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Ausgelutscht!

© szerp

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Vor knapp einem Jahr, am 11. Februar 2009, saßen die Stadionwürste frierend im ehemaligen Düsseldorfer Rheinstadion, d. h. in der ehemaligen LTU-Arena, d. h. in der jetzigen Espritarena – kurzum, wir saßen im Stadion und schauten uns den grauenhaften Auftritt der deutschen Nationalmannschaft gegen Norwegen an.

Da das Spiel an einem Mittwoch stattfand, galt es, ein Auto zu organisieren, mit Genehmigung des Chefs früher aus dem Büro zu verschwinden, von Bonn nach Köln und dann nach Düsseldorf zu tuckern, sich vor dem Stadion in einen langen Stau einzureihen, Parkgebühren zu blechen, zu frieren und mal wieder viel zu spät ins Bett zu kommen. Und wofür der ganze Aufwand? Um eine komatös spielende, bis hin zur Ohnmacht demotivierte deutsche Nationalelf dabei zu beobachten, wie sie sich von braven Norwegern vorführen ließ, um das Spiel mit 1:0 zu verlieren. Ein Abend zum Vergessen.

Dass wir uns dennoch heute unverhofft wieder daran erinnern, liegt an einem Gespräch, das gestern zwischen Bundestrainer Joachim Löw und Torsten Frings stattfand. Frings erfuhr, dass Löw ihn nicht in den erweiterten Kader für die Weltmeisterschaft in Südafrika beruft und damit seine Karriere im Nationaldress definitiv beendet ist. Nach 79 Einsätzen im Auswahlteam, nach der Teilnahme an den Weltmeisterschaften 2002 und 2006, den Europameisterschaften 2004 und 2008, nach zehn Toren und dem 23. Platz in der Rangliste der DFB-Rekordnationalspieler (noch vor Toni Schumacher und Guido Buchwald), muss sich der „Lutscher“ endgültig verabschieden.

Seit dieser – selbst für Torsten Frings – nicht überraschenden Nachricht überschlagen sich die Diskussionen in den Medien, in Blogs, in Internetforen und im Kollegenkreis. Darf man bei der Weltmeisterschaft auf einen solch erfahrenen Spieler wie Frings verzichten? Hätte er nicht einen ehrenhaften Abschied verdient gehabt? Was waren die Maßstäbe, die Jogi Löw für seine Entscheidung angelegt hatte?

Der Bundestrainer verriet nicht viel über seine Gründe: Die Entscheidung sei dem Trainerteam nicht leicht gefallen, aber man zweifele inzwischen an der körperlichen Fitness des 33-jährigen. Zudem baue man perspektivisch auf jüngere Spieler, die auch nach dem Großturnier noch einsatzfähig seien.

Frings war Anspielungen auf sein fortgeschrittenes Alter bislang immer ausweichend ironisch begegnet:

Frings: Ich fühl mich zwar nicht mehr wie mit 20. Aber ich kann morgens noch ohne Probleme aufstehen.

Ballack: Dass du das so genau weißt – ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie ich mich mit 20 gefühlt habe.

Frings: Ich bin auf den Platz gekommen, hab’ die Kugel genommen und sie aus 30 Metern in den Winkel geschossen – heute muss ich mich erst warm laufen.

(Quelle: 11 Freunde)

Doch jedem neutralen Beobachter war klar, dass spätestens nach der WM 2010 ein Schlussstrich unter die internationale Karriere gezogen werden musste. Stellt sich demnach die Frage, ob Löw den Mittelfeldantreiber Frings beim Turnier in Südafrika nicht womöglich hätte gebrauchen können, bzw. ob man ihn, als Dank für die Verdienste um die Nationalmannschaft, nicht einfach zum Abschluss der Karriere hätte mitnehmen sollen.

Meine Antwort ist ein klares NEIN! Im Gegensatz zu Michael Ballack, der sich auch unaufhaltsam dem Rentenalter eines Fußballers nähert, konnte Frings im Anschluss an die EM 2008 mit seinen fußballerischen Leistungen nicht mehr vollauf überzeugen. Er war vielleicht nicht schlechter als seine jüngeren Stellvertreter Hitzlsperger und Rolfes, drängte sich aber nicht länger als alternativlos auf. Daher ist es konsequent und folgerichtig vom Bundestrainer, der nicht nur das anstehende Turnier, sondern die langfristige Entwicklung der Nationalelf im Blick haben muss, den jüngeren Spielern die Verantwortung zu übertragen.

Womöglich hätte Frings beim letzten Turnier seiner Karriere noch eine wichtige Rolle im Team spielen können. Kaum einer vermag das Spiel zu lesen wie er. Exemplarisch ein weiterer Auszug aus dem 11-Freunde-Interview:

Uns ist aufgefallen, Herr Frings, dass Sie im Spiel gegen Polen öfter aus der Mitte nach links gerutscht sind, besonders, wenn Lukas Podolski nicht so ganz klar kam mit den Räumen.

Frings: Das ist ja immer das Problem, wenn du einen Stürmer ins Mittelfeld stellst. Poldi denkt natürlich in erster Linie offensiv, das mit dem Reinschieben, das kann er noch nicht so gut. Klar, dass ich dann ein bisschen aufpassen muss. Ich versuche natürlich in erster Linie, das Zentrum zuzuhalten, aber wenn Balle über rechts mitgeht, dann verschiebe ich mich ein bisschen nach links. Wenn er über links kommt, dann gehe ich rechts raus. Damit immer beide Positionen besetzt sind, das geht bei uns ganz automatisch. Und das ist eben ein ganz wichtiger Faktor für unsere Mannschaft, um stabil zu stehen.

Doch mit seiner Kritik an Löw im Herbst 2008, mit der er auf eine erste Nicht-Nominierung fürs Nationalteam reagiert hatte, verspielte er sein Vertrauenskapital beim Trainer. Völlig überzogen rügte er – übrigens gemeinsam mit Michael Ballack – Löws Entscheidung und dessen Umgang mit den Spielern. Für den Bundestrainer ein warnendes Zeichen, dass das Ego und die persönlichen Eitelkeiten von Frings mitunter über dem Wohl des Teams stehen. Ein Alptraum für jeden Trainer und eine Katastrophe während eines Turniers.

Seine Angriffe auf Löw, auch aktuell sein Nachkarten nach dessen jüngster Entscheidung, zeigen die Stillosigkeit, die ihm leider allzu häufig zu Eigen war. Mir war der Spieler Frings immer sympathisch, der grundsolide Arbeiter im Mittelfeld, mit diesem unglaublichen Gespür für Raum und Ball.

Zuweilen wusste mich auch der Typ Frings zu begeistern, der sich im Schickimicki-München nicht wohl fühlte, weil kaum einer seiner Mannschaftskameraden zum Grillabend kommen wollte oder der sich nach dem verlorenen WM-Halbfinale 2006 vehement dafür aussprach, den Turnierabschluss in Berlin mit den Fans zu feiern. Doch dann gibt es auch wieder jenen Torsten Frings, der im Hummer durch die Stadt braust und bei dem man inständig hofft, die Gestaltung seiner Homepage sei ein Scherz, um dann aber enttäuscht festzustellen, dass sich nicht die leiseste Spur einer ironischen Brechung finden lässt.

Fest steht, dass er im Moment der eigenen, ganz persönlichen Niederlage keine Größe beweist. Er könnte einfach seinen Hut nehmen und eine sportliche Antwort suchen. Eine Antwort, um die Michael Ballack nie verlegen war. Nach seinen Angriffen auf Löw im Herbst 2008 wurde er ebenfalls heftig angegangen, doch macht er sich nach wie vor sportlich derart unverzichtbar, dass ohne seine fußballerische Dominanz eine erfolgreiche WM kaum denkbar wäre. Doch Torsten Frings bleibt diese Antwort leider schuldig; vielleicht findet er sie auch einfach nicht.

So wie damals, in jenem eingangs erwähnten Länderspiel am 11. Februar 2009. Frings spielte bis zur 68. Minute und wurde dann gegen Marco Marin ausgetauscht. Wie das gesamte Team, so vermochte auch er an diesem Abend nicht, Fußball auf einem soliden Niveau zu spielen. Deswegen pfiffen die Stadionwürste bei seiner Auswechslung. Hätten wir gewusst, dass wir gerade sein letztes Länderspiel gesehen hatten, wären wir aufgestanden und hätten laut geklatscht.

Schade! Mach’s gut, Lutscher!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

2 Portionen Senf

Sport Guider  on January 26th, 2010

Sehe das mit Frings genauso. Er sagt immer das er seine Leistung bringt, leider langt das aber nicht…Finde am Samstag hat man ihm seinen Frust in dem ein oder anderen Zweikampf sogar angemerkt. Hat auch einmal nicht so schön “nachgetreten”…find ich nicht gut…

Hennes  on January 27th, 2010

Aktuell stellt sich allerdings die Frage, wer denn in Südafrika auflaufen wird. Für Rolfes sehe ich schwarz, Hitzlsperger versauert auf der Stuttgarter Bank…ich würde ja Toni Kroos für Schweinsteiger auf rechts einsetzen und den Basti dafür auf der 6 spielen lassen. Bei Bayern macht er das ja ausgezeichnet!

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