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Wir blenden mal die Linie ein…

(c) pvera

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So langsam bekomme ich Kopfschmerzen, wenn ich mir Fußballübertragungen im TV anschaue. Und das hat (erstaunlicherweise) nichts mit Steffen Simon oder Reinhold Beckmann zu tun. Meine linke Schläfe fängt an zu pochen, und ein Gefühl, als wenn mir ein heißer Zimmermannsnagel quer durch den Kopf getrieben würde, setzt genau dann ein, wenn ich ein Wort höre – „Abseits!“.

Samstags gegen 19 Uhr auf der Couch – angespannt sitze ich vor dem Fernseher und hoffe auf ein ordentliches Spiel meiner Borussia. Ich habe mich ja schon daran gewöhnt, dass das eigentliche Spiel nur noch selten im Vordergrund der Berichterstattung steht, sondern eher die Schlagzeilen der Sportpresse der vorausgegangenen Woche anhand eines Spieles abgearbeitet werden – „Schlüsselspiel für den Trainer“, „Der FC kann nur ohne Poldi siegen“ oder „Abwärtstrend beim HSV und Leverkusen“.
Je länger die Sportschau läuft, desto fester balle ich meine kleinen Hände und drücke so fest auf meine Daumen, bis die Knöchelchen ganz weiß werden: „Bitte, bitte, keine umstrittenen Abseitsentscheidungen!“

Und schon passiert das Unglück! Tor! Spieler protestieren, laufen zu Linienrichter und Schiedsrichter, Mannschaftskapitäne stehen sich Nase an Nase gegenüber und tauschen lautstark Unhöflichkeiten aus, und der kommentierende Fernsehangestellte fordert eine Wiederholung mit eingeblendeter Phantasielinie.
„Jetzt wollen wir uns das mal genau anschauen ob das nicht Abseits war!“ höre ich die Stimme aus meinem Fernseher sagen. Kaum merklich baut sich ein unangenehmes Gefühl unter meiner Schädeldecke auf. Die Wiederholung wird eingeblendet und stoppt nach wenigen Sekunden „im Moment der Ballabgabe“. Auf der linken Seite der Bildfläche taucht plötzlich eine gelbe Linie auf, die durch zwei Spieler, von jeder Mannschaft einer, hindurch führt.“ „Aha, also doch kein Abseits“, denke ich mir, werde aber jäh aus meiner Gutgläubigkeit gerissen, als der Mann im Fernseher plötzlich behauptet: „Da hat der Linienrichter aber einen groben Fehler gemacht – Abseits!“.

Verwundert fange ich an, auf die etwas schwummerigen Männchen auf der Mattscheibe zu starren, um meine Fehleinschätzung der Situation zu erkennen – aber ich sehe noch immer kein Abseits. Der leichte Druck in meinem Kopf weicht einem jetzt stechenden, unangenehmen Ziehen. Ich muss jedoch nicht lange warten, und der nette Herr, der den wahrscheinlich schönsten Job der Welt hat, klärt mich auf: „Man sieht deutlich, dass der Fuß des Angreifers weiter vorne ist.“. Ich beginne, an meinen Augen zu zweifeln, rücke mich vom Sofa direkt vor den Fernseher und sehe immer noch nichts – liegt wahrscheinlich daran, dass der Schmerz in meinem Kopf immer unerträglicher wird und mir so die Sehkraft raubt, denke ich mir. Die freundlichen Menschen von der TV-Station wollen mir aber auch weiterhin helfen, meinen Fehler einzusehen und bieten mir eine alternative Perspektive des Geschehens an – mit viel Phantasie und gutem Willen könnte man vielleicht meinen, dass da ein Körperteil eine Winzigkeit weiter vorgereckt ist – aber wirklich nur mit sehr viel Phantasie.

Jetzt folgt ein etwas längerer Monolog des Kommentators über „Chip im Ball“, „Torkamera“, „Videobeweis“, „Franz Beckenbauer“ und „Sepp Blatter“. Ich hab leider nicht verstanden, ob der nette TV-Herr jetzt dafür oder dagegen ist – ich weiß nur, dass 5 Minuten meiner kostbaren Lebenszeit verstrichen sind, in denen ich viele sinnvolle Sachen hätte tun können und dass ich irgendwann mal gehört habe, dass dann Abseits ist, wenn der Schiri pfeift.

Endlich wird die Berichterstattung über das Spiel fortgesetzt – ich bin nur leider nicht mehr in der Lage, dem Geschehen zu folgen – jetzt helfen nur noch Aspirin und kalte Umschläge.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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