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Ein Sommer mit Sammer?

11. Juli 2010, Johannesburg

© TimToppik

© TimToppik

Die deutsche Nationalmannschaft wird zum Weltmeister gekürt, der Mannschaftskapitän Michael Ballack reckt den Pokal in die Höhe, Angela Merkel ballt ihre kleinen Fäustchen und streckt Silvio Berlusconi frech die Zunge raus, und Joachim Löw freut sich wie ein Schneekönig – allerdings nicht im Stadion, nicht in Südafrika, sondern daheim auf dem Sofa, mit Bier und Würstchen vor dem eigenen Fernseher.

Bis vor zwei Tagen schien dieses Alptraumszenario noch bar jeglicher Realität – doch heute sind wir klüger. Der DFB hat die Vertragsverhandlungen mit Oliver Bierhoff, Joachim Löw und dem gesamten Trainerstab abgebrochen und bis auf die Zeit nach dem WM-Turnier vertagt. Ausschlaggebend waren laut Presseberichten zu hohe Bonusforderungen von Manager und Trainerteam sowie eine unverhältnismäßige Ausweitung der Entscheidungskompetenzen. So wollte sich Löw, des ewigen Kompetenzgerangels mit Matthias Sammer um die Verantwortlichkeiten für die U21 müde, die Entscheidungshoheit des Bundestrainers in diesem Bereich schriftlich zusichern lassen. Bierhoff hingegen forderte ein Vetorecht bei der zukünftigen Ernennung eines neuen Bundestrainers. Der DFB sah beides jedoch kritisch bis ablehnend.

Soweit alles kein Problem, schließlich kann man am Verhandlungstisch unterschiedlicher Meinung sein und sich auch ausladend darüber streiten – sonst säße man ja gemeinsam beim gemütlichen Bier in einer Kneipe. Brisant wird die brüske Absage des DFBs an Löw, Bierhoff und Co jedoch erst dadurch, dass den verantwortlichen Entscheidungsträgern um Theo Zwanziger die Forderungen ihrer Angestellten längst bekannt waren, ohne, dass dazu von Verbandsseite Stellung bezogen worden wäre.
Erst seit wenigen Tagen haben die Verhandlungen eine – leider falsch gerichtete – Dynamik entwickelt. Erst konnte sich die Öffentlichkeit über die eben erwähnten Details in der BILD-Zeitung informieren (und ich glaube nicht, dass Bierhoff oder Löw ihre eigenen Forderungen heimlich lanciert haben), dann eröffnete der DFB ein Gegenangebot mit einer 48-Stunden-Frist für die Unterzeichnung des Vertrages. Diplomatisches Verhandlungsgeschick sieht anders aus.

Wie man heute aus der SZ erfährt, endet damit das Arbeitspapier von Jogi Löw am 30. Juni 2010 – noch vor Austragung des WM-Viertelfinales. Werden wir also erstmals in der deutschen Fußballgeschichte die Ablösung eines Bundestrainers während eines Turniers erleben? Fakt ist, dass das Vertrauen zwischen DFB und Betreuerstab massiv in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Zwar würde ich nicht so weit gehen und von einer Demontage Löws durch den Verband sprechen, aber die Position des Trainers im Machtgefüge der Verbandsstrukturen ist mit Sicherheit geschwächt, die Autorität beschädigt.

Das WM-Turnier erhält durch die Machtspielchen beider Seiten noch mal eine völlig andere Dimension – so widersinnig der Gedanke erscheint, aber ein frühes Ausscheiden käme dem DFB sehr zupass. Der Vertrag des Trainers würde ohne fremdes Zutun auslaufen, und eine Abfindung bliebe den DFB-Kassen erspart. Gleichzeitig erschienen Zwanziger und Co als weise Propheten, deren frühe Zweifel nun bittere Realität geworden sei. Die Inthronisierung von Matthias Sammer wäre dann wohl nur noch eine kleine Formalität.

Auf der anderen Seite können sich Bundestrainer Löw, Teammanager Bierhoff und der Rest des Trainerteams durch ein erfolgreiches Abschneiden bei der WM eine nahezu perfekte Verhandlungsposition erarbeiten. Man stelle sich vor, Deutschland gewänne den Pokal und drei Wochen später würde der DFB die Trennung von Löw und Co. verkünden. Ein Aufschrei der Empörung ginge durchs ganze Land! Oder doch nicht?

© Blackfish

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Bei der Lektüre der Presseartikel ist mir die große Menge negativer Gastkommentare aufgefallen, die Löws Arbeit kritisieren und ablehnen. Man gewinnt fast den Eindruck, er hätte mehr Widersacher denn Befürworter (exemplarisch dazu in der FAZ). Mich hat dieses Stimmungsbild sehr überrascht, bin ich doch seit Jahren begeistert von Löws Leistungen und kenne in meinem näheren fußballaffinen Umfeld kaum jemanden, der sich zu den Kritikern des Bundestrainers zählt.

Häufig spiegelten die Kommentare eine Unzufriedenheit mit den bislang von der Nationalelf erzielten Ergebnissen wieder. Da bleibt mir nur ein verständnisloses Kopfschütteln: Wer die Bilanz von einem dritten Platz bei der WM (als Co-Trainer), einem 2. Platz bei der EM und zwei ungefährdeten Erfolgen bei EM- und WM-Qualifikationen nicht wertschätzen kann, der übersteigert die Qualität des deutschen Nationalmannschaftskaders maßlos. Löws Arbeit ist es zu verdanken, dass die Mannschaft verjüngt wurde und sich gleichzeitig wieder auf höchster Ebene des Weltfußballs etablieren konnte. Zwar schöpft der deutsche Fußball inzwischen wieder aus einem beachtlich gefüllten Pool talentierter Spieler, aber auch im aktuell gut besetzten Kader gibt es kaum einen Spieler, der ein Match aufgrund seiner individuellen Klasse alleine entscheiden kann. Das sieht in Spanien oder in Frankreich schon ganz anders aus, von Brasilien und Argentinien ganz zu schweigen. Deswegen kann die deutsche Elf nur mit einem klaren System, mit klaren Zuordnungen, sauberem taktischen Verhalten und absoluter Fitness den führenden Fußballnationen Paroli bieten. Eben nur durch Betonung jener Faktoren, für die ein Trainer so entscheidend ist.

Man darf gespannt sein, ob sich der Zwist in der Führungsetage des DFBs und der Nationalelf zum Kleinkrieg auswächst. Was passiert beispielsweise, wenn Argentinien in der Vorbereitung 4:1 gegen uns gewinnt? Ich erinnere nur an das äquivalente Debakel gegen Italien im Frühjahr 2006, bei dem Jürgen Klinsmann nur um Haaresbreite an einer vorzeitigen Demission vorbeigeschrammt ist. Wie verhalten sich Löw und Bierhoff? Schließlich müsste der Trainer sein Arbeitspapier wenigstens um zwei Wochen verlängern, um bis zum Ende der WM in der Verantwortung zu stehen. Oder droht dem DFB gar ein peinlicher Eklat auf großer internationaler Bühne?

Die Agentur für Arbeit in Freiburg kann jedenfalls ab Mitte März mit erhöhtem Andrang rechnen – da man sich mindestens drei Monate vor Ablauf eines befristeten Arbeitsvertrages bei der Agentur melden muss, sind die Aussichten auf ein persönliches Autogramm des Bundestrainers gar nicht so schlecht. Die Chance sollte man nutzen – wer weiß, wie lange es den „Bundes-Jogi“ noch gibt!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

2 Portionen Senf

teddy  on February 5th, 2010

Hi!

Also ich find die Demontage unseres Jogis unglaublich, allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es tatsächlich soweit kommt. Um das zu erreichen stellen sich die Herren Zwanziger und Sammer nun doch etwas ungeschickt an. Man stelle sich eben genau das oben gezeichnete Szenario unseres WM-Erfolges vor.

Doch, halt, einst geschehen in Mainz: Ein erfolgreicher Aufstiegs-Trainer wird noch kurz vor dem ersten Spieltag gefeuert und durch einen unbekannten Junioren-Trainer ohne Bundesligaerfahrung ersetzt. Okay, man fand ne Begründung, die die Emotionen der Fans traf und die die Entscheidung für eben diese nachvollziehbar machte. Darüberhinaus geschah es schnell und ohne viel Aufsehen. Nach wenigen erfolgreichen Spielen war der Norweger vergessen.

So, hätt’s vielleicht klappen könnnen. Da können Sie noch lernen, die hohen Herren vom DFB.

www-Wir werden Weltmeister

Teddy

Hennes  on February 8th, 2010

Stimmt, die Geschichte in Mainz ist inzwischen schon ganz vergessen. Daran ist letztlich nur der Erfolg von Tuchel “schuld”. Mit Siegen kann man fast sämtliche Probleme übertünchen. Hätte mich allerdings mal interessiert, wie groß der Aufschrei geworden wäre, hätte Mainz 05 unter Tuchel die ersten fünf Spiele verloren und stünde heute auf Platz 17. Ich bin mir fast sicher, dass Andersen in einem völlig neuen Licht erschienen wäre. Aber wir sind ja froh, dass Mainz so gut wie sicher in der ersten Liga bleibt :-)

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