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Lauf, Poldi, lauf!

Fernsehwerbung ist unrealistisch. Nein, ich gehe sogar noch weiter: Fernsehwerbung lügt!
Das mag jetzt den einen oder anderen schockieren, möglicherweise stürzen sogar in dieser Sekunde ganze Weltbilder in sich zusammen, aber irgendwer muss ja mal mit der Wahrheit rausrücken.

Was mich da so sicher macht? Ich habe eine Adidas-Werbung von 2006 wiederentdeckt, mehrmals mit Vergnügen angeschaut, und plötzlich wurde mir schlagartig klar: Man hat mich auf den Arm genommen. Verschaukelt. Betrogen.

Im Werbespot wird der kleine José von seinem bräsigen Kumpan zum Duell auf dem Bolzplatz aufgefordert. Ein Fußballspiel zu zweit ist aber langweilig, das wissen auch José und Kumpel, und daher holen sie sich jeweils hochkarätige Verstärkung ins eigene Team: Zidane, Kaka, Robben, Ballack, Riquelme, Kahn, Lampard, Defoe, ja sogar der Kaiser wird aufgerufen und kommt, als wäre er zarte 20 Jahre alt, grazil um die Ecke galoppiert.


Um dem Ende der Geschichte vorzugreifen: Josés Mannschaft entgeht nur knapp einer Niederlage, aber auch bloß, weil Olli Kahn nach einem Wembley-Tor ohne Latte lang genug auf Deutsch lamentiert, bis Josés Mutter auf dem Balkon erscheint und zum Abendessen ruft (Letzteres vermute ich mal, reichen doch meine Spanischkenntnisse noch nicht mal von hier bis zur nächsten Straßenecke!). Zum eigenen Torerfolg reicht es für Josés Team indes nicht.

Auf den ersten Blick ist den Machern des Werbespots also kein Mangel an Realismus zu unterstellen: Nun gut, vielleicht kann man sich darüber wundern, dass die Fußballstars in solch einer staubigen und heruntergekommenen Gegend wohnen. Aber man hat ja schon von ganz anderen Marotten gehört…

Ist auch komisch, dass alle Spitzenfußballer dieser Welt ausgerechnet in derselben Nachbarschaft herumlaufen, noch dazu in ihren jeweiligen Landestrikots, aber Zufälle gibt es immer wieder. Kritische Geister mögen sich derweil am jugendlichen Auftreten von Beckenbauer und Platini stören – aber wer weiß denn schon, welche Gesichtscreme die beiden tagtäglich benutzen?!

Nein, all das hat bei mir keine Zweifel am dokumentarischen Realismus des Werbespots erzeugt – vielmehr brachte mich Sekunde 29 des Filmchens ins Grübeln. Denn dort erscheint für den Bruchteil einer Sekunde ein gutgelaunter Lukas Podolski, der neben Kuranyi, Kahn, Beckenbauer und Ballack zum Team des deutschlandaffinen José gehört.

WAS IST DA DENN LOS? HALT, FREUNDE, SO JA NICHT!!! Das geht dann doch zu weit!!! Ihr wollt mir ernsthaft erzählen, dass Lukas Podolski in Josés Team mitspielt und die Mannschaft trotzdem kein einziges Tor erzielt??? Okay, wir haben alle gelacht, aber jetzt macht Ihr Euch ernsthaft lächerlich!

Das kann nicht sein! Nicht, weil Lukas Podolski als primus inter pares der weltbeste Kicker ist. Das würde ich selbst in kölscher Verblendung niemals behaupten. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass kaum jemand aus dem illustren Kreis der oben genannten Spitzenspieler Lukas Podolski das Wasser reichen kann, wenn es um einen Freizeitkick auf dem Bolzplatz geht. Denn in diesem abgeschlossenen fußballerischen Raum, in dem weder Taktik noch Laufwege zählen, in dem wahlweise der Dicke oder der Unbeliebte das Tor hüten muss (deswegen steht ja auch Olli Kahn im Kasten) und in dem einzig die Klasse am Ball, der Instinkt für Spielsituationen und das Klein-Klein auf dem Platz entscheiden, zählt Lukas Podolski zur absoluten Weltspitze. Denn während die Schweinsteigers und Lahms noch über die Verteilung der Viererkette und die Arbeitsteilung der Doppelsechs schwadronieren, erzielt Poldi schon sein dreißigstes Tor.

Der Kölner spielt auch im Stadion vor 60.000 Zuschauern am liebsten wie einst auf dem Bolzplatz – wenn man ihn denn ließe. Er ist immer auf den Ball fixiert, seine Laufwege sind nur auf den Ball und den ballführenden Spieler ausgerichtet.
Auch Poldi läuft sich frei und verrichtet, anders als ihm Viele vorwerfen, wertvolle Deckungsarbeit. Aber nur dann, wenn der Ball in der Nähe ist. Befindet sich das Spielgerät auf dem gegenüberliegenden Flügel, dann lässt er seinen Gegenspieler gerne aus den Augen.

Umgekehrt gilt dies auch für den Angriff: Bis heute hat er nicht begriffen, dass ein Thomas Müller auf dem rechten Flügel davon profitiert, wenn er selbst auf links zum Sprint ansetzt und die Verteidigung auf sich zieht. Dass er Löcher in den Abwehrverbund rennen kann und muss, um Spielsituationen zu schaffen, in denen ein Teamkollege in freigewordenen Räume stoßen kann, um dann, möglicherweise, den Ball wieder an Podolski abzugeben.

Das gestrige Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan diente Podolski als Bühne für eine Galavorstellung. Zuvor war er, von Löw initiiert und von der Presse dankbar aufgegriffen, aufgrund seiner schwachen Leistung gegen Belgien enorm unter Druck geraten. Gestern dann die Antwort: Er war bester Mann auf dem Platz, schoss ein Tor, bereitete den Treffer von Klose vor, er war lauffreudig, präsent, immer schussbereit.

Aber anders als Mehmet Scholl in seiner Analyse glaube ich nicht, dass der Druck im Vorfeld nötig war, um den Stürmer zu mobilisieren. Podolski glänzt gerne, wie auch gestern, gegen so genannte „kleine Gegner“.

Denn Teams von der Klasse Aserbaidschans spielen, anders als taktisch ausgereifte Gegner wie Spanien, extrem ballfokussiert. Die Verteidigung verschiebt häufig nur gegen den Ball, ein einfaches Freilaufen wie auf dem Bolzplatz genügt, um sich Freiräume zu verschaffen. Das Übernehmen des davongelaufenen Gegenspielers von einem zweiten Verteidiger gibt es selten und wird wenn, dann nur mangelhaft praktiziert. Doppelpässe sind ein probates Mittel, um solche Defensivverbünde auszuschalten – gestern unter anderem von Özil und Podolski erfolgreich praktiziert.

In solchen Spielen kann ein Instinktfußballer wie Podolski glänzen. Taktik zählt hier nur wenig, vielmehr gelten Technik, Schusskraft, Esprit, Schnelligkeit und Spielwitz. Doch kaum trifft man auf taktisch geschulte Gegner, kaum entwickelt sich ein Duell zweier Spielsysteme, die von einstudierten Laufwegen, Offensiv- wie Defensivmanövern, Auslösehandlungen bis hin zu erprobten Spielzügen geprägt sind, dann fällt Poldi in seiner Leistung merklich ab. Dann hilft ihm sein Instinkt wenig weiter.

Das ist schade – denn mit seiner individuellen fußballerischen Klasse wäre er befähigt, in den Kreis der Ausnahmespieler vorzustoßen. Doch mit seinen taktischen Mängeln bleibt ihm nur eine Nebenrolle vorbehalten, ob in der Bundesliga beim Abstiegskandidaten 1. FC Köln, in der Nationalmannschaft als wankelmütiges Genie oder im Werbespot als Nebendarsteller in Sekunde 29.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

5 Portionen Senf

heinzkamke  on September 8th, 2010

Sehr schöne Idee. Und es steht zu befürchten, dass die Analyse auch nicht allzu weit hergeholt ist…

Die Mutter sagt übrigens nur, José solle nach Hause kommen.

Hennes  on September 8th, 2010

Danke!

Auch für die Nachhilfestunden in Spanisch.

Nachhilfe hätte in diesem Fall auch meine Rechtschreibung gut gebrauchen können – ich entschuldige mich hiermit für das erbärmliche Niveau. Da fehlten ja ganze Wörter, Sätze waren nicht fertig geschrieben…

Man bloggt nicht, wenn man schon “auf dem Sprung” ist. Geht nie gut! Sollte man unbedingt vermeiden.

Hoffentlich liest es sich jetzt besser !

heinzkamke  on September 9th, 2010

Irgendwo in der Mitte dachte ich auch ganz kurz, die fehlenden Wörter seien ein Stilmittel ;-)

Ernsthaft: es ist furchtbar, wenn man irgendwas unbedingt noch abschließen und veröffentlichen will, bevor man weg muss, seh ich ganz genau so. Am nächsten Tag sitzt man über dem Text und korrigiert ganz verschämtt die ganzen Fehler, die hoffentlich noch niemand in einem Kommentar zitiert hat…

Humbug  on September 9th, 2010

Sehr schön geschrieben, das weiss zu gefallen und die erste handfeste Kritik, die ich über Podolski bisher gelesen habe.

Hennes  on September 10th, 2010

@ humbug: Vielen Dank, ich bin erfreut! Ich bin mir nicht sicher, ob bei der Klassifizierung “erste handfeste Kritik” die Betonung auf “erste” oder “handfeste” liegt (oder vielleicht sogar auf “Kritik”). Aber mit Kritik hat Poldi sicher schon genug zu kämpfen, da bin ich nicht der Erste.

Aber meist fokussieren sich die kritischen Stimmen (i.d.R. zu unrecht, wie ich finde) auf seine mangelhafte Einstellung und sein mieses Defensivverhalten. Da bin ich anderer Meinung, siehe WM 2010!

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