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I know how to play that game!

Am Dienstag verkündete der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes, dass das Ermittlungsverfahren gegen Maik Franz, der seinen Gegenspieler Aristide Bancé im Duell Eintracht Frankfurt gegen Mainz 05 rassistisch beleidigt haben soll, aufgrund mangelnder Beweislage eingestellt worden sei. Der Verdacht gründete sich einzig auf die Aussage Bancés im Anschluss an das hitzige Rhein-Main-Derby:

“Er hat mich das ganze Spiel über provoziert, meinen Vater, meine Mutter beleidigt. Er hat mich als dreckigen Nigger bezeichnet” (Bancé im SWR)


Franz bestritt die Vorwürfe vehement und wurde nun mangels Beweisen freigesprochen. Aristide Bancé wiederum, dem vorgeworfen wird, Maik Franz nach dem Schlusspfiff den Mittelfinger gezeigt zu haben, wurde am Mittwoch vom Kontrollausschuss des DFB zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verdonnert – in seinem Fall herrscht nämlich an Beweisen kein Mangel:

Screenshot DSF

Screenshot DSF

Maik Franz gerät nicht zum ersten Mal ins Visier der Sittenwächter beim DFB, und auch nicht zum ersten Mal fungiert sein Verhalten als Auslöser für eine Debatte über Anstand, Moral und Fair Play auf dem Fußballplatz. Die neutralen Berichterstatter in der Presse urteilen fast einhellig: Franz’ Verhalten in einem Spiel überschreite häufig die Grenze zur Unfairness und sei daher nicht akzeptabel. Gleichzeitig sind die Berichte jedoch von einer irritierenden Anerkennung und Würdigung durchdrungen, mit dem Tenor: „Furchtbar, wie der sich aufführt…aber er ist deswegen auch ungemein wichtig für die Mannschaft.“

Was sich dann anschließt, ist eine Aufzählung derer, die sich nicht nur als gute Fußballer, sondern auch als grenzwertige Charaktere einen Namen machen konnten: Stefan Effenberg, Mario Basler, Lothar Matthäus, Oliver Kahn. Von den aktiven Fußballern werden Michael Ballack, Mark van Bommel und Genarro Gattuso am häufigsten als Referenz für den Spieler des Typs „Drecksack, aber wichtiger Führungsspieler“ herangezogen.

Schon im Sommer 2008, als sich Maik Franz noch im Trikot des KSC innerhalb kürzester Zeit mit Mario Gomez und Ioannis Amanatidis anlegte, reagierte die Presse nach dem gleichen Muster. Auch damals galt die einhellige Meinung: „Furchtbar, wie der sich aufführt…aber er ist deswegen auch ungemein wichtig für die Mannschaft.“

Leider hat sich bis heute niemand bemüßigt gefühlt, die Bedeutung eines solchen Spielers für das eigene Team näher zu beleuchten. Warum ist eine Mannschaft erfolgreicher, wenn sie einen aggressiven, nicht selten unfairen Spieler in ihren Reihen weiß? Was ist so gewinnbringend an Trash Talk, versteckten Fouls und endlosen Provokationen? Ist man womöglich schon zur Niederlage verdammt, wenn man dem Gegenspieler den ins Aus gerollte Ball zuwirft, anstatt ihn über die Bande zu bolzen? Oder anders gefragt: Nähere ich mich mit jedem versteckten Tritt gegen des Gegners Knöchel dem eigenen Sieg?

Die Antworten auf diese Fragen fallen bislang recht dürftig aus und klingen oft ausweichend. Meist erschöpft sich die Replik schon mit dem Hinweis auf Mannschaften, die über keinen „Aggressiv-Leader“ (Ottmar Hitzfeld über Mark van Bommel) verfügen. Diese seien zu brav, zu nett, zu harmlos und damit auch zu erfolglos. Stellvertretend dafür das Urteil von Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz in der FR über die Frankfurter Elf in der Prä-Franz-Ära:

„Gerade die Eintracht, die seit jeher als zu brav galt, fehlte ein Spieler, der sich nichts gefallen lässt, der nicht auch noch die andere Wange hinhält, ihr fehlte ein Drecksack.“

Heißt das in der Konsequenz, dass selbst Per Mertesacker und Philipp Lahm die Eintracht nicht voran bringen würden, gelten die beiden Nationalspieler doch als ausgemacht faire Sportsmänner?

Wo liegt nun also die immer wieder beschworene Bedeutung eines Grenzgängers zwischen Fair Play und roter Karte? Leicht nachvollziehbar ist die Tatsache, dass ein solcher Spieler befähigt ist, Emotionen im Spiel zu wecken. Sein Verhalten auf dem Platz macht den Gegner wütend, der seinen Zorn dann in Zweikämpfe mit anderen Spielern trägt, die sich wiederum ihren direkten Gegenspieler vorknöpfen, usw. Das Spiel wird giftig, Rangeleien und versteckte Tritte sind mit einem Mal allgegenwärtig und der Schiedsrichter hat seine liebe Not, die Kontrolle zu behalten.

Doch genau das ist das entscheidende Stichwort für meinen Einspruch: Kontrolle. Das eben beschriebene Szenario ist meist ja nur der Anfang. Was folgt, sind unnötige Fouls, gehäufte Verwarnungen, der eine oder andere Platzverweis und möglicherweise noch der spielentscheidende Elfmeter. Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass ein seriöser Trainer sein Team einem unkontrollierbaren Strudel der Emotion überantwortet, in dem es die Ordnung, die taktische Ausrichtung und schließlich auch den Kopf verliert?

Wenn ein Spieler der Marke „Drecksack“ demnach keine direkte Hilfe für sein Team ist, vielleicht bringt er es ja indirekt voran. Indem er den dominanten Spieler des Gegners im Laufe einer Partie bis aufs Blut reizt, bis dieser entnervt sein Hirn ausschaltet und auf dem Platz Amok läuft. Fälle jener gezielten Dauerprovokation gibt es zuhauf, und wer das Finale der Weltmeisterschaft 2006 gesehen hat, wird sich rasch daran erinnern, dass solche Aktionen leider viel zu oft von Erfolg gekrönt sind. Gleichwohl gibt es nur wenige Mannschaften, die am Tropf eines einzigen zentralen Spielers hängen. Verfügt dieser dann noch über stärkere Nerven als Diego oder Zinedine Zidane, dann laufen die Provokationen schnell ins Leere und das „Mobbing-Opfer“ antwortet mit Traumpässen und Toren.

So zeigt sich, dass vor allem jene Spieler, die gerne austeilen, auch um des Einsteckens nicht verlegen sind. Von Michael Ballack wird gerne behauptet, dass er nicht nur körperlich robust zu Werke gehe, sondern auch der Garde der Trash-Talker zuzuordnen sei. So weiß der ehemalige Frankfurter Alexander Schur zu berichten:

“Mit Ballack habe ich mich immer beharkt. Er erzählt das ganze Spiel über, ist nur beim Schiri und beschwert sich, da drückt man ihm dann halt einen Spruch rein. […] ‘Bist du ein Mädchen?’ ‘Was laberst du hier rum?’ ‘Lass es uns auf dem Platz regeln?’ So was in der Art. Aber Ballack hat das eh nicht gestört. Der hat dich permanent zugequatscht.”

Vielleicht kommen wir damit dem Geheimnis hinter dem Wert eines „Aggressiv-Leaders“ ganz nah. Die Ausstrahlung, die ein Spieler wie Ballack an den Tag legt, demonstriert Überlegenheit, seine Attitüde Unangreifbarkeit und seine Körpersprache Unbesiegbarkeit. Die psychologischen Mätzchen, das Imponiergehabe und die bis zur Arroganz gesteigerte Zurschaustellung des eigenen Selbstbewusstseins sind die Mittel, Trash Talk und übertriebene körperliche Härte die Werkzeuge, um den Gegner im Spiel, das zwischen den Zeilen des Regelwerks abläuft, schon vorab zu besiegen.

Interessanterweise gelten viele der herausragenden Größen in ihrem Sport als Trash Talker und Meister des Imponiergehabes: Muhammad Ali, John McEnroe, Michael Jordan. Scheinbar sind Provokationen und ein hin und wieder ins Unfaire abgleitendes Verhalten nicht nur spitze Angriffswaffen, sondern gleichzeitig auch schwer erschütterbare Verteidigungspanzer. Wer je gesehen hat, wie lässig Michael Jordan eine gegnerische Trash Talk Attacke pariert (siehe Video), der weiß, was er meint, wenn er behauptet: „I know how to play that game.“

Muss man also Moral und Fair Play schlussendlich doch zu Grabe tragen? Ein Name verbindet sich mit der Hoffnung, dass die Zeit für die Totenwache am Bett der Sportlichkeit noch nicht gekommen ist: Roger Federer. Der Schweizer Tennisprofi wurde im Frühjahr 2009 zum fünften Mal in Folge als fairster Spieler auf der ATP World Tour ausgezeichnet; nicht von den Zuschauern oder von Sportjournalisten, sondern von seinen Gegnern. Federer hat sich ebenfalls ein Image der Unbesiegbarkeit aufgebaut, aber quasi als „weißer Ritter“, auf dem Fundament eines fairen und sportlichen Verhaltens. Ein Beispiel, das leider viel zu selten Schule macht.

Mitunter trägt die Fairness allerdings auch seltsame Blüten, wie das abschließende Video beweist. Zum besseren Verständnis sei erklärt, dass der beteiligte Spieler von Ajax Amsterdam nach einer Spielunterbrechung versucht, den Ball fairerweise ins Aus zu spielen, um dem Gegner den Ballbesitz zu ermöglichen.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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