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Wanderer zwischen den Ligen

© rowan

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Am Samstag gewann der SC Freiburg sein Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg mit 2:1 und konnte damit die Lücke zu den Nichtabstiegsrängen wieder schließen. Während die Fans den erst dritten Heimsieg der Saison mit großer Erleichterung frenetisch feierten, nahm Trainer Robin Dutt den wichtigen Erfolg zwar erfreut, doch weitaus reservierter zur Kenntnis. Denn wie jeder Mitarbeiter beim Sportclub Freiburg muss auch bzw. gerade der Trainer über eine unverzichtbare Tugend verfügen: Geduld.

Schon Volker Finke, Dutts Vorgänger auf der Freiburger Trainerbank (oder vielmehr: im Freiburger Strandkorb) und mit 16 Jahren ununterbrochener Amtszeit quasi der Helmut Kohl des Breisgau-Fußballs, galt als Inbegriff des duldsamen Stoikers. Schon unter seiner Führung verordnete sich der Sportclub Bescheidenheit und Geduld als Programmatik. Denn schnell war die Erkenntnis gereift, dass der sportliche Erfolg unter den vorhandenen eng beschränkten wirtschaftlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen nicht mehr ist, als ein flüchtiger Geselle, der langsam kommt und schnell wieder verschwindet.

Noch heute gilt: Wenn alles optimal läuft, Mannschaft und Trainer harmonieren, die mit bescheidenen Mitteln eingekauften Spieler einschlagen, die vereinseigene Nachwuchsförderung Blüten trägt und die Konkurrenz zeitgleich schwächelt, dann kann der SC Freiburg in der ersten Bundesliga spielen. Das klappt womöglich nur ein einziges Jahr, vielleicht auch ein paar Spielzeiten hintereinander und mit ganz viel Glück springt dabei auch punktuell der Einzug ins internationale Geschäft heraus, wie 1995/96 und 2000/01. Doch Normalität, so ist man in Freiburg stets bemüht zu betonen, ist die Erstligazugehörigkeit nicht.

Mit dieser demütigen Bescheidenheit sticht der SC angenehm aus der Masse der Profifußballclubs heraus. Dabei steht der Verein stellvertretend für rund ein Dutzend Clubs, deren Schicksal genau wie im Breisgau die Wanderung zwischen den Welten der ersten und der zweiten Liga ist. Zu diesen – im weitesten Sinne – „Fahrstuhlvereinen“ zählen Vertreter aus beiden Ligen: 1. FC Nürnberg, VfL Bochum, MSV Duisburg, Arminia Bielefeld, Energie Cottbus, 1. FC Köln, Borussia Mönchengladbach, FC St. Pauli, 1860 München, Alemannia Aachen, Mainz 05, 1. FC Kaiserlautern (zukünftig vielleicht ergänzt durch Fortuna Düsseldorf, Hannover 96, FC Augsburg, Hertha BSC Berlin). Doch wie kommt das? Ist der Niveauunterschied zwischen der Fußballbundesliga und der zweiten Liga tatsächlich über die Jahre geschrumpft, wie vielerorts behauptet wird?

Indizien zur Untermauerung dieser These finden sich scheinbar zuhauf: 1998 konnte der 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger in die erste Liga gleich den Meistertitel gewinnen. In der vergangenen Saison hatte der Relegationsteilnehmer der ersten Liga, Energie Cottbus, nicht den Hauch einer Chance gegen den nach oben strebenden Club aus Nürnberg. Der FC Augsburg schaltete als Tabellendritter der zweiten Liga im diesjährigen DFB-Pokalwettbewerb gleich zwei Bundesligisten aus. Aktuell zeigt der Aufsteiger Mainz 05, wie man als vormaliger Zweitligaverein in der ersten Liga mithalten und sich dort sogar im sicheren Mittelfeld platzieren kann. Ähnliche Beispiele gibt es immer wieder.

Gleichwohl braucht es nicht viel Fußballfachverstand, um festzustellen, dass die geringen Qualitätsunterschiede nicht flächendeckend in den Ligen existieren: Die Spitzenmannschaften der ersten Liga sind zweifelsohne auch an schlechten Tagen locker in der Lage, jedes Team aus den Top Five der zweiten Liga zu schlagen. Von einem Vergleich zwischen dem FC Schalke 04 und der TuS Koblenz ganz zu schweigen. Doch Vereine aus dem unteren Tabellendrittel der ersten Liga hätten große Mühe, ihre Spiele gegen Teams aus dem oberen Drittel der Zweitligatabelle zu gewinnen. Demnach scheint der qualitative Sprung von der Tabellenspitze der 2. Liga ins Fußball-Oberhaus in der Tat nicht sehr groß sein.

Für die Spitzenvereine der zweiten Liga ist dieser Umstand ein zweischneidiges Schwert. So unproblematisch der Aufstieg für die Big Player des Unterhauses auch verlaufen mag, so schwierig gestaltet sich der anschließende Klassenerhalt. Schließlich ist die Zahl der zu ergatternden Punkte in der ersten Liga eng begrenzt. Ein halbes Dutzend Vereine bewegt sich sportlich auf Augenhöhe und kann in Normalform geschlagen werden, hinzu kommt der eine oder andere Überraschungserfolg gegen Vertreter der Spitzenklasse. Doch genauso gibt es die unerwartete Niederlage gegen einen Mitkonkurrenten im Tabellenkeller.

Ein Blick in die Statistik bestätigt die Schwierigkeiten der Aufsteiger, die Klasse zu halten.
In den letzten elf Jahren gab es gerade einmal zwei Spielzeiten, in denen keiner der drei Aufsteiger wieder postwendend den Gang ins Unterhaus antreten musste. Schaut man sich die jeweiligen Absteiger genauer an, dann offenbart sich ein weiteres interessantes Detail: Von den seit der Saison 1997/98 abgestiegenen 18 Vereinen sind unglaubliche elf Clubs seit dieser Zeit mehr als einmal abgestiegen. Der 1. FC Köln und Arminia Bielefeld halten mit insgesamt vier Abstiegen den traurigen Rekord für diesen Zeitraum.

© mara dd

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Damit erhärtet sich auch die Vermutung, dass die Ligastruktur im deutschen Fußball ein schiefes Bild der Realität zeichnet. Während der qualitative Sprung von der Tabellenspitze der zweiten Liga ins Fußball-Oberhaus einem lächerlichen Hüpfer gleicht, gähnt zwischen dem abstiegsbedrohten unteren Mittelfeld der Bundesligatabelle und dem oberen Mittelfeld, das zum Kampf um die internationalen Plätze lädt, eine Lücke vom Ausmaß des Grand Canyons.

Nur ganz wenigen Mannschaften gelingt mit Beharrlichkeit, kluger Transferpolitik, Finanzkraft und einer Portion Glück der Brückenbau zur anderen, sonnigen Seite des Tabellengrabens – Eintracht Frankfurt geriert sich gerade als positives Exempel, der 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach könnten im Sinne der Stadionwürste in den nächsten Jahren folgen.

Doch auch bei diesen Clubs schwebt stets das Damoklesschwert des Abstiegs über dem Vereinswappen, das im Falle einer einzigen verkorksten Saison hinab saust und sämtliche Bemühungen zunichtemacht. Auch dafür gibt es genügend Beispiele: Der 1. FC Nürnberg wähnte sich 2006 nach DFB-Pokalsieg und der Teilnahme am internationalen Wettbewerb bereits auf der anderen Seite, als er 2007/08 doch wieder in die Zweite Liga zurückkatapultiert wurde. Kaum vorstellbar, dass der Club in den nächsten Jahren mehr sein wird, als ein verzweifelter Kämpfer gegen den eigenen Fahrstuhlstatus.

In dieser Saison könnte Hertha BSC Berlin mit einer einzigen katastrophalen Spielzeit nicht nur absteigen, sondern auch auf Jahre hin das bis dahin scheinbar so stabile Fundament des Clubs selbst einreißen. Die Schuldenlast drückt, die Mannschaft wird nach dem Abstieg in Einzelteile zerfallen, der Zuschauerzuspruch wird schwinden – selbst wenn der Gang in die zweite Liga nach einem Jahr wieder umgekehrt und unter dem Etikett „Betriebsunfall“ abgeheftet werden kann, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die Hertha in den nächsten Jahren in die Masse der Weltenwanderer zwischen erster und zweiter Liga wird einreihen müssen.

Vielleicht sollten die Berliner Verantwortlichen schon mal das Telefonbuch durchblättern, um auf der Geschäftsstelle beim SC Freiburg anzurufen. Denn dem anspruchsvollen Umfeld des Hauptstadtclubs wird es mit Sicherheit nicht leicht fallen, jene Tugend zu entwickeln, die im beschaulichen Breisgau längst zur Bürgerpflicht Nummer Eins geworden ist: Geduld.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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