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Der Bub aus der Provinz

Backnang – was wie eine verklausulierte Aufforderung im Konditoreigewerbe klingt, ist der Name einer unscheinbaren Stadt in Baden-Württemberg. Mit einer Größe von immerhin ca. 35.000 Einwohnern liegt Backnang etwa 27 Kilometer nordöstlich von Stuttgart am Rand des Neckarbeckens. Der vielleicht berühmteste Sohn der Stadt (abgesehen von Kalanag, dem deutschen David Copperfield der Wirtschaftswunderjahre) kämpft am Wochenende in der Fußballbundesliga als Trainer der TSG Hoffenheim um Punkte und gegen die lähmende Apathie der eigenen Mannschaft, die im grauen Mittelfeld der Tabelle gestrandet ist, mit respektablem Abstand nach oben wie nach unten.

Die Rede ist natürlich von Ralf Rangnick, der nicht nur in Backnang geboren wurde, sondern auch als Fußballer nach Gastspielen in Southwick, England und beim VfR Heilbronn, Baden-Württemberg, im zarten Alter von nur 26 Jahren wieder in seine Heimat zurückkehrte und beim FC Viktoria Backnang den Job als Spielertrainer übernahm. Das war im Jahr 1983 und sollte nicht nur zum Ausgangspunkt einer überaus erfolgreichen, wenngleich bislang noch ungekrönten Trainerkarriere werden, sondern gleichzeitig den heimischen FC Viktoria in ungeahnte sportliche Höhen führen.

© Chronik FC Viktoria Backnang

© Chronik FC Viktoria Backnang

Vom charakteristischen Ehrgeiz des jungen Funktionsträgers angestachelt, feierten die Freizeitfußballer vom Bezirksligisten unerwartete Erfolge. Ein bislang geruhsam vor sich hin schlummernder Fußballverein wurde aus seinem muffigen Tiefschlaf in der provinziellen Einöde geweckt und zum Gesprächsthema in der ganzen Stadt gemacht. Man rief das Stadionblatt „FC aktuell“ ins Leben, setzte einen Menschen mit wohliger Stimme hinter ein Mikrofon und nannte ihn fortan „Stadionsprecher“, städtische Unternehmen wurden von der Notwendigkeit überzeugt, Werbespots in der Halbzeitpause zu schalten und mit der Verlosung von Tickets für den benachbarten Bundesligisten VfB Stuttgart lockte man Zuschauer in die heimische Spielstätte.

Bei so viel Begeisterung ließen sich auch die Fußballer nicht lange bitten: Mit acht Punkten Vorsprung grüßten die Backnanger am Saisonende von der Tabellenspitze und stiegen souverän in die Landesliga auf. In der folgenden Spielzeit sollte sich zeigen, dass sich Uli Hoeneß 24 Jahre später unabsichtlich als Banause des schwäbischen Amateurfußballs der 80er Jahre outen würde. Denn mit seiner Behauptung vom Winter 2008 im DSF-Doppelpass lag der damalige Bayern-Manager schlichtweg falsch:

„Bisher hat er [Ralf Rangnick, H.] in seiner Karriere im ersten Jahr immer super Leistungen gebracht und wurde im Jahr darauf entlassen.“

DSF Doppelpass vom 07. 12. 2008, zitiert nach Spox

Der FC Viktoria Backnang war in der Saison 1984/85 hingegen weit davon entfernt, den Erfolgcoach ziehen zu lassen. Die Mannschaft setzte sich nach den ersten Spielen rasch an der Tabellenspitze fest und schaffte den nicht für möglich gehaltenen Durchmarsch. Wieder konnte der Tabellenzweite um stattliche acht Punkte distanziert werden und vor 800 begeisterten Fans feierte man den bis dato größten Vereinserfolg, den Aufstieg in die Verbandsliga.

Doch wie häufig in solchen Geschichten, rüttelte auch in Backnang der Erfolg das stabile Koordinatensystem des Provinzvereins durcheinander. Ralf Rangnick hatte als Schmied der sportlichen Höhenleistungen schnell das Interesse des benachbarten Bundesligisten geweckt und erlag schließlich der Verlockung, die Amateurmannschaft des VfB Stuttgart zu betreuen. Ohne den später als „Fußball-Professor“ verspotteten Trainer rutschte das zurückgelassene Team schnell in den Tabellenkeller und stieg in der Saison 85/86 als Tabellenletzter postwendend ab.

© Chronik des FC Viktoria Backnang

© Chronik FC Viktoria Backnang

Heute spielt der FC Viktoria Backnang wieder in der Bezirksliga. Während Ralf Rangnick mit der TSG Hoffenheim vor über 30.000 Zuschauern und unzähligen Fernsehkameras den SC Freiburg empfängt, freut sich Backnang auf den Besuch des SV Remshalden I.

Dennoch zeigt die Geschichte von den Anfängen des jungen Trainers Rangnick, dass hinter seinem Engagement bei Hoffenheim mehr steckt, als die Gier nach Geld, Ruhm und sportlichen Höchstleistungen. Keine Frage, die Ambitionen des Vereins, gepaart mit der Finanzkraft eines Dietmar Hopp, werden den größten Einfluss bei seiner Entscheidung gespielt haben, die Mannschaft in der Dritten Liga zu übernehmen. Doch lässt sich vor dem Hintergrund des Backnanger „Provinzmärchens“ nachvollziehen, wie sehr die Visionäre Hopp und Rangnick schon beim ersten Treffen auf einer Wellenlänge gelegen haben müssen.

Abgesehen von der monetären Wucht des Hoffenheimer Mäzens muss Rangnick von Hopps Projekt, den eigenen Heimatverein vom provinziellen Muff zu befreien und in Deutschlands höchste Spielklasse zu führen, extrem fasziniert gewesen sein. Schließlich war er in den 80er Jahren selbst Erzeuger und gleichzeitig Zeuge der Begeisterung einer ganzen Stadt gewesen, die den sportlichen Erfolg ihrer Viktoria dankbar und enthusiastisch gefeiert hatte.

Vielleicht würde es ihm heute mitunter helfen, von Zeit zu Zeit auf die eigenen Wurzeln zu verweisen. Denn obgleich sich Rangnick nicht über mangelnde Anerkennung beschweren kann, wird er mit Sympathien nur selten bedacht. Zu sehr verdecken der wahnhaft erscheinende Ehrgeiz und das sportliche Selbstbewusstsein den Bub aus der Provinz, den jungen Ralf aus Backnang. Dabei hätte er allen Grund, mit Stolz auf seine Erfolge als Trainernovize zurückzublicken. Was sich von seiner Frisur allerdings nicht behaupten lässt…

Nachtrag: An dieser Stelle will ich nicht versäumen, die großartige Chronik des FC Viktoria Backnang als unerschöpfliche Informationsquelle zu rühmen und mich für die grandiosen Fotos zu bedanken. Bewusst möchte ich hingegen darauf verzichten, Ralf Rangnick auf diesen stummen Zeugen der Zeitgeschichte kenntlich zu machen. Suchen müsst Ihr ihn schon selbst!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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