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In fünf Stichworten ist alles gesagt…

© Kommissar_Zufall

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Bukarest, Kaparten, Walachei, Transsilvanien, Ceausescu: In nur fünf Stichworten lässt sich – es ist beschämend – mein ganzes Wissen über Rumänien zusammenfassen. Mein allgemeines Wissen über Rumänien, ließe sich vielleicht noch präzisieren, denn meine Kenntnisse über den rumänischen Fußball steuern sicherlich noch weitere fünf Stichworte hinzu: Steaua Bukarest, Adrian Mutu („Mutu da liegen?“), Dorinel Munteanu, Dinamo Bukarest, Gheorghe Hagi. Na gut, viel ist das auch nicht.

Schade eigentlich, denn wäre ich jetzt ein Kenner der rumänischen Fußballszene, dann könnte ich mir selbst jene Fragen beantworten, die mich seit ein paar Tagen beschäftigen: Jammern die rumänischen Sportblätter über den Zustand des heimischen Fußballs? Gibt Gheorghe Hagi als Doyen der rumänischen Fußballszene Interview um Interview, um den Bedeutungsverlust der rumänischen Spitzenvereine auf europäischer Bühne zu beklagen? Und entwerfen gerade emsige Mitarbeiter im rumänischen Verband hochtrabende Jugendförderungsmaßnahmen?

Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Wie ich überhaupt darauf komme? Eigentlich wollte ich ja ein kurzes Loblied auf den deutschen Fußball schreiben, der sich auf internationaler Ebene im rasanten Aufschwung befindet. In der UEFA 5-Jahreswertung führt Deutschland die aktuelle Saisonwertung an: Mit 15,750 Punkten liegt man an der Spitze, noch vor den jahrelang unangefochtenen Nationen Spanien (15,642 Punkte) und England (15,500).

Gleichzeitig dokumentiert die Tabelle in unmissverständlicher Weise einen Trend, der sich schon seit zwei Jahren andeutet: Der italienische Fußball durchschreitet eine tiefe qualitative Talsohle. Im Sog von Manipulationsskandalen, Fanausschreitungen, Überschuldung der Vereine, maroden Stadien und sinkendem Zuschauerinteresse muss die Serie A ernsthaft um ihre Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Vergleich bangen. Im Gesamtvergleich der 5-Jahreswertung liegt sie zurzeit auf Rang drei, aber nur noch 1,036 Punkte vor der Bundesliga, und droht damit bereits in der laufenden Spielzeit überholt zu werden.

Dies erscheint umso wahrscheinlicher, da mit Juventus Turin bereits der vorletzte italienische Vertreter aus den europäischen Cupwettbewerben ausschied. Damit hängen die Hoffnungen der Tifosi einzig und allein am Championsleague-Viertelfinalist Inter Mailand. Schlimm genug, wird man sich in Turin und Rom, in Genua und Neapel denken.

In Deutschland sieht die Zukunft rosiger aus: Zwar sind mit dem VfB Stuttgart und Werder Bremen zwei Vereine im Achtelfinale gescheitert, doch noch immer ist die Bundesliga mit dem VfL Wolfsburg, dem HSV und Bayern München prominent vertreten. Obgleich die am 19. März zugelosten Gegner (Wolfsburg vs FC Fulham, HSV vs Standard Lüttich, Bayern München vs Manchester United) schwer zu überwinden sein dürften, sollte eine Vermehrung der Punktzahl in der 5-Jahreswertung weiterhin möglich sein. Damit winkt schon für die nächste Saison ein zusätzlicher Startplatz in der Championsleague.

Das sah vor wenigen Jahren noch ganz anders aus. Landauf landab hörte man Wehklagen und Jammern über die fehlende Stärke der Bundesligavereine. Ein kontinuierliches Lamento über abwandernde Stars, fehlendes Kapital und mangelnde Konkurrenzfähigkeit im internationalen Vergleich. Ein Blick nach vorn verbot sich, stattdessen fürchtete man von den nachrückenden Nationen überholt zu werden. Frankreich ließ sich als Konkurrent ja noch akzeptieren, schließlich gilt die Equipe Tricolore seit Jahren als ein Dauerfavorit auf internationale Titel. Auch Russland schien aufgrund der schieren Landes- und Bevölkerungsgröße und der aufstrebenden Sbornaja als würdiger Gegner.

Aber in der Saison 2005/2006 sammelte ein Land Punkt um Punkt in der 5-Jahreswertung, das sich für die meisten auf fünf Stichworte reduzieren ließ: Bukarest, Kaparten, Walachei, Transsilvanien, Ceausescu. Rumänien – oder präzise ausgedrückt, Bukarest – war in der Saison 2005/06 mit gleich drei Vereinen im UEFA-Cup vertreten: Rapid, Steaua und Dinamo. Während sich Dinamo mit vier Punkten aus der Gruppenphase früh verabschiedete, marschierten die beiden anderen Hauptstadt-Vereine bis ins Viertelfinale, in dem sie schließlich aufeinander trafen. Steaua setzte sich durch und schied später unglücklich gegen den FC Middlesbrough aus. Dennoch erzielte Rumänien in jener Saison mit 16,833 Punkten in der UEFA 5-Jahreswertung den absoluten Spitzenwert auf europäischer Ebene.

Ganz Fußballdeutschland zitterte vor dem aufstrebenden Verfolger und zeigte sich zugleich tief erschüttert in seinem Glauben an den elitären Kreis weniger erlauchter europäischer Fußballgroßmächte. In der nachfolgenden Spielzeit ließ sich der Erfolg zwar nicht gänzlich wiederholen, aber zumindest bestätigen. Mit 11,333 Punkten landete Rumänien in der Wertung der Saison 2006/07 knapp hinter Italien auf Rang vier und damit deutlich vor Deutschland. Hierzulande warfen sämtliche Phrasendreschfabrikanten von Franz Beckenbauer bis Sport-Bild die Maschinen an und stimmten in einen Abgesang auf den deutschen Vereinsfußball ein. Heute, nur drei Jahre später, feiern die gleichen Stimmen das hohe Niveau der Bundesliga und ihre Stars Robben, Ribéry, Van Nistelrooy und Co.

In Rumänien setzte hingegen ab Saison 2007/08 die große Katerstimmung ein: Mit 2,600 und 2,642 gesammelten Punkten in den Folgejahren bewegte man sich noch unter dem Niveau von Ländern wie Norwegen, Weißrussland und Zypern. Die großen Cup-Abende verblassten schnell zur nostalgischen Erinnerung. Auch in der laufenden Spielzeit wurden keine neuen Helden geboren. Nach 6,083 Punkten war Schluss, die vier rumänischen Vereine CFR Cluj, Steaua Bukarest, Dinamo Bukarest und FC Timişoara scheiterten allesamt in der Gruppenphase der Europa League.

Somit droht dem rumänischen Fußball in den nächsten zwei Jahren, sobald die Ergebnisse der glanzvollen Spielzeiten gestrichen werden, ein rasanter Absturz ins Niemandsland der europäischen Fußballszene. Es bedarf also gar keines südosteuropäischen Fußballexperten, um vorauszusehen, dass auch zukünftig mit nur wenigen Stichworten alles über den rumänischen Fußball gesagt sein wird.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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