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Seit 58 Minuten ohne Torerfolg…

© wgernot

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Am Samstag, dem 06. März 2010, um 16.32 Uhr war es endlich soweit: Im Rhein-Energie-Stadion brach ein Vulkan unbändiger Freude aus und fegte in einer schier weltumspannenden Welle über den ganzen Erdteil hinweg. Mütter warfen ihre Kinder in die Luft, Rocker ihre Bräute und alle tanzten vor Freude auf einem Bein. Wer jetzt sagt, ich übertreibe, ist ein Spaßverderber. Denn ich selbst hüpfte vor dem heimischen Fernseher ausgelassen auf einem Bein, als Lukas Podolski im Spiel gegen den FC Bayern München in der 32. Minute mit einem fulminanten Freistoss den Ball ins Netz des verdutzen Torhüters Jörg Butt feuerte. Wäre ich Mutter oder Rocker, würden Kind respektive Braut noch immer in der Umlaufbahn ihre Kreise ziehen.

Nach schier nicht enden wollenden 1420 Minuten ohne Tor hatte Lukas Podolski wieder einen Treffer erzielt. Dass er gegen seinen Ex-Verein traf, dass er gegen den Tabellenführer traf, dass er nach einem zuvor unglücklichen Lattentreffer traf, dass er im heimischen Stadion traf – all das, spielte keine Rolle. Wichtig war nur, dass er traf!

Man hatte schon fast vergessen, wie es aussieht, wenn Podolski ein eigenes Tor feiert. Kaum berührt der Ball das Tornetz, rennt er, die Beine im rasenden Tempo dahinfegend, auf die Südtribüne zu, den Mund zu einem infernalischen Schrei aufgerissen und die Finger am Wappen auf dem eigenen Trikot zerrend, als wollten sie es in einem Ruck von der Brust reißen.

Mich hätte es nicht verwundert, wenn ihm in bester Popeye-Manier der Dampf aus den Ohren herausgeschossen wäre, so sehr konnte man das Adrenalin in seinem Körper kochen sehen. Kaum hatte ich mich beruhigt, mein Gewicht wieder auf das zweite Bein verlagert und mittels der anschließenden 27.000 Zeitlupen ein wenig an Abstand gewonnen, konnte ich beobachten, dass selbst Podolski kaum mehr wusste, wie sich ein eigener Torerfolg anfühlte. Da war keine Routine mehr im Torjubel, kein zuvor einstudiertes Mätzchen, sondern nur die archaische Freude, die ihn fast vergessen ließ, den Namen des Sohnemanns auf dem Schuh zu streicheln.

© wagg66

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Einer gut geschüttelten Cola-Flasche gleich konnte man erst jetzt, im Moment der Druckentweichung, erkennen, wie groß die Belastung für den Stürmer gewesen war. Auch er hatte sich dem Sog der Statistik in den Wochen zuvor nicht entziehen können. Was wäre der Fußball ohne Statistik und mehr noch, was wäre er ohne die heißgeliebten Serien?

Leverkusen verlor am vergangenen Spieltag nach 24 Spielen ohne Niederlage, Hannover 96 konnte nach sechs sieglosen Spielen in Folge endlich wieder gewinnen, der BVB blieb gegen Gladbach neunmal in Folge daheim unbesiegt, Freiburg hat nun seit elf Spielen nicht mehr gewonnen, Bremen schoss siebenmal hintereinander mindestens zwei Tore…

An jedem Spieltag werden Serien beendet und alte Serien fortgeführt. Dabei ist es ganz gleich, ob sie positiver oder negativer Natur sind – Hauptsache, die Ereigniskette reißt nicht ab, denn je länger eine Serie dauert, desto mehr Aufmerksamkeit wird ihr zuteil und desto größer wird die Vorfreude auf ein Ende der Serie.
Auch Spieler können rasch zu (meist unfreiwilligen) Serientätern werden: Dabei haben die Stürmer allerdings einen schweren Stand. Während fast jeder interessierte Fußballkenner weiß, dass Timo Hildebrandt 884 Minuten hintereinander ohne Gegentor blieb und damit den Bundesligarekord hält, müssen die meisten allerdings passen, wenn es um den Fakt geht, dass Kevin Kuranyi erst der dritte Stürmer (nach Manfred Burgsmüller und Gerd Müller) in der Bundesligahistorie ist, dem in acht aufeinander folgenden Spielzeiten mindestens zehn oder mehr Tore gelangen. (Das muss man auch nicht wissen, denn es ist falsch: siehe Kommentar)

Der Stürmer hat immer damit zu kämpfen, dass ein Tor im temporären Sinne als singuläres Ereignis im Verlauf eines Spiels oder einer Saison einzuordnen ist. Erst das Ausbleiben dieses Ereignisses wird als Kontinuum wahrgenommen und schon geht das Zählen der torlosen Minuten los. Im Umkehrschluss profitiert davon der Torhüter – oder weiß jemand aus dem Stehgreif, wie häufig Jaroslav Drobny, Torwart von Schlusslicht Hertha BSC Berlin, in dieser Saison schon ohne Gegentor geblieben ist? In 25 Spielen konnte er insgesamt nur fünfmal den Torerfolg des Gegners verhindern – davon endeten gleich drei Begegnungen 0:0. Doch das alles bleibt nicht mehr als eine Randnotiz.

Tröstlich erweist sich für die Stürmer immerhin, dass sie für herausragende Leistungen am Ende der Saison eine etablierte und anerkannte Auszeichnung einheimsen können: die kicker-Torjägerkanone. Das vom DSF vor drei Jahren ausgelobte Pendant für den besten Torhüter hat dagegen noch keinerlei Renommee. Das könnte allerdings auch am Namen der Auszeichnung liegen: die weiße Weste von SCHÖNER WOHNEN Polarweiß.

Für Lukas Podolski bleibt die Torjägerkanone in dieser Saison so unerreichbar wie die weiße Weste. Doch das wird ihm momentan ziemlich egal sein…schließlich hat er am Wochenende endlich wieder getroffen. Bleibt nur zu hoffen, dass er rasch nachlegen und den nächsten Treffer erzielen kann. Schließlich ist er nun schon wieder 58 Minuten ohne Torerfolg. Dabei ging es in der Vergangenheit doch auch so einfach:

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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