogar der geballten Sorglosigkeit auf dem Spielfeld mit einem gepflegten Nickerchen anschließen können. Wenigstens hätte man sich nach dem Aufwachen und dem verpennten 0:0 über einen wichtigen Punkt gefreut. Doch im Gemütlichkeitstrab scheinen die Kölner Spieler ihren Konkurrenten weit voraus.

Angeführt vom Torschützen Jan Rosenthal und einem aufgrund seiner Mittvierziger-Erscheinung überraschend agilen Jiri Stajner spielen die Hannoveraner zwar harmlos, kommen den gemütlichen Trabern aus der Domstadt aber wenigstens nicht in die Quere. Sie schießen in der ersten Halbzeit ein Tor, die Kölner schießen in der zweiten Halbzeit erstmals aufs und leider nicht ins Tor, und in der verbleibenden Zeit versuchen beide Teams, – übrigens erfolgreich – möglichst wenig zu schwitzen. Nasse Trikots machen schließlich jede Gemütlichkeit zunichte.

VfL Wolfsburg – 1.FSV Mainz 05 3:3

In anderen Stadien sind hingegen nicht nur die Leibchen vom Schweiß der Protagonisten durchtränkt, sondern auch die Handflächen der Zuschauer glitschig wie Wurstpellen in Metzgerhand. Mainz trotzt dem deutschen Meister nach aufregendem Spiel ein 3:3 Unentschieden ab, obwohl den Spielern sicher niemand einen Vorwurf hätte machen können, wenn sie nach dem 0:2 Rückstand zum gemütlichen Trab übergegangen wären.

1.FC Nürnberg – SV Werder Bremen 2:2

In Nürnberg überrascht der Aufsteiger mit Tempofußball und bringt das längst wiedererstarkte Werder Bremen an den Rand einer Niederlage. Aber auch hier keine Spur von Resignation, die sich ja nicht selten in trabender Eleganz ergeht. Die Bremer Elf zeigt Moral, Aaron Hunt die Auswirkungen eines positiven Laufs, und so donnert der baldige Nationalspieler den buchstäblich letzten Ball mit der Nachspielzeit in den Nürnberger Winkel zum 2:2 Ausgleich.
Gibt es denn keine Konkurrenz zur Kölner Traberelite?

VfB Stuttgart – FC Bayern München 0:0

Ein 0:0 in Stuttgart scheint vom Ergebnis her auf einen gemütlichen Nachmittag hinzudeuten, doch Markus Babbel hat angesichts der sportlichen Talfahrt seiner Schützlinge wahrscheinlich längst vergessen, wie man „Gemütlichkeit“ überhaupt schreibt. Die Mannschaft des VfB trabt allerdings nur vor dem Anpfiff, und zwar nicht zum Aufwärmen auf den Rasen, sondern geradewegs in die eigene Fankurve. Ein Zeichen der Verbrüderung mit dem eigenen Anhang, eine aufrüttelnde Geste, aber auch ein verzweifelter Hilferuf. Die Verzweiflung ist dann auch auf dem Spielfeld zu spüren. Stuttgart läuft nicht, Stuttgart rennt, Stuttgart grätscht, Stuttgart schießt, aber das Tor fällt wie immer nicht. Hat Cacau eigentlich die Telefonnummer von Aaron Hunt? Die Bayern setzen das Konzept ihres immer leicht konfus wirkenden Fußballlehrers Louis van Gaal prächtig um und rennen sich in haarsträubender Konfusion selbst über den Haufen. Immerhin, ein Rennen auch hier.

FC Schalke 04 : Bayer Leverkusen 2:2

Blicken wir in den Ruhrpott: Schalke erkämpft in den letzten sieben Minuten der Partie gegen den Tabellenführer Leverkusen ein 2:2 Unentschieden. Felix Magath hatte den Knappen schon mit Amtsantritt zu Saisonbeginn den Hang zum Trab mit Medizinbällen und Bergläufen ausgetrieben. Gemütlichkeit kehrt bei ihm höchstens auf der Pressekonferenz nach dem Spiel ein, wenn er am lauwarmen Tee nippt und in geselliger Runde verkündet, dass das Wasser, das dem finanziell angeschlagenen Verein bis zum Hals steht, nach der Finanzspritze der Stadt Gelsenkirchen inzwischen dieselbe Temperatur wie der wohlmundende Tee angenommen hat.

Borussia Dortmund – Hertha BSC Berlin 2:0

In Dortmund erleben wir schon am Freitag nicht nur einen der beiden einzigen Heimsiege des Spieltags, sondern mit der gastierenden Hertha aus Berlin auch einen dem Kölner Traberverein fast ebenbürtigen Vertreter des gemächlichen Schrittes. Allerdings sei den verzagten Berliner Spielern zugutegehalten, dass die veritable Frustration aufgrund der beinahe aussichtslos anmutenden Tabellensituation die Beine schon ziemlich schwer machen kann. Der 2:0 Niederlage erwehren sich die Funkel-Schützlinge denn auch ebenso tapfer wie erfolglos. Bleibt letztlich nur die Einsicht, dass sich beim Umherirren in der Fremde und im Schein der roten Laterne keine rechte Gemütlichkeit einstellen will.

Eintracht Frankfurt – VfL Bochum 2:1

„Herrlich!“ „Herrlich“, ertönt es dagegen aus Frankfurt. Leider antworten die gastierenden VfL Bochum-Anhänger damit nicht auf die Frage, wie das Spiel bei der Eintracht gelaufen sei, sondern auf die Frage nach dem neuen Hoffnungsträger an der Seitenlinie. Dieser empfindet jedoch in der 90-minütigen Darbietung seiner Mannschaft selten Gelegenheit, den eigenen Nachnamen zu zitieren. Frankfurt spielt dagegen wie eine Mannschaft aus dem grauen Mittelfeld der Tabelle; schnörkellos bieder, effizient, aber langweilig, dem Unentschieden immer näher als dem eigenen Sieg. Dank eines Treffers von Maik Franz ins falsche weil eigene Tor, kommt so etwas wie Spannung auf, die sich aber dank eines Treffers von Maik Franz, diesmal ins richtige weil gegnerische Tor, schnell wieder legt. Die Eintracht schickt Bochum schließlich mit 2:1 ohne Punkte wieder nach Hause und kommt, wie sich das für eine Mannschaft aus dem grauen Mittelfeld der Tabelle gehört, im grauen Mittelfeld der Tabelle an.

SC Freiburg – TSG 1899 Hoffenheim 0:1

Im Breisgau jagen am gleichen Sonntag furiose Hoffenheimer furiose Freiburger über den eigenen Platz. Obwohl beim knappen Sieg der TSG Hoffenheim nur ein einziges Tor fällt, hätte der Wirbel der 22 Ballkünstler bei jedem Kölner Gemütlichkeitstraber ernstzunehmende Schwindelanfälle ausgelöst.

Hamburger SV – Borussia Mönchengladbach 2:3

Während also auf den anderen Plätzen an diesem 11. Spieltag meist Fußball gespielt, manchmal gekämpft, selten auch zelebriert wurde, ist dem Kölner Fan zwar nicht nach Feiern zumute – und das will in Köln schon was heißen -, doch wenigstens hat er es schön gemütlich. Bliebe da nicht der Blick rheinaufwärts zum ewigen Rivalen aus Gladbach, der diesmal allerdings weiter gen Norden bis nach Hamburg wandern und dort einem Husarenstück der besonderen Art beiwohnen muss.

Sieben sieglose Spiele der Borussia ließen den gemütlichen Trab der eigenen Kölner Mannschaft bislang wie ein virtuoses Tanztheater erscheinen. Doch mit einem Mal besinnt sich die Gladbacher Mannschaft auf ihre Stärken, die kriselnden Neueinkäufe Arango und Bobadilla spielen umtriebig und keck wie zu Saisonbeginn, und plötzlich findet sich Trainer Michael Frontzeck nach dem Spiel in der Verlegenheit, statt der fast lieb gewonnenen Durchhalteparolen diesmal stolze und selbstbewusste Aussagen in die bereitstehenden Mikrofone zu diktieren. Der bislang so stabil erscheinende HSV verliert trotz zweimaliger Führung völlig verdient im eigenen Stadion mit 2:3. Unbestätigten Quellen zufolge waren die Borussen selbst beim Auslaufen nach dem Spiel schneller als Podolski, Maniche & Co im Spiel gegen Hannover.

Vielleicht sollte Zvonimir Soldo ernsthaft darüber nachdenken, ob Balu der Bär wirklich der richtige Motivationstrainer für den FC ist: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit…“

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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