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Auf den Hund gekommen!

Man stelle sich vor, ein Hund spaziere am grau-winterlichen Samstagnachmittag vor der ersten Rückrundenbegegnung zwischen Hannover 96 und Hertha BSC Berlin über den schneegefleckten Rasen der noch menschenleeren AWD-Arena zu Hannover. Nehmen wir, um diesen Tatbestand aus seinem imaginär-abstrakten in einen imaginär-gegenständlichen Aggregatzustand zu überführen, beispielsweise eine bei Kindern so beliebte und von Kennern hoch geschätzte kurzhaarige istrische Bracke.

Wir beobachten also, wie unsere Bracke, gut 36 cm groß und damit noch nicht ganz ausgewachsen, ihre hängenden braunen Ohren beschwingt vergnügt über den weiß-grünen Rasen trägt, auf der Suche nach intellektueller Zerstreuung oder einem Knochen, je nachdem, was sich zuerst finden lässt.

© caroelchen

© caroelchen

Wie der Zufall es so will – und an dieser Stelle gilt es zu erwähnen, dass die kurzhaarige istrische Bracke (möglicherweise ganz im Gegensatz zu ihren Verwandten der rauhaarigen Art) bislang noch nicht durch einen übermäßigen Hang zum Fatalismus aufgefallen ist, womit dann auch der Zufall in diesem Zusammenhang durchaus gerechtfertigt als deus ex machina die Hundeleine führen kann – der Zufall also lenkt die am vornehm geschwungenen Hundekörper in unnachahmlich prächtiger Proportionalität angewachsenen und jetzt in Bewegung gesetzten Beine in die Katakomben des Hannoveraner Stadionbaus.

Und da der Zufall nun schon einmal auf dem Regiestuhl Platz genommen hat, lässt er einen einzelnen, nur auf Stulpen daher wandernden Spieler von Hertha BSC durch die abgeblendete Düsternis des Ganges kommen, mit dem Ziel, sich zur Mannschaftsbesprechung in der Gästekabine zu gesellen. Natürlich – man ahnt es schon – kommt es zur beinahe unabwendbaren Begegnung Hund – Spieler (oder sind wir jetzt auf Umwegen doch beim Fatalismus gelandet?), die wir im bereits oben verfolgten Sinne des gesteigerten Realismus zur Begegnung Bracke – Arne Friedrich vervollständigen. Dass nun ausgerechnet der Kapitän der Berliner Mannschaft so verlassen – ja, man kann fast sagen, einsam – durch die Gewölbe des Stadions irrt, fällt in den Verantwortungsbereich des Zufalls – ich selbst vermute, es liegt am Bart.

Essentiell an dem Treffen zwischen Tier und Mensch ist jedoch der temporäre Gefühlszustand des Menschen (einsam) und der chronische Gefühlszustand des Tieres (treudoof), die aus dem flüchtigen Zusammentreffen ein zeitweises Begleiten machen. So wird es kurze Zeit später auch nur noch Friedhelm Funkel, nicht aber den Leser verwundern, dass der Taktikschulung am Whiteboard nicht die gewohnten 36, sondern an diesem buchstäblich merkwürdigen Tag 38 Augen folgen, um das Verschieben der Vierer-Kette und das Zustellen der Räume bei gegnerischem Ballbesitz zu verinnerlichen.

Wer nun eine ob des tierischen Besuchers unmittelbar folgende Reaktion des Trainers erwartet, sieht sich getäuscht – Funkel scheint den Vierbeiner gar nicht zu bemerken, obgleich dieser seine Hinterläufe genüsslich entspannend auf einer Sitzbank abgeladen und die Vorderläufe dabei in einer ausladenden Geste der unbeschwerten, fast schon provokativ lässig wirkenden Lümmelei weit von sich gestreckt hat. Zu seiner Linken sitzt Arne Friedrich, weniger lümmelnd als vielmehr sich einer der flammenden Rede des Trainers angemessenen Aufmerksamkeit anheischig machend, um bloß kein Wort zu verpassen.

Denn der Berliner Übungsleiter hat sich vom eigenen Vortrag gefangen nehmen lassen und reitet nun auf einer Welle selbst in Wallung gebrachter Euphorie dahin, stetig gefüttert von weiteren Tiraden und martialischen Floskeln, die seine Bewegungen hektischer, seine Augen wilder und seine Aussprache feuchter werden lassen.

Zum Inhalt wüsste unsere Bracke, Sprachvermögen und einfachste Auffassungsgabe vorausgesetzt, nur wenig zu berichten. Das läge aber nicht an ihrem mangelnden Fußballfachverstand, den man der istrischen Bracke ja ganz gerne mal unterstellt, sondern vielmehr am aufputschenden und kämpferischen Gehalt in Funkels Ausführungen. Denn nicht selten ist einhergehend mit einer anstachelnden Ausgestaltung des Vortrags auch ein zeitgleicher Rückgang, wenn nicht gar Verlust, von inhaltlicher Substanz zu verzeichnen – was bleibt, ist der Rückzug des Referenten auf das minenfreie Feld der Floskeln.

Nun sei die Frage erlaubt, wer in Funkels Haut steckend auf das Instrument der lautmalerisch ummantelten Leere verzichten könnte, angesichts des katastrophalen sportlichen Abschneidens seines Teams in der vorangegangenen Hinrunde. Eine Floskel hie, eine Phrase da, abgerundet mit einer Prise Kampfrethorik, auf dass die schale Saat der Aufmunterung und der Motivation bei den Spielern auf zwar mürben und eingetrockneten, durch die lange Brache jedoch fruchtbaren Boden falle, ganz der Hoffnung verpflichtet, es mögen tragfähige Pflanzen des persönlichen Ansporns sprießen, reich behängt mit den Früchten sportlichen Erfolgs.

© soren

© soren

So hört also unsere Bracke den Bärtigen an der Tafel Sätze wie „Ihr müsst kämpfen bis zum Umfallen“ schreien, während der Bärtige zur Linken eifrig nickt. Verwunderung dagegen bei der Bracke – trotz ihres von Natur aus eingeschränkten Denkvermögens fragt sie sich, wie ein kollektives Daniedersinken der Spieler auf dem Feld die Chancen der Mannschaft auf den Sieg zu verbessern vermag? Besteht das Ziel dieses im Tierreich so mythenumrankten Spiels gar darin, sich schnellstmöglich der eigenen Körperkräfte zu berauben, um in krampfgeschüttelter Ermattung auf dem Hosenboden zu landen?

Ein abschließendes Urteil möchte sich die Bracke jedoch noch nicht abringen, schließlich widerspräche die vorschnelle Schlussfolgerung ihrem seit jeher bedächtigen Gemüt. Also lauscht sie, das haarige Haupt in Schrägstellung, weiter den Worten des Trainers Funkel: „Wir kämpfen um jeden Zentimeter Rasen!“ Das leuchtet ein, das macht Sinn. Mit einem akkurat gepflegten Rasenstück weiß sich also nicht nur jeder Hund, sondern augenscheinlich auch ein Mensch reich beschenkt. Im Befinden der Bracke gilt der Kampf als bloße Fortsetzung des Bellens unter Einbeziehung anderer Mittel, und wenn dieser dann noch um eine lauschige Heimstatt für Ausscheidungsrituale jeder Art geführt wird, dann erscheint er ihr durchaus legitim.

„Wir müssen dann über den Kampf zum Spiel finden!“ Mit einem dem Kindesalter entwachsenen Menschen befremdlich erscheinenden Spieltrieb ausgestattet, hebt die Bracke ihren Kopf in einem galanten Schwung und horcht auf. Sie nimmt zur Kenntnis, dass die Wesensaffinität zwischen Hund und Mensch weitaus größer erscheint, als bislang angenommen. Die Pudel haben ja keine Ahnung! So ist es scheinbar eine erquickliche Kurzweil für die hier Anwesenden, sinniert die Bracke, ein Spiel, ganz gleich welchen Zuschnitts, in die Erde unter der grünen Rasenfläche zu betten, nur um im Anschluss daran mit anderen Vertretern der Menschenart eine Rangelei um Rasen und den darin verborgenen Schatz auszutragen. Amüsant!

Doch schon geht es weiter im Text: „Ihr müsst euch im Spiel zerreißen…!“ Kaum hat das geflügelte Wort des Trainers Mund verlassen und sich zart schwebend im Brackschen Gehörgang verirrt, wird diese unruhig, zieht geräuschvoll mit den Krallen kratzend die Vorderläufe von der Bank, um sich mit einem tapsigen Hüpfer auf den Boden zu begeben. Ein bedauernder Blick wandert zu den Spielern, zu Arne Friedrich, zu seinem Bart. Sich selbst zerreissen? Das angekündigte Schauspiel wird in seiner Grausamkeit schlechthin nicht zu überbieten sein. Die Bracke schüttelt sich, rotiert dreimal um die eigene Achse und zieht sich unter die Bank zurück, Arne Friedrich zu Füßen. Barbarisches Menschengeschlecht.

Wieder schwingt sich Funkels Stimme zu entrückter Lautstärke auf. „Und Arne, der Stajner, das ist ein ganz gerissener Hund…“ - ein Jaulen erfüllt den Raum, alle blicken zum Kapitän, der sich verlegen am Bart kratzt – „…ich will, dass du ihn nicht aus den Augen lässt, ihm folgst, wenn nötig auch aufs Klo!“ Die Bracke fletscht die Zähne, keineswegs entgeht ihr der rapide Niveauabfall in der Kabine. Doch die Ansprache des Trainers ist jetzt auf ihrem, wenn auch nicht rhetorischen, so aber pathetischen Höhepunkt:

„Und jetzt raus mit Euch, zeigt ihnen, wie ihr Fußball spielen könnt! Die drei Punkte gehören uns, nur uns! Männer, ich will sehen, dass ihr Gras fresst.“ Alle springen auf, Geschrei erfüllt die Kabine, die Spieler stürmen auf klappernden Stollen dem Ausgang entgegen.

Die Bracke rührt sich nicht, bleibt liegen, bis auch der letzte Mensch die Kabine verlassen hat. Dann zieht sie sich auf den Vorderläufen aus ihrem Versteck heraus, richtet sich auf und kotzt. Galle und Grasbüschel verteilen sich auf dem Boden.

Epilog I
Was macht eine istrische Bracke im Fußballstadion?

Erstens hat sie (hoffentlich) erfolgreich verhindert, dass jemand den Text ernst nimmt.

Zweitens wollte ich schon immer einen Text schreiben, in dem eine istrische Bracke die Hauptrolle spielt – jetzt hatte ich es einfach satt, länger zu warten.

Epilog II
Hunde fressen Gras und erbrechen danach häufig. Angeblich reinigen sie damit ihren Magen.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

2 Portionen Senf

Gladbacher  on January 15th, 2010

Oh my f**king god. Ich bin sprachlos angesichts der phänomenalen Satzbauten, die zum Schluss leider wie haitianische Häuser in sich zusammenbrechen, weil es eine istrische Bracke gar nicht gibt.

Toll!

Hennes  on January 15th, 2010

Da muss ich doch entschieden widersprechen. Mag mein Bereitschaft zu seriöser Recherche noch so klein sein (weswegen ich mir übrigens lieber solch einen Quatsch einfallen lasse), so würde ich dennoch niemals einem Köter die Hauptrolle überlassen, der noch nicht mal existiert. Hier also mein Beweis für die kurzhaarige istrische Bracke: http://de.wikipedia.org/wiki/Kurzhaarige_Istrische_Bracke