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Ja wenn ein Tor fällt,…

© nild

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Peter Behrens war Anfang der achtziger Jahre so etwas wie ein Star. Sein ungewöhnliches Aussehen, seine extravagante Garderobe und sein unkonventionelles Schlagzeugspiel im Stehen machten ihn zu einer Kultfigur in der deutschen Musikszene. Mit Trio landete er den Welthit “Da-da-da”, in einer Zeit, da in der Fußballbundesliga die Schnäuzer noch munter sprießten, die Trikothosen noch gefährlich kurz waren und der Fußball die Defensive als siegbringende Taktikwaffe entdeckte.

So kam es, dass über viele Jahre hinweg der Spruch „Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Meisterschaften“ als Fußballweisheit schlechthin galt. Trainer vermittelten ihren Teams die Notwendigkeit, dass „hinten die Null steht“ und meinten damit in den seltensten Fällen den eigenen Torwart. Wenn von Offensive die Rede war, dann sollte sie höchstens kontrolliert ablaufen. Schließlich galt eine schlagkräftige Defensive als unerlässlich für das individuelle Fortkommen einer Mannschaft in einem Wettbewerb.

…ja wenn ein Tor fällt,…

Das hat sich freilich nicht grundlegend geändert. Noch immer kommen Mannschaften, wie beispielsweise der VfL Wolfsburg in der vergangenen Saison, schnell unter die Räder, wenn die eigene Abwehr ihren Namen nicht verdient und die gegnerischen Stürmer zum Toreschießen einlädt. Und doch hat sich in den letzten Jahren ein schleichender Wandel, weg vom Imperativ der Defensive hin zu einer gewachsenen Bedeutung der Offensive vollzogen.

Als Mutter aller offensiv ausgerichteten Mannschaften gilt seit jeher der FC Barcelona. Der Wesenskern des katalanischen Fußballs ist nämlich nicht die bedingungslose Ausrichtung auf Erfolg, sondern vielmehr die Art der Spielweise. Nur, wenn das Team ein attraktives, offensives, mit Toren garniertes Spektakel zeigt, dann ist das Publikum zufrieden.

Die Trainer des FC Barcelona hatten demnach schon eher als ihre Kollegen bei anderen Vereinen mit der Bürde zu leben, nicht nur erfolgreichen, sondern auch schönen Fußball spielen zu lassen. Doch diese Klammer ließ sich lange Zeit kaum schließen. Erst in der Saison 2005/2006 triumphierte der FC Barcelona mit Fußball im „Hurra-Stil“ in der Champions League. Damit war der letzte Beweis erbracht, sich mit einem auf Offensive ausgerichteten Spielstil auch auf höchster Ebene durchsetzen zu können.

…bau’n wir es wir es wieder auf,…

Spätestens ab diesem Zeitpunkt hatten die Verantwortlichen in Europas führenden Fußballvereinen Blut geleckt und forderten immer häufiger – im Einklang mit den Fans und den regionalen Medien – von Mannschaft und Trainer eine Verschmelzung von erfolgreicher und attraktiver Spielweise. Die Offensive setzte zum Siegeszug in den Taktikbüchern der Cheftrainer und Spielleiter an.

Rasch forderte der allgemeine Sinneswandel die ersten Opfer. Mirko Slomka, von 2006 bis 2008 Cheftrainer auf Schalke, wurde am 13. April 2008 entlassen, obwohl der FC Schalke auf Rang 3 der Bundesligatabelle lag und zuvor erstmals in der Vereinsgeschichte im Viertelfinale der Champions League gestanden hatte. Freilich war es der Mannschaft nur teilweise gelungen, die ehrgeizigen Ziele des Vereins zu erfüllen – doch noch mehr als die nackten Zahlen brachte die unattraktive Spielweise des Teams die Kritiker gegen Trainer Slomka auf.

Auch Felix Magath weiß ein Lied vom neuen Anspruchsdenken zu singen. In München jagte man ihn nach zwei Double-Siegen in Folge vom Hof. Die Mannschaft hatte schon mit ihrem frühen Ausscheiden in der Champions League das bayrische Anspruchsdenken nicht befriedigen können. Doch weit schwerer als die europäische Malaise wiegte der Vorwurf an den Trainer, er habe seinem Team einen unästhetischen, zweckorientierten und nur am Ergebnis ausgerichteten Fußball im Biedermeierstil verordnet.

Ausgerechnet jener Magath zeigte bei seinem nachfolgenden Engagement, dass er die Zeichen der Zeit, wie kaum ein anderer, verstanden hatte. Mit dem VfL Wolfsburg erstürmte er nicht nur die gegnerischen Strafräume, sondern auch unverhofft die nationale Spitze. Sein mit einem Ausnahmestürmer wie Edin Dzeko gesegnetes Team entfesselte bei seinen Auftritten eine unbändige Offensivkraft, der sich nur Wenige zu erwehren wussten.

…erst den linken Pfosten,…

Die abgelaufene Saison führte uns am anderen Ende der Tabelle vor Augen, wie wichtig die Durchschlagskraft im gegnerischen Strafraum für den Erfolg eines Teams ist. Hertha BSC schaffte es trotz meist ansehnlicher Spielweise und zahlreichen Torchancen viel zu selten, den Ball hinter die Torlinie zu befördern. Ein Goalgetter fehlte an allen Ecken und Enden. Denn die  häufig löchrige Abwehr erwies sich in der Endabrechnung als durchaus konkurrenzfähig: Mit 56 Gegentoren kassierte man weniger Treffer als Wolfsburg (Rang 8), Gladbach (12), Freiburg (15), Hannover (16) und Nürnberg (17).

Doch leider hatten die Berliner keinen Torjäger im Stile eines Marko Pantelics, eines Stefan Kießlings, eines Kevin Kuranyis oder eines Arjien Robbens in ihren Reihen. Zwar garantiert ein Knipser noch keinen Erfolg (siehe VfL Wolfsburg & Edin Dzeko), aber ohne Knipser hat ein Team garantiert keinen Erfolg.
Das lehrt uns ein Blick in die Statistik der abgelaufenen Saison: Die ersten acht Stürmer der Torjägerliste spielen – bis auf Torschützenkönig Dzeko – bei jenen sechs Vereinen, die in der Tabelle die Plätze eins bis sechs belegen.

In England finden wir Chelseas (Meister) Drogba und Manchesters (Rang 2) Rooney an der Spitze der Torjägerliste, in Italien liegt Diego Milito von Meister Inter Mailand auf Rang 2. In Spanien grüßen Messi von Meister Barcelona sowie Higuain und Cristiano Ronaldo von Vizemeister Madrid vom Gipfel des Torjägermassivs. Ein Goalgetter als Speerspitze der spielentscheidenden Offensive scheint demnach für eine Mannschaft unabdingbar, um erfolgreich zu sein.

…dann den rechten Pfosten…

Gibt es einen Erklärungsansatz für die beschriebenen Phänomene? Womöglich findet man ihn in der gewachsenen taktischen Qualität, die nahezu alle Mannschaften in Europas stärksten Ligen aufweisen. Strategische Mittel wie intelligente Raumaufteilung, Verschieben gegen den Ball, Zustellen der Passwege, Abdecken von Raum und Mann sind längst auch in den Taktikbesprechungen von grauen Mittelfeldmannschaften und Abstiegskandidaten angekommen. Inzwischen setzt das Gros der Teams auf eine diszipliniert eingehaltene kompakte Ordnung im Spiel, auch – oder gerade – wenn ein Spitzenverein als Konkurrent aufläuft. Hinzu kommt die ausgeprägte Athletik der Spieler, die inzwischen vereinsübergreifend zum Standard gehört und höchstens in Nuancen von Team zu Team, von Spieler zu Spieler variiert.

© StandardDani

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Demnach wird eine Begegnung von 22 athletisch austrainierten und taktisch hervorragend geschulten Fußballern mehr und mehr durch die Fähigkeit eines Teams entschieden, die gegnerische Abwehr mit einstudierten Offensivlaufwegen, Pässen in den freien Raum, Doppelpässen, Direktpassspiel, Flanken und präzisen Fernschüssen zu überwinden; oder aber durch individuelle Einzelleistungen der Extraklasse, mit der Spieler wie Messi oder Ronaldo, Marin oder Robben zu glänzen wissen.
Fällt dann der Führungstreffer, ändert sich die Gesamtordnung im Spiel. Die bislang auf Defensive ausgerichtete und nun im Rückstand liegende Mannschaft muss sich aus der Deckung und nach vorne wagen, und eröffnet dem Gegner dadurch wichtige Räume, die dieser für schnelle Gegenstöße und Konter nutzen kann – das Spektakel kommt ins Rollen.

…und die Latte obendrauf!

Dem Zuschauer kann diese Entwicklung nur recht sein. Der FC Bayern München unter Felix Magath hätte einen 1:0-Vorsprung im Pokalfinale gegen Werder Bremen womöglich bloß strategisch verwaltet und über die Zeit geschaukelt; inzwischen berauscht sich die Mannschaft an der eigenen Spielweise und lässt selbst nach dem 4:0 kaum nach, immer auf der Jagd nach weiteren Toren. Am kommenden Samstag hat sie dennoch eine harte Prüfung zu bestehen. Denn Inter Mailand, Gegner im Champions League-Finale, gilt Vielen als unerschütterlicher Brecher in der neuen Offensivwelle.

Die Mannschaft hat ihre größten Stärken in der Defensive und lebt von einer ungeheuer kompakten Ordnung, die darauf bedacht ist, das Spiel des Gegners zu zerstören. Die Offensivkraft, die in vorderster Linie durch Sturmspitze Diego Milito verkörpert wird, beschränkt sich meist auf schnelle Konter und hohe Effizienz vor dem Tor. Doch das Halbfinalhinspiel gegen den FC Barcelona, das Inter mit 3:1 gewann, zeigte eindrucksvoll, wie taktisch reif das Team von Startrainer Jose Mourinho inzwischen spielen kann.

Das Finale wird demnach auch ein Aufeinandertreffen zweier Spielphilosophien und zweier Spielsysteme sein. Hier der Offensivfußball holländischer Prägung mit Flügelzange, kontrolliertem Ballbesitz und schnellem Kurzpassspiel, dort der Defensivfußball italienischer Prägung mit kompaktem Abwehrbollwerk, Zweikampfstärke und schnellen Kontern in die Spitze. Den Zuschauer erwartet ein Spiel auf taktisch höchstem Niveau. Ob man sich auf ein Spektakel mit vielen Toren freuen darf, wird vor allem vom Spielverlauf abhängen. Aller Voraussicht nach täte ein frühes Tor dem Spiel gut – aus deutscher Sicht bleibt nur zu hoffen, dass es auf der richtigen Seite fällt.

 

Vielleicht wird am Samstag auch Peter Behrens in seiner Heimatstadt Wilhelmshaven vor dem Fernseher sitzen und auf ein Tor warten. Nach seinen Erfolgen mit Trio stürzte er übrigens ziemlich ab – dem kurzen Rockstarexzess mit Drogen, Alkohol und Frauen folgten lange Jahre der Abhängigkeit und Armut zwischen Kneipe und Sozialamt. Seinem fehlgeschlagenem Comeback-Versuch 1988 entsprang das offizielle Lied zur Europameisterschaft in Deutschland. Jeder Fußballfan kennt es, doch eine Hymne wurde es nie. Vielleicht hört man es ja trotzdem am Samstagabend in Madrid oder beim Public Viewing in der Allianz Arena oder in einer der zahllosen Fußballkneipen – oder in Wilhelmshaven, spät in der Nacht, wenn längst alle schlafen.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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