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Hiob ist Deutschlands zwölfter Mann

Inzwischen öffne ich morgens die Sportseite meines Vertrauens im Internet nur noch mit klopfendem Herzen. Denn die Hiobsbotschaften im Hinblick auf die anstehende WM in Südafrika reißen nicht ab. Simon Rolfes fällt verletzt aus, René Adler auch, Thomas Hitzlsperger hat sich auf der Auswechselbank von Lazio Rom in eine Pfütze aus Sekundenkleber gesetzt und kann nicht mehr aufstehen, Michael Ballack musste Bekanntschaft mit einem jugendlichen Gewalttäter machen und Christian Träsch mit einem Umgrenzungszaun. Gestern hörte man, dass Thomas Müller vom Rad gefallen war, was in etwa so ausgesehen haben mag:

 

 

Zum Glück hat er sich nicht verletzt, und selbst die Schrammen im Gesicht werden bis zum Eröffnungsspiel wieder weitgehend verschwunden sein. Doch eines scheint sicher: Joachim Löw gehen langsam die Alternativen aus. Was also tun? Auf die Nachwuchsmannschaften des DFB zurückgreifen und in den U-21, U-19 und U-17-Teams wildern?

Früher wäre das alles kein Problem gewesen. Da gab es noch Menschen beim DFB, die sich für solche Fälle zu wappnen wussten; die die nötige Weitsicht besaßen und nicht nur an die Gegenwart, sondern auch schon heute ans Morgen dachten; die für den Fall der Fälle ein zweites Nationalteam aufgebaut hatten – das Team 2006.

Am 7. Oktober 2001 ließ der DFB verlauten, eine Schattennationalelf aufzubauen, die für die WM im eigenen Land Spieler perspektivisch an die nominelle A-Nationalmannschaft heranführen sollte. Immerhin hatte man eine blamable Europameisterschaft 2000 hinter sich, die Vielen noch heute als Tiefpunkt in der Geschichte des deutschen Fußballs gilt. Als Trainer wurde Karojackettliebhaber Uli Stielike verpflichtet – bis heute fragt man sich, warum dem Perspektivteam ein Verantwortlicher zur Seite gestellt wurde, der selbst keine Perspektive besaß. Schließlich hatte er in seiner zweijährigen Amtszeit als Co-Trainer unter Ribbeck den sportlichen Verfall des Nationalteams mitverantwortet. Vielleicht galt aber auch Stielikes Zerwürfnis mit Ribbeck und seine Entlassung nur wenige Wochen vor dem EM-Debakel in DFB-Kreisen als genau jene Portion Punk und Rebellion, die den Funktionären geboten schien, um Fußballdeutschland endlich wachzurütteln. Oder man war sich in der Chefetage schon damals bewusst, dass kaum etwas schief gehen konnte.

Denn von Machtfülle war der Trainer des A-2-Teams so weit entfernt wie Stielikes Jacketts vom modischen Zeitgeist. Noch immer frage ich mich, wie sein Aufgabenbereich wohl definiert gewesen sein mag. Als gesichert darf gelten, dass er munter durch Deutschlands Stadien tingelte, um hoffnungsvolle Spieler zu sichten. Diese durften allerdings weder zu jung sein, sonst musste gleich der U-21-Trainer benachrichtigt werden, noch zu hoffnungsvoll, sonst fiel ihre Berufung in den Kompetenzbereich des Bundestrainers. Stielike und sein Nachfolger Erich Rutemöller suchten also überdurchschnittliche Durchschnittsspieler mit deutschem Pass über 21 Jahre. Demnach dürfte es kaum verwundern, wenn sie häufiger in Bielefeld, Mönchengladbach, Hannover oder Frankfurt anzutreffen waren als in München, Bremen oder Gelsenkirchen.

Doch wo ein Trainer, da ist auch eine Mannschaft und wo eine Mannschaft, da sind auch Spiele, die es zu bestreiten gilt. Und so feierte das Team im Juni 2002 gegen die Türkei ihr Debüt. Man verlor zwar mit 1:2, doch in der Startelf fanden sich illustre Namen wie Timo Hildebrand, Arne Friedrich, Clemens Fritz und Tim Borowski. Bei ihnen ging das Konzept voll auf und man traf sie 2006 auf der Bühne der Berliner Fanmeile wieder, um den gelungenen Abschluss der WM im eigenen Land zu feiern. Womöglich waren auch ihre Mannschaftskameraden aus der A-2-Nationalelf vor Ort – allerdings im Zuschauerbereich zwischen 500.000 anderen Fans. Denn die Namen Wenzel, Meichelbeck, Kling, Korzynietz, Kreuz, Dabrowski, Voss, Daun und Bierofka sind heute nur noch Menschen bekannt, die bei einer Sonderausgabe „Fußball“ der Sendung „Wer wird Millionär?“ das Potenzial hätten, laut „ICH!“ zu rufen.

Diese ambivalente Erfolgsquote sollte sich wie ein roter Faden durch die kurze Geschichte des „Team 2006“ ziehen. Überrascht wird man feststellen, dass mit Mario Gomez und Stefan Kießling zwei Spieler in der A-2-Nationalmannschaft aufliefen, die bald in Südafrika um die WM-Krone kämpfen. Nicht weniger überrascht es aber auch, dass Alexander Voigt, Markus Daun oder Sven Müller früher einmal den Status innehatten, schlummernde Stars kurz vor dem Aufwachen zu sein.

Das „Team 2006“ bestand fast vier Jahre. Die Frequenz der Spielbegegnungen nahm sich äußerst bescheiden aus. Die Summe von nur zehn Spielen zeugt nicht von akuter Burn-Out-Syndromgefahr. Was mich wieder zu der Frage zurückführt, was der Trainer der Mannschaft bloß den lieben langen Tag getrieben haben mag. Denn Taktik, Training und Motivationslehre dürften nur marginal in den Aufgabenbereich des A-2-Betreuers gefallen sein. Kaum vorstellbar, dass der Coach nach eigenem Gusto schalten und walten konnte. „Der Borowski, das ist ein langer Schlaks, den schule ich zum Mittelstürmer um.“ „Die Viererkette ist überschätzt, Clemens, komm mal her, Du spielst bei mir Libero!“ In solchen Fälle hätte sich Rudi Völler wohl mehr als lautstark zu Wort gemeldet.
So liest sich denn auch die rein sportliche Bilanz nur auf den ersten Blick positiv. Vier Siege und vier Unentschieden stehen zwei Niederlagen gegenüber. Zwar trat man gegen namhafte Gegner wie die Türkei, Polen oder Russland an, doch hatte man es in der Regel mit dem Ersatz der ersten Elf, manchmal gar mit dem Ersatz des Ersatzes zu tun.

Im November 2005 war’s dann vorbei. Österreich ließ sich zum feierlichen Abschluss noch mal den Hintern versohlen und verlor 2:5. Die deutschen Fußballfans weinten dem Team keine Träne nach, die meisten hatten von seiner Existenz gar nicht mitbekommen. Manchen Spielern wird der Abschied hingegen schwer gefallen sein. Für Emmanuel Krontiris war das 2:5 gegen den Nachbarn mit großer Wahrscheinlichkeit die letzte Gelegenheit, mit Mario Gomez ein Sturmduo zu bilden. Denn während Gomez‘ Stern erst danach hell am Fußballhimmel erstrahlte und ihn zum 35-Millionen-Rekordmann der Bayern und im A1-Nationalteam machte, verdingt sich Krontiris bis heute bei der TuS Koblenz, die inzwischen in der Dritten Liga gelandet ist.

Bei näherer Betrachtung wird man demnach erleichtert feststellen, dass heute keine Schattennationalelf mehr existiert, aus der Joachim Löw sich bedienen könnte. Das Beste wird ohnehin sein, die Spieler nicht mehr aufs Fahrrad zu lassen. Oder auf den Trainingsplatz. Oder aufs Spielfeld…

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

2 Portionen Senf

heinzkamke  on May 28th, 2010

Zwar kann ich Eure Leserschaft nicht seriös einschätzen, aber mal ehrlich:

Gibt es unter Fußballbloglesern Leute, die dieses Kriterium nicht erfüllen:

“[...], die bei einer Sonderausgabe „Fußball“ der Sendung „Wer wird Millionär?“ das Potenzial hätten, laut „ICH!“ zu rufen.”

;-)

Hennes  on May 28th, 2010

Ich hoffe nicht ;-)

Gleichzeitig muss man natürlich der breiten Leserschaft gegenüber aufgeschlossen bleiben :-)

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