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Alex, der Bußfertige

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre gelb, hätte vier Finger und lebte ins Springfield. Nicht, weil die Simpsons und ihre Artgenossen tagtäglich auf Pro7 haarsträubende Abenteuer erleben, sondern weil ihr Fernsehprogramm noch weit absurder ist als unseres – abgesehen von „Die Simpsons“ natürlich.

Einer meiner virtuellen Lieblingsfilme im Simpsonskosmos trägt den wunderbaren Titel „Edward der Bußfertige“. Leider wird in der Folge „Die rebellischen Weiber“ (org. „Marge on the lam“) nur ein kurzer Ausschnitt aus dieser „award-winning show“ gezeigt, aber der besticht durch seine virtuose Absurdität. Man sieht Edward den Bußfertigen kniend vor dem Thron des Papstes, er küsst den Ring des Kirchenoberhaupts und spricht die Worte: „Es tut mir wirklich, von Herzen, aufrichtig leid.“
Der Film verdient seinen Namen.

Seit ich die Szene das erste Mal sah, wird sie immer und immer wieder in meinem Kopf abgespult, sobald sich jemand entschuldigt. Gegen diesen Automatismus bin ich völlig machtlos, das musste ich inzwischen einsehen.
Zuletzt hatte ich das Vergnügen, einer Privatvorführung von „Edward dem Bußfertigen“ in meinem Kopf beizuwohnen, als ich das Interview mit Aliaksandr Hleb in der aktuellen Sport-Bild las. Ich bin zwar kein Freund dieser Zeitschrift, und mir tut es nach der Lektüre auch immer wieder wirklich, von Herzen, aufrichtig leid, dass ich dafür 1,50 € ausgegeben habe, aber diesmal wusste sie mit diesem überaus spannenden Gespräch zu bestechen.

Darin lesen wir zum einen, wie der weißrussische Mittelfeldspieler über Barcelonas Trainer Pep Guardiola herzieht:

„Herr Guardiola beißt sich an Dingen fest und ändert seine Meinung nicht mehr. Dabei sollte er den Worten von Ibrahimovic glauben.

Was hat der gesagt?

(lacht) Dass selbst seine Oma diese Mannschaft trainieren könne. Da kann man fast keinen Fehler machen.“

Kein Wunder also, dass er den Wechsel 2008 nach Barcelona bereut.
Weit mehr überrascht indes Hlebs Eingeständnis, bei seinem Intermezzo für den VfB Stuttgart versagt zu haben:

“Beim VfB hatte ich zu Beginn keine Fitness. Ich kam direkt aus dem Urlaub dorthin, hatte noch keine Form und war verletzungsanfällig. Ich hatte nicht die körperlichen Voraussetzungen für Top-Leistungen. Ich habe aus heutiger Sicht viele kleine Fehler gemacht. Ich möchte mich bei den VfB-Fans aufrichtig entschuldigen.

Ich habe nicht damit gerechnet, was sportlich auf mich zukommt. Welche Spielweise, welches System. Dazu noch meine anfänglich fehlende Fitness: Ich konnte kaum kämpfen, arbeiten.”

Und schon kniet er wieder, der bußfertige Edward. Selten ist mir ein derart offenes Geständnis eines Fußballprofis untergekommen. Einerseits erfrischend ehrlich, andererseits aber auch entwaffnend naiv. Hleb räumt ja unumwunden ein, sich vor seinem Ausleihgeschäft zum VfB noch nicht einmal mit Spielweise und –system seiner neuen Mannschaft vertraut gemacht zu haben. Zudem lässt er klar durchblicken, dass er es nicht für nötig hielt, sich im Urlaub wenigstens einigermaßen fit zu halten, um für einen Wechsel gewappnet zu sein. Ein mehr als fragwürdiges Arbeitsethos für einen Fußballprofi.

Daher scheint ihn heute auch das schlechte Gewissen zu plagen. Denn den bußfertigen Alex lässt er ein zweites Mal auftreten:

“Die Fans haben ein gutes Gespür für die Situationen. Natürlich hatte es mir persönlich ab und zu wehgetan, wie ich behandelt wurde. Aber dennoch: Ich habe Fehler gemacht und entschuldige mich.”

Gegen Ende des Gesprächs setzt er dem Ganzen noch die Krone auf:

“Meine ganze Verfassung war instabil. Mein Selbstbewusstsein war durch die ständige Kritik arg angekratzt. Da kam es schon vor, dass ich mich manchmal schwer motivieren konnte, obwohl ich immer versucht habe, 100% zu geben, und eine wesentlich stärkere Rückrunde gespielt habe.”

Selbstverschuldete Fitnessprobleme, mangelhafte Vorbereitung auf den neuen Club und dann auch noch Motivationsprobleme – jetzt fragt sich wohl kein VfB-Fan mehr, warum der alte Held Aliaksandr Hleb nach seinem Wechsel nicht einschlug wie eine Bombe.
Wie sich wohl die Fans und Verantwortlichen von Birmingham City, Hlebs neuem Arbeitgeber, fühlen, wenn sie diese Aussagen lesen? Da haben wir uns ja einen wahren Musterprofi geschnappt.

Edward der Bußfertige muss in dem kurzen Ausschnitt des gleichnamigen Films übrigens die bittere Erfahrung machen, dass eine Entschuldigung nicht immer ausreicht. Der Papst lässt ihn mit den Worten “Ich fürchte, ‚es tut mir leid’ zieht bei diesem Papst nicht“ trocken abblitzen. Aliaksandr Hleb sollte sich nicht darüber wundern, wenn es ihm mit den Stuttgarter Fans ähnlich ergeht.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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