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Mit dem Kopf durch die Torwand

© designritter

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Am Wochenende habe ich nach langer Zeit mal wieder das aktuelle sportstudio geschaut. Zu Gast war der US-amerikanische Snowboarder Shaun White, quasi der Tiger Woods der Snowboardszene, nur ohne Sex-Skandal. Zumindest ist noch keiner ans Tageslicht gekommen.

White beherrscht die Profiszene seit Jahren nach Belieben und gewann in Vancouver seine zweite Goldmedaille in der Half Pipe nach seinem ersten Olympiasieg 2006 in Turin. Zudem ist er das fleischgewordene Klischee eines Snowboard-Helden: Seine rote Lockenmähne verleiht seinem strahlend weißen Lächeln einen hippieesken Anstrich, der wunderbar mit seiner unverkrampft lockeren Art harmoniert. Seine Klamotten strotzen nur so vor lässiger Coolness, bei ihm wirkt alles jung, dynamisch, leicht und locker. Hätte man ihn zum besten Freund, würde man platzen; mal vor Stolz, weil man den coolsten Typen der Welt an seiner Seite hätte, mal vor Wut, weil einem immer nur die Rolle des langweiligen Sidekicks bliebe.

Dieser Shaun White traf also am Samstagabend auf Kathrin Müller-Hohenstein, die sich als gute Gastgeberin erwies und sich sehr für die wilden Snowboardtricks des Sportlers interessierte. Auch das Publikum zeigte sich wohlwollend freundlich, und doch konnte ich mich als Zuschauer auf dem heimischen Sofa des Eindrucks nicht erwehren, als erlebte ich gerade eine Art Clash der Kulturen. Vielleicht war es auch – ohne Frau Müller-Hohenstein und den Damen und Herren vor Ort zu nahe treten zu wollen – ein Clash der Generationen. Man konnte förmlich spüren, wie das Schaffen des Sportlers zwar auf bewundernde Anerkennung stieß, die sich aber mit einem nach innen gewandten Kopfschütteln paarte.

„Der ist ja irre“, schienen die Gesichter auf den Sitzbänken zu rufen. „Wie kann man denn Snowboarder werden“, schienen sie sich zu fragen. Und spätestens beim Torwandschießen, als Shaun White den ersten Schuss unbeholfen wie ein Storch ausführte, so dass sich der Ball in die untere Mitte der Wand zitterte, kaum die Bretter berührend, lachten die Zuschauer auf und manch ein älterer Herr auf den Bänken zischte seiner Gattin ins Ohr: „Hätte der Junge lieber etwas Anständiges gelernt und wäre Fußballer geworden“. Frau Müller-Hohenstein sah sich gar bemüßigt, die Zuschauer zu mehr Fairness zu ermahnen: „Hallo, es wird nicht gelacht!“

Da war sie also wieder, die Schadenfreude, der Deutschen liebstes Kind: Jenes Lachen über die Missgeschicke anderer, das sich in unserem Land so großer Beliebtheit erfreut und anderen Nationen lange Zeit derart fremd war, dass sie noch nicht einmal ein eigenes Wort dafür entwickelten: Die “Schadenfreude” existiert im Englischen, Französischen, Italienischen, Spanischen, Portugiesischen und Polnischen nur als deutsches Lehnwort.

Niemand sprach es aus, was alle dachten: „Da kreiselt der Junge in 20 Metern Höhe achthundert Mal um die eigene Achse und trifft dann kaum den Ball!“ Auch ein Superstar wie Shaun White musste schnell einsehen, dass die wahren Helden an der Torwand geboren werden – und dort auch elend wieder verrecken.

Eusebio, Marco van Basten und selbst der legendäre Pele versagten und gingen mit null Treffern unter. So mancher Zuschauer mag angesichts der trüben Darbietung die fußballerische Kunstfertigkeit der Protagonisten ernsthaft in Zweifel gezogen haben. Ganz anders dagegen ernteten folgende Herren unumwundene Bewunderung, glückten ihnen doch die meistens, nämlich fünf Treffer: Rudi Völler, Günter Hermann, Reinhard Saftig, Matthias Becker, Rolf Fringer, Frank Pagelsdorf und Frank Rost.

Der Messias des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, traf hingegen nur viermal, machte sich mit einem einzigen Schuss trotzdem unvergesslich: Vom gefüllten Weizenbierglas zirkelte er den Ball in die runde Öffnung der Wand. Doch auch die Damen wussten zu begeistern: Anke Huber traf als beste weibliche Schützin dreimal ins Runde und Fußball-Weltmeisterin Fatmire Bajramaj erzielte zwei Treffer mit 7-Zentimeter-Absätzen. Selbst Otto, der bei RTL nur noch unter der Berufsbezeichnung „Blödelbarde“ geführt wird, versenkte einen Ball und zwar nach Schuss mit der Hacke.

Seit die Profis gegen Amateure antreten müssen, ist die Gefahr einer Blamage noch größer. So musste Stefan Kießling eine herbe Niederlage gegen den kleinen Jonas einstecken, der allerdings für einen Siebenjährigen mit einem kräftigen Bums gesegnet war. Kießling wird es verschmerzen können – schließlich hätte er sich des Spotts seiner Kollegen sicher sein können, wenn er am morgendlichen Training auf dem Siegerpreis um die Ecke gekurvt wäre – einem Fahrrad für Siebenjährige.

Auch Jürgen Klinsmann, jener ewige Sunnyboy des deutschen Fußballs, der mit seinem Shaun-White-Strahlegrinsen immer wieder die Öffentlichkeit blendet, durfte im November 2008 als noch aktiver Bayern-Trainer sein Glück an der Torwand versuchen. Leider hatte wenige Stunden zuvor der FC Bayern nach einer komfortablen 2:0-Führung gegen Borussia Mönchengladbach am Ende dennoch nur 2:2 gespielt. Entsprechend missmutig erschien er im aktuellen Sportstudio. Daran konnten selbst die Sportstudio-Verantwortlichen nichts ändern, obwohl sie mit allen Mitteln versuchten, ihn durch einen Sieg an der Torwand wieder aufzuheitern:

„Was mich ein bisschen verärgerte, war die Tatsache, dass Klinsmann an der Torwand üben durfte und ich nicht, das verschaffte ihm natürlich einen Vorteil.“

(DenizTürkoglu, Klinsmanns Gegner an der Torwand, am 16. 02. 2010 auf transfermarkt.de)

Klinsmann ging dann auch mit 2:0 in Führung. Doch manchmal hat das Leben einen feinen Sinn für Ironie: Mit zwei Treffern oben links glich sein Gegner Deniz Türkoglu kurz vor Schluss noch aus und bescherte damit dem Bayern-Trainer zum zweiten Mal am Tag ein unglückliches Remis. Das strahlend weiße Lächeln schien plötzlich wie eingefroren.

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