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Die David-Odonkor-Gedächtnismedaille geht an…(1)

© bluerapide

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„Ein Wechsel der Erwartung aufgrund des Eintreffens neuer Daten.“ Mit dieser spröden Definition umschreibt die naturwissenschaftliche Zeitschrift „New Scientist“ den Tatbestand einer „Überraschung“. Weniger umständlich ausgedrückt, verkörpert eine Überraschung etwas Unvorhergesehenes, Unerwartetes, nicht Geplantes, das den Empfänger in ein heftiges Gefühlschaos stürzt. Freude, Panik, Ärger, Wut, Rührung – die Palette der sich bahnbrechenden Emotionen ist bunt und vielfältig, je nachdem, um welche Überraschung es sich handelt. Der Körper steht dem aufgewühlten Seelenleben in nichts nach und übertölpelt den Überraschten je nach Verfassung mit spontanem Erröten, mit heftigem Zittern, Schweißausbrüchen, unkontrollierbaren Kicheranfällen oder mit erregten Zuckungen.

Der Fußball ist mit seinem vom Zufall durchsetzten Spiel geradezu prädestiniert, unkontrollierbare Kicheranfälle als Folge von Überraschungen zu produzieren. Wir kennen das Tor, das aus dem Nichts fällt, wir kennen den TSV Vestenbergsgreuth, der vor Jahren die übermächtigen Bayern aus dem DFB-Pokal schmiss, wir kennen Europameister Griechenland, den Deutschen Meister VfL Wolfsburg, Manchesters Last-Minute-Triumph von 1999, das Freistoßtor von Roberto Carlos, und wir kennen David Odonkor.

Der Name des Flügelflitzers steht seit seiner völlig unerwarteten Berufung in den Nationalmannschaftskader für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland als Synonym für eine der größten Überraschungen der jüngeren deutschen Fußballgeschichte. Jürgen Klinsmann besaß als Teamchef den Mut (bzw. zum damaligen Zeitpunkt vielmehr den Wahnwitz), einen auf internationaler Ebene unerfahrenen Spieler mitzunehmen, der noch dazu als spielerisch äußerst limitiert galt.

Doch so wenig Klasse und Variabilität Odonkor als klassischer Nischenspieler auch besaß, so sehr vermochte er in seiner kleinen Nische zu glänzen: Mit seiner enormen Schnelligkeit gepaart mit einer soliden Flankentechnik verlieh er dem deutschen Spiel eine ungeahnte neue Facette, die zumindest punktuell bei den gegnerischen Mannschaften für größte Verwirrung sorgte. Mit Odonkor war das deutsche Team im Besitz einer Waffe, die bei den Trainern der Gegner nicht selten einen „Wechsel der Erwartung aufgrund des Eintreffens neuer Daten“ verursachte.

Klinsmanns Coup sollte schließlich gelingen: Mit seinem Flankenlauf im Vorrundenspiel gegen Polen bereitete der damalige Dortmunder das entscheidende 1:0 durch Oliver Neuville vor – noch heute sind sich die Zeitzeugen einig, dass jener Sieg im zweiten Gruppenspiel das essentielle Erweckungserlebnis zum Erreichen des dritten Platzes war.

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In nur wenigen Wochen wird Klinsmanns Nachfolger, Joachim Löw, seinen erweiterten Kader für die anstehende WM in Südafrika bekannt geben. Leider ist aktuell nicht davon auszugehen, dass sich erneut ein „Odonkor“ unter den berufenen Spielern befinden und für allseits großes Erstaunen sorgen wird. Dabei besäße die Idee, im Kader für anstehende Turniere stets einen festen Platz für einen Neuling und Überraschungskandidaten zu reservieren, einen unwiderstehlichen Reiz.

Der Akt der Überraschung würde damit zwar unwiederbringlich zerstört, doch ließe sich angesichts des unbekannten Inhalts leicht darauf verzichten: An Weihnachten ist man sich schließlich auch darüber im Klaren, dass die Geschenke unter dem Baum warten, und dennoch fragt man sich gespannt, ob eines denn auch wirklich das gewünschte Pro Evolution Soccer 2010 enthält.

Natürlich stellt sich sofort die Frage, welcher Spieler bei der Berufung des vorläufigen Kaders am 6. Mai überraschend aus dem Geschenkpaket springen könnte. Wer könnte die Rolle des unbekannten „Mister X“ ausfüllen? Wer wäre trotz seiner Unbekanntheit gut genug, die deutsche Nationalmannschaft in Südafrika entscheidend zu verstärken? Die Stadionwürste präsentieren bis Samstag die Top Five der potentiellen Überraschungskandidaten:


  • Sidney Sam (1. FC Kaiserslautern, 22 Jahre alt)

    © Mathias Sichting

    © Mathias Sichting

Position: Sturm/Mittelfeld (variabel links/rechts)

Statistik für die laufende Saison: 32 Einsätze, 10 Tore, 6 Assists, Kickerdurchschnittsnote 2,94

Der Leihspieler vom HSV spielt eine herausragende Saison und hat maßgeblichen Anteil am Aufstieg der Pfälzer Teufel. Sam erinnert in seiner Spielweise ein wenig an Marko Marin: er kann beidfüßig schießen, ist torgefährlich und ein guter Dribbler. Dennoch zeichnet ihn im Gegenzug zum Bremer eine größere Dynamik, Schnelligkeit und Explosivität aus. Die kann er vor allem auf den Flügeln ausspielen, sowohl links als auch rechts, da er zudem über eine passable Flankentechnik verfügt.

Das Lauterer Angriffsspiel ist durch Sams Flexibilität äußerst variantenreich. In der Nationalelf könnte er eine dynamische Alternative zu Marin, Kroos und Özil darstellen. Zudem ist Sam auch als Angriffsspitze einsetzbar und somit vielseitig verwendbar. Nicht zuletzt aufgrund seiner Hautfarbe und Spielweise gebührte ihm bei einer Berufung die David-Odonkor-Gedächtnismedaille.

Fazit:
Da Bastian Schweinsteiger aller Voraussicht nach im Nationalteam auf die Doppel-Sechs neben Michael Ballack rücken wird, könnte Sidney Sam eine wichtige Alternative zur Besetzung des vakanten offensiven rechten Mittelfelds sein. Allerdings hat er als Zweitligaspieler kaum realistische Chancen auf eine Berufung.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

Eine Portion Senf

Juenter  on April 28th, 2010

würde ich aber trotzdem sehr gut finden! Sam hat auf jeden Fall Odonkor-Potenzial

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