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Die Weisheit wird mit Füßen getreten…

© maspi

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Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Das erfahren Ralf Rangnick und Bruno Labbadia gerade mal wieder am eigenen Leib. Während der erste noch in der letzten Saison als Pfiffikus der Trainergilde gefeiert wurde, gilt er inzwischen Fans und Presse als Abschusskandidat Nummer eins. Noch schneller vollzog sich der Stimmungswandel bei Labbadia, der vor zwei Wochen schon fast arbeitslos schien, nun aber nach zwei Siegen in Folge wieder fest auf seinem Trainerstuhl sitzt.

Selbst als außenstehender Beobachter kann man sich des Gefühls nicht erwehren, man säße in einem Achterbahnwagen namens „Professioneller Fußball“ und rausche in höllischem Tempo die Schienen entlang; von Gipfeln der Glückseligkeit stürzt man in tiefste Tränentäler hinab und zwar nur, um wieder Anlauf zu nehmen zum rasanten Aufschwung zu neuen Höhepunkten der Entzückung. So brettern Vereine (Hertha BSC), Spieler (Mesut Özil), Trainer (Rangnick/Labbadia) oder ganze Landesauswahlen (DFB-Elf) atemlos von Erfolg zu Fehlschlag und wieder. Rauf und runter, rauf und runter, was gestern gut war, ist heute schlecht und morgen super und übermorgen schon gar nicht mehr der Rede wert.

Doch zum Glück gibt es jene unabänderlichen Fußballweisheiten, die es sich in ihrem Nest der Allgemeingültigkeit gemütlich gemacht haben, stoisch jeder Widerlegung trotzen, seit Jahren und Jahrzehnten von sämtlichen beteiligten Akteuren widergekäut werden und so dem außenstehenden Betrachter eine wohltuende Orientierungshilfe bieten. „Der Ball ist rund“, „Ein Spiel dauert 90 Minuten“, „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, „Engländer können keine Elfmeter schießen“, „Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift“…wer etwas zur Erweiterung des Sammelsuriums beitragen möchte, ist herzlich willkommen, weitere Weisheiten per Kommentar beizusteuern.

An dieser Stelle soll vielmehr ein Blick auf jene Weisheiten geworfen werden, die zwar in Stein gemeißelt scheinen, sich bei näherer Betrachtung jedoch als eingeritzte Zeichen im porösen Sandstein entpuppen. So erfährt der Klassiker „Geld schießt keine Tore“ seit ein paar Jahren eine vorsichtige Revision.

Zwar geriert sich Real Madrid als hartnäckiger und zuverlässiger Bewahrer und Beschützer des Ausspruchs, indem der Verein seit Jahren aberwitzige Millionenbeträge in neue Spieler investiert, nur um am Ende einer Saison mal wieder ohne Titel dazustehen. Doch hat sich vor allem seit dem Triumphzug der englischen Premierleague-Clubs auf europäischer Bühne die Ansicht verfestigt, dass Geld einen erheblich positiven Einfluss auf die sportliche Entwicklung eines Vereins ausübt. Überraschungserfolge von Mannschaften mit vergleichsweise geringem Etat sind selten, sei es in der Bundesliga oder in den europäischen Pokalwettbewerben. Neue ernstzunehmende Konkurrenten für nationale Platzhirsche wie Bayern München oder Schalke 04 erwachsen heute höchstens einer kräftigen Anschubfinanzierung, wie sie beispielsweise der TSG Hoffenheim oder dem VfL Wolfsburg zuteilwurde.

© morgenroethe

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Bayern München hat jüngst ein weiteres Indiz für die Ungültigkeit des Spruches ins Feld geführt: Arjen Robben, der Flügelflitzer und Garant für die wichtigen Tore, konnte im August 2009 für schlappe 24 Millionen von Real Madrid verpflichtet werden.
Eigentlich war man in der Scoutingabteilung auf der Suche nach einem vielversprechenden Außenverteidiger, aber als Robben auf dem Markt war, sah sich der Rekordmeister sozusagen gezwungen, einfach zuzugreifen. Wohl dem, der für diese Handlungsschnelligkeit auch das nötige Kleingeld besitzt. In der laufenden Saison zeigt sich schon jetzt, dass eben jene 24 Millionen Euro nicht nur Tore en masse schießen, sondern gleich auch neues Geld generieren.

Robben schoss die Mannschaft ins DFB-Pokalfinale sowie ins Viertel-, später dann ins Halbfinale der Championsleague. Mit diesen jeweils spielentscheidenden Toren hat er seinem Verein allein an Prämien 9,3 Millionen Euro beschert – zusätzliche Heimspieleinnahmen, TV-Gelder und Sponsorenboni nicht mit eingerechnet, ganz zu schweigen von der neuerlichen Chance, eine weitere Wettbewerbsrunde zu überstehen. Geld schießt also nicht immer Tore, aber immer öfter.

Anlässlich der zweiten zweifelhaften Fußballweisheit ist es für die Stadionwürste an der Zeit, Rudi Völler nachträglich zum 50. Geburtstag zu gratulieren. Denn auch der Ex-Teamchef hat zu seiner Zeit als Betreuer der Nationalmannschaft ein Bonmot geprägt, das allerdings niemals sein Alter erreichen wird: „Es gibt keine Kleinen mehr.“

Mit diesem Ausspruch wurden deutsche Fußballfans über Jahre hinweg eingeschüchtert, wenn die deutsche Nationalmannschaft im Zuge eine EM- oder WM-Qualifikation gegen Länder wie Aserbaidschan oder Armenien antreten musste. Erst unter Jürgen Klinsmann konnte man Spiele wie gegen Zypern wieder entspannt auf dem Sofa lümmelnd erleben. Diese erträgliche Leichtigkeit des Seins verwandelte sich gelegentlich in unerträgliches Unwohlsein, sobald sich ein Unentschieden oder eine Niederlage am Endergebnishorizont abzeichnete. Denn beides fasste man jetzt wieder als Blamage und nicht länger als alltägliche Selbstverständlichkeit auf. So folgte einem 13:0 gegen San Marino auch schon mal ein 1:1 gegen Zypern – war eingangs nicht die Rede von der Achterbahnfahrt im Fußballgeschäft?

Im Herbst 2009 war es schließlich Uli Hoeneß vorbehalten, mit dem Finger auf die so genannten „Kleinen“ zu zeigen und ihre hartnäckig geleugnete Existenz nun also doch nachzuweisen:

„Diese Länderspiele gegen Aserbaidschan und Südafrika – das ist ja langsam Kokolores.“

Vehement forderte er eine Vorqualifikation zu Großturnieren für die „kleinen“ Fußballnationen:

„Wenn man gegen Liechtenstein spielt, kann man auch gegen den FC Tegernsee spielen!“ (zitiert nach Sportgate, vom 12.09.2009)

Wir lernen also, dass die Kleinen wieder leben – und wahrscheinlich so lange klein bleiben, bis ein reicher Onkel mit dem Geldsäckel vorbeikommt, um sie mal ordentlich aufzupäppeln.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

2 Portionen Senf

Andre  on April 15th, 2010

Geld schießt sicher keine Tore, aber es erleichtert die Geschichte schon ungemein… Sicherlicht sind horrende Investitionen keine Garantie erfolgreichen Fußball hinzulegen, aber ohne das nötige Kleingeld geht im großen Geschäft nur sehr wenig. Zumindest, wenn es um den dauerhaften Erfolg geht und nicht nur um eine Überraschung.

Oder warum treten russische Teams in letzter Zeit immer häufiger so stark auf? Oder warum finden sich in Europapokal-Finalrunden oftmals nur die Teams aus den finanzkräftigsten Ligen?

Wenn dann aber ein galaktisches Team ins Straucheln gerät, jubiliert mein kleines Fußball-Herz noch immer und posaunt heraus: “Geld schießt halt doch keine Tore. Ällabätsch!”

Hennes  on April 19th, 2010

Ich stimme Dir völlig zu: Bei Niederlagen von Real Madrid ist das schadenfrohe Jubilieren sozusagen erste Bürgerpflicht (wenn man nicht gerade Fan der Mannschaft ist!)!

Ich finde es ja noch nicht mal so schlimm, dass sie über kolossale Geldmittel zum Spielerkauf verfügen. Richtig sauer stößt mir auf, dass sie das Geld auch mit beiden Händen zum Fenster rauswerfen. Da werden Spieler nicht gekauft, weil sie ins System oder auf die schwach besetzte Position passen, sondern weil das Sammelalbum mit Stars geschmückt sein will. Wenn ein Spieler für 20 Mio. nicht einschlägt, dann juckt das keinen, und wenn, dann höchstens am Arsch – pardon! Wenn Bremen – national ja auch einer der “Big Player – einen Carlos Alberto-Transfer verdaddelt, dann tut das richtig weh. Und beim nächsten Mal überlegen sie lieber zweimal…

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