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Walt Whitman über Thomas Hitzlsperger

Ob die Spieler des VfB Stuttgart Walt Whitman kennen? Oder sogar dessen Gedicht über Abraham Lincoln? Vielleicht kennen sie aber auch einfach den Film “Der Club der toten Dichter“.

Dann könnte es sogar sein, dass sie sich nach dem Training am Dienstag in der Umkleidekabine, noch außer Atem von der Übungseinheit, verschwitzt und erschöpft, erhoben haben, einer nach dem anderen, sich verstohlen nach links und rechts umblickend, unsicher erst, skeptisch, im Herzen aber längst wild entschlossen, dass sie also aufgestanden sind, als Thomas Hitzlsperger die Kabine betrat, jener Thomas Hitzlsperger, der nur Minuten zuvor davon in Kenntnis gesetzt worden war, nicht länger als Mannschaftskapitän fungieren zu dürfen, der von der sportlichen Leitung abserviert, beschnitten, degradiert worden war, und der nun die Tür zur Umkleidekabine öffnete, schon den

© boing

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Schweißgeruch in der Nase, die eigene Seele ob der Hiobsbotschaft in einem inneren Meer der Traurigkeit ertrinkend, den Fuß über die Schwelle setzend, bis er plötzlich in der Bewegung stockte, die Hand fest um die Türklinke geklammert, seinen Augen nicht trauend beim Anblick der Kameraden, die sich alle erhoben, einer nach dem anderen, und die Worte „Captain, mein Captain“ erfüllten den Raum, erst geflüstert, mit zittrigen Stimmen, als entsprängen sie bebenden Mündern verschüchterter Schulbuben, sich dann von allen Seiten nähernd, sich mischend, noch kakophon, mit dem Anwachsen der Masse zugleich an Lautstärke gewinnend, weil ein jeder beflügelt vom beispielgebenden eigenen Handeln aufstand und nicht nur sich erhob, sondern auch die Stimme erhob, den ungleichen Chor anschwellen ließ, bis die Stimmen im regen Fluss der Rhythmik sich vereinend, „Captain, mein Captain“, aus aufgerissenen Münder entsprudelnd, „Captain, mein Captain“, einen reißenden Strom des Stakkatos bildeten, der, eskortiert von wilden Blicken des Mutes und einer bis zur Verzweiflung gesteigerten Kühnheit, beflügelt von Gemeinschaft, Treue und Zusammenhalt, in Richtung des Anführers schwappte, ihres Anführers, der noch in Starre der Ungläubigkeit geeist einem antiken Helden gleich im Türrahmen stand, nach außen fest, unerschütterlich, doch längst bebend im Innern, aufgewühlt vom Bild, das sich ihm bot und seinen Augen zugleich gebot, sich nicht abzuwenden, sondern den tränenerfüllten Glanz der Dankbarkeit an die Kameraden auszusenden, auf dass jener stille, mit Stummheit geschlagene Dank mehr bedeute als stumpfe, sinnentleerte Worte, derer viel zu viele gewechselt worden waren in diesen Tagen der Tristesse.

Äh…ja…da habe ich mich wohl ein wenig treiben lassen. Eigentlich wollte ich über die Bürde des Kapitänsamt schreiben, über Oliver Kahn, Milivoje Novakovic und eben über Thomas Hitzlsperger. Doch das lasse ich jetzt lieber sein – stattdessen werde ich gleich bei der Videothek vorbeischauen, um mir „Club der toten Dichter“ auszuleihen.

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