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FC St. Pauli is fucking alive

© carrat

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„Refused are fucking dead“ – Mit diesen Worten betitelte die schwedische Hardcore-Punkband Refused die Pressemeldung zur Bekanntgabe der eigenen Auflösung im Oktober 2008. Nur wenige Monate zuvor hatten die fünf Musiker mit ihrer letzten Veröffentlichung „The Shape of Punk to Come“ eine der bis heute einflussreichsten und musikalisch interessantesten Platten im Hardcore-/Punk-/Alternativegenre aufgenommen. Von den Kritikern in den Himmel gejubelt, von den Medien hofiert, von den Fans geliebt, schien das Quintett auf dem Sprung in den Olymp der lauten Gitarrenmusik – und zerbrach kurz darauf am eigenen Erfolg.

Klingt diese Geschichte vertraut? Das könnte daran liegen, dass sie nicht zu ersten Mal erzählt wird. Womöglich wurde sie schon hundertfach zum Besten gegeben, auch wenn die Protagonisten andere Namen trugen und der Verlauf der Geschichte jeweils variierte. Vielleicht nannten sie sich Nirvana oder At the Drive-Inn, vielleicht trennten sich die einen wegen musikalischer Differenzen, während die anderen im Drogensumpf versanken oder im Rausch ihren Kopf verloren. Doch die Konstante, die sich immer wieder beobachten lässt und jeder einzelnen Tragödie zugrunde liegt, ist der Erfolg des eigenen Schaffens. Denn jener Frucht harter Arbeit wohnt eine kaum zu beseitigende Paradoxie inne: Jeder arbeitet, schafft und schuftet für Erfolg, doch wenn er sich einstellt, dann wird er für Viele zur Bürde und vernichtet am Ende das eigene Schaffen. Der Erfolg frisst häufig seine Eltern.

Vor allem in der vermeintlichen Subkultur der alternativen Musikszene lassen sich viele Beispiele aufspüren. Denn eine Szene, die sich selbst als Alternative zum Mainstream stilisiert und definiert, ist immer anfällig für die negativen Konsequenzen, die der Erfolg mit sich bringt. Denn Erfolg besteht ja in der Regel aus Anerkennung bei den Rezipienten, die wiederum eine erhöhte Aufmerksamkeit beim Publikum nach sich zieht, begleitet von einer innigen Umarmung von der Werbeindustrie und den Medien, die damit allesamt einen (meist sprunghaften) Zuwachs der Popularität verursachen. Wenn diese Spirale auf eine Kultur trifft, deren Identität gerade in der Negierung jener massenkompatiblen Popularität besteht, dann kommt es unweigerlich zum Clash.

So weit, so gut…wo bleibt nun der Spagat zum Fußball? Beine lockern, Strecksprung, los geht’s, jetzt wird gespreizt, bis die Leisten brennen.

Der FC St. Pauli steht als Aufsteiger in die Fußball-Bundesliga fest und kann sich in der nächsten Spielzeit zum fünften Mal in seiner Vereinsgeschichte mit den Besten messen. Eine Bilanz, die auf den ersten Blick nicht auf eine bemerkenswerte Bedeutung des Klubs im deutschen Fußball schließen lässt. Doch der FC St. Pauli ist kein „normaler“ Fußballverein. Er ist deutschlandweit bekannt. Er hat unzählige Anhänger und Millionen Sympathisanten. Er ist Kult.
Besaß der Verein jahrzehntelang das Image eines grauen Arbeiter- und Stadtteilklubs, wandelte sich sein Erscheinungsbild in den achtziger Jahren. Die Hausbesetzerszene der Hafenstraße erkor den FC St. Pauli zu ihrem Lieblingsverein und brachte den Punk ans Millerntor. Das Image begann sich zu ändern: Die Anhängerschaft bestand nicht mehr nur aus einfachen Fußballfans, sondern aus einer politisierten Masse, deren Herz sehr weit links schlug. Der Verein wurde unweigerlich von einer subkulturellen Bewegung verschluckt, die sich gegen das Establishment stellte, gegen den Kommerz, gegen den Mainstream.

© twicepix

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Wie in jeder Subkultur, so wurden auch am Millerntor Symbole eingeführt, die identitätsstiftend nach innen und abgrenzend nach außen wirken. Die Totenkopfflagge, die auf den Dächern vieler Häuser in der Hafenstraße wehte, ist das herausragende Exempel jener subkulturellen Codierung, die für das „Wir sind anders als Ihr“ steht. Sie verweist auf die Geschichte St. Paulis als Teil einer Hafenstadt und Heimat des berühmtesten Piraten Deutschlands, Klaus Störtebecker. Zugleich transportiert sie auch die Werte und Inhalte der Freibeuterei, die historisch gesehen zwar häufig schlicht kriminell war, sich bis heute jedoch auch den Hauch des Heldenhaften bewahrt hat. Hier die armen Piraten, dort die reichen Handelsschiffen, hier der Dreck, dort der Glanz, hier das Aufbegehren, dort das Etablierte – die implizierte Stoßrichtung hat sich bei vielen St. Pauli-Fans bis heute nicht geändert.

Der Verein hat sein Image als „anderer Fußballverein“ längst verinnerlicht, gefördert und gewinnbringend genutzt. So beginnt die auf der Homepage aufgeführte Vereinshistorie bezeichnenderweise mit den Worten: „Non established since 1910.“ Doch mit dem offensiven Einsatz des eigenen Images ging auch eine Vermehrung der Popularität einher, die Fußballfans aus ganz Deutschland erfasste. Inzwischen gibt es mehr als 250 offizielle Fanclubs und der Studie des Sportvermarkter UFA Sports zufolge mehr als 11 Millionen Sympathisanten im Bundesgebiet.

Die Gefahr, die dahinter lauert, liegt klar auf der Hand. Längst ist der FC St. Pauli kein unbekannter Nischenverein für alternative Rebellen mehr, sondern ein Markenprodukt, ein Magnet für Viele, die sich selbst gerne vom Mainstream abheben wollen. Dabei entwickelt sich genau jene paradoxe Eigendynamik, die die subkulturelle Identität des Vereins gehörigen Spannungen aussetzt: Mit jedem Anhänger, der sich aufgrund der eigenen Loslösung vom Mainstream dem Verein anschließt, rückt dieser ein Stückchen weiter ins Meer des Massengeschmacks.

Der Aufstieg in die erste Liga könnte dabei zum Katalysator für das Zerbersten des Vereins werden – zumindest für den Verein, der er bislang war. Denn die Ziele der Vereinsführung und der sportlichen Leitung sind ehrgeizig und sehen die Etablierung des Vereins auf höchster Ebene vor. Die Strukturen sind längst so professionell wie bei jedem anderen Bundesligaklub, das Stadion nimmt mehr und mehr die Formen einer modernen Fußballarena an, inklusive Businesslogen für Besserverdienende. Neben der regional ansässigen Stammkundschaft im Stadion werden zunehmend so genannte „Event-Fans“ gesichtet, die den Besuch in der Hansestadt Hamburg dazu nutzen, die so oft gerühmte Atmosphäre am Millerntor zu erleben. Zudem wird der Auftritt auf Deutschlands größter Fußballbühne, der Bundesliga, dem Verein zusätzliche Aufmerksamkeit und Popularität bescheren.

Die subkulturelle Identität gerät so automatisch ins Wanken. Schon jetzt lassen sich vermehrt „Sell-Out“-Vorwürfe vernehmen, mit denen alteingesessene Traditionsfans den Wandel des etwas anderen Kiez-Klubs in einen modernen, wirtschaftlich effizienten Fußballklub lautstark kritisieren. Die Nische, in der der FC St. Pauli mit seinen Fans jahrelang scheinbar abseits vom kommerziellen und gewinnorientiertem Fußballbusiness lebte, droht wegen Übervölkerung bald zu platzen und im Meer der Masse aufzugehen.

Freilich besteht keine Gefahr, dass bald eine Pressemeldung mit dem Titel „FC St. Pauli is fucking dead“ die Runde machen wird. Doch stellt sich die Frage, ob sich die eigene Identität beim Prozess der Etablierung des Vereins auf höchster Ebene bewahren lässt. So mag es den einen oder anderen geben, dem die Ankunft des FC St. Pauli im grauen Mittelfeld der Erstligatabelle und im Kreis all der anderen, massenkompatiblen und kaum unterscheidbaren Klubs nicht wie ein vorzeitiges Ende des einstmals so alternativen Vereins vorkommt. Denn einen Vorteil hatte das frühe Ende der eingangs erwähnten Bands: Mittelmäßige und konturlose Platten blieben ihnen erspart, und ihr Erbe strahlt daher in der Erinnerung nur noch heller.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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