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Klassenausflug nach Südafrika

@ buckdanny

© buckdanny

Zu meiner Schulzeit gab es im Klassenzimmer immer eine klare Sitzordnung: In der letzten Reihe saßen die Schüler, die sich das Motto „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“ auf die Fahne geschrieben hatten. Durch die Nähe zur hinteren Wand versuchten sie sich dem Blickfeld des Lehrers zu entziehen, nicht ahnend, dass sie gerade wegen ihrer verräterischen Platzwahl unter besonderer Beobachtung standen.

An den Tischen im Mittelteil des Raumes fand sich die große Durchschnittsmasse der Schülerschaft: Von interessiert mitteilsam über rebellisch lässig bis hin zu verträumt apathisch ließ sich dort jedes erdenkliche fleischgewordene Adjektiv finden.

Und dann gab es noch die erste Reihe – dort saßen neben den kurzsichtigen Schülern und jenen aus der letzten Reihe, die die besondere Beobachtung nicht schadlos überstanden hatten, auch die Schüler, die bei den Lehrer aufgrund ihres Lerneifers und ihrer Disziplin grenzenlos beliebt waren. Erstaunlicherweise hielten ihre Leistungen selten, was ihre Emsigkeit versprach. Zwar bewegten sich ihre Zensuren im oberen Drittel des Notenschnitts, brillant waren jedoch andere, meist weiter hinten platzierte Schüler, deren Arbeitspensum ungleich geringer war.

Ob es auch in Umkleidekabinen von Fußballvereinen eine ähnlich geartete Sitzverteilung gibt, ist mir leider aufgrund meiner fußballerisch chronischen Inaktivität nicht bekannt. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass man Thomas Hitzlsperger – im übertragenen Sinne – in der ersten Reihe sitzend antreffen würde.
Egal in welchem Team er bislang spielte, ob bei Aston Villa, beim VfB Stuttgart oder in der Nationalelf, stets bestach er durch großen Arbeitseifer und Disziplin. Seine Leistungen im Spiel sind zwar selten brillant oder herausragend, aber häufig ungemein wichtig für die eigene Mannschaft. Darüber hinaus gilt er auch abseits des Platzes als Inbegriff des modernen und mündigen Profis. So zeigt er sich weltoffen, gebildet, selbstkritisch, interessiert – kaum verwunderlich, dass er auf der Insel schnell zum „Teacher’s Pet“, in Deutschland dann zum Lieblingsschüler des Trainers wurde.

Er wäre es wahrscheinlich auch geblieben, hätte es beim VfB Stuttgart in der Saison 2009/10 nicht einen folgenreichen Trainerwechsel gegeben. Der Schweizer Christian Groß stellte sich – wieder im übertragenen Sinne – mit der furchteinflößenden Glatze und seiner gestrengen Aura vor die Klasse, warf den Sitzplan über den Haufen, versetzte Thomas Hitzlsperger von der ersten Reihe weit nach hinten, nur um ihn kurz danach auf den Flur zu schicken. Dort stand der kleine Thomas nun und fragte sich, was aus ihm werden sollte.

© Stefan Baudy

© Stefan Baudy

In einer normalen Bundesligasaison hätte er sich mit seiner dauerhaften Verbannung auf den Flur bzw. – diesmal im nicht übertragenen Sinne – auf die Bank womöglich arrangiert. Eine Saison ist lang, Verletzungen und Spielsperren wirbeln den Kader regelmäßig durcheinander und sorgen für immer neue Chancen, sich als Bankspieler zu beweisen. Doch die laufende Saison ist keine normale Bundesligaspielzeit – sie ist eine WM-Saison, und in einem solchen Jahr ticken die Fußballuhren anders.

Aus Angst um den eigenen Platz im Nationalmannschaftskader für die Weltmeisterschaft bemühten sich in der Winterpause zahlreiche Profis, die in ihrem Stammverein nicht mehr wie gewünscht zum Zuge kamen, um einen Wechsel. Insgesamt verpflichteten die Vereine der ersten Bundesliga während der Pause 44 neue Spieler und veräußerten im Gegenzug 62 Spieler. Zwar fanden viele Transaktionen losgelöst vom Großereignis im Sommer statt; Magaths Kaufrausch beispielsweise ist nur dem großflächigen Umbau der Schalker Mannschaft geschuldet. Doch zahlreiche Transfers konnten nur im Schatten der kommenden WM vollzogen werden.

Luca Toni nahm einen unrühmlichen Abgang beim FC Bayern in Kauf und ließ sich an den AS Rom ausleihen, um in der heimischen Liga wieder vor den Augen Marcello Lippis spielen zu können. Edson Braafheid verließ schweren Herzens seinen Mentor Luis van Gaal, um bei Celtic Glasgow häufiger zum Einsatz zu kommen und vielleicht noch auf den holländischen WM-Zug aufspringen zu können. Ruud van Nistelrooy heuerte gar für eineinhalb Jahre beim HSV an – und trainiert ab jetzt statt mit Cristiano Ronaldo und Kaka mit Robert Tesche und Tunay Torun. Um die Chance auf einen WM-Einsatz zu wahren, wechselten sie jeweils von einem europäischen Spitzenclub zu Vereinen im europäischen Mittelmaß.

Gleichwohl dürften ihre heimlichen Klagen bei den folgenden Herren als Jammern auf hohem Niveau abgetan werden:
So sah sich Theofanis Gekas zu einem Wechsel innerhalb der Bundesliga genötigt, dessen Gefälle größer nicht hätte sein können:  Von Bayer Leverkusen, dem potentiellen Meisterkandidaten, wechselte er zu Hertha BSC Berlin, dem nach einer historisch schlechten Vorrunde abgeschlagenen Tabellenschlusslicht.
Arouna Koné traf es da noch schlimmer: Dem ruhmreichen FC Sevilla kehrte er den Rücken, um nun im tristen Hannover mitzuerleben, wie sein neuer Verein von Niederlage zu Niederlage stolpert.
Das ist zwar nur schwer zu toppen, lässt Zoran Tosic aber doch nur müde lächeln. Er verließ in der Winterpause den weltweit erfolgreichsten Verein der letzten Jahre, Manchester United, und wechselte ausgerechnet zu FC nach Köln. Die WM-Teilnahme scheint ihm sehr, sehr wichtig zu sein.

Und was macht Thomas Hitzlsperger? Auch er hatte keine Lust mehr – noch mal im übertragenen Sinne – auf dem Flur zu stehen und wechselte die Klasse. Er spielt nun bei Lazio Rom, dem 16. der Serie A. Kaum angekommen, durfte er sich schon von der italienischen Presse kritisieren lassen, einen Trainerwechsel miterleben und sitzt wieder nur auf der Bank. Sein Bangen um die WM-Teilnahme dürfte nicht kleiner geworden sein. Daher gibt es vermutlich niemanden, der sich bereitwilliger als Lieblingsschüler des Trainers verspotten lassen würde als er. Dann hoffen wir für ihn, dass bald das ganze Stadion ruft: „Hitzlsperger, l’allievo prediletto!“

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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