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Deutschland – Türkei: Ein Abend als Zwölfjähriger

© Alice Liz Imi

© Alice Liz Imi

Als ich vor dem EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Türkei mit dem zwölfjährigen Sohn meines Kollegen über Fußball sprach, verblüffte mich dieser mit einer abgeklärten Gelassenheit, die mir vor dem Gipfeltreffen in der Qualifikationsgruppe A völlig fehl am Platz schien. Auf die Frage, ob er sich auf die Begegnung freue, erwiderte er, er wisse noch nicht, ob er sich das Spiel überhaupt ansehen werde. Die Deutschen gewännen ja sowieso.

Das saß. Für diesen kleinen Knirps gab es scheinbar nicht den leisesten Zweifel an der Überlegenheit der deutschen Nationalelf. Dabei war die Türkei als Gegner nicht zu unterschätzen. Ein starkes Team mit flinken Stürmern, einem zweikampfstarken Mittelfeld, das mit Nuri Sahin den bislang dominanten Spieler der Bundesliga in seinen Reihen hat und einem bisweilen rustikal zu Werke gehenden Abwehrverbund. Hinzu kam mit Guus Hiddink ein weltweit anerkannter Fachmann auf der Trainerbank, der selbst verschnarchten Fußballnationen wie Südkorea und Australien das Siegen antrainieren kann.

Doch keiner dieser Faktoren schien die Überzeugung meines jungen Gesprächspartners erschüttern zu können. Als ich später mit vor Nervosität nassen Handflächen vor dem Bildschirm saß und den Nationalhymnen lauschte, wurde mir mit einem Mal klar, dass mein zwölfjähriges Ich vor vielen Jahren auch nicht anders gedacht hatte.

Meine fußballerische Sozialisation auf Nationalmannschaftsebene vollzog sich im Verbund mit weit mehr Erfolgen als Niederlagen. Vizeweltmeister 1986, EM-Halbfinale 1988, Weltmeister 1990. Dass die Deutschen nicht unschlagbar waren, hatte ich damals zwar schon begriffen, aber wenn sie verloren, dann nur gegen die beste Mannschaft eines Turniers – gegen den Weltmeister 1986 oder gegen den Europameister 1988. Alle anderen Teams wurden zwar ernst genommen und hatten an guten Tagen auch ihre Siegchancen gegen die DFB-Elf, aber in der Regel gewannen dann doch immer die Deutschen. Qualifikationsspiele waren in meinen Kinderaugen nichts weiter als lästige Pflichtaufgaben, die nicht immer souverän und überlegen, aber stets siegreich bewältigt wurden.

Diese Selbstgewissheit erhielt bei der WM 1994 ihren ersten Rückschlag. Ab 1998 durchschritt ich dann mit der Nationalmannschaft ein langjähriges Tief, das meine kindlichen Überzeugungen zerstörte und mich stark traumatisiert zurückließ – noch heute verfolgen mich Ribbecks Frisur und Stielikes Jacketts in unruhigen Nächten. Dabei gibt es seit 2006 eigentlich keinen Grund mehr für Fußball-Albträume.

Die deutsche Nationalelf hat sich durch guten Fußball und erfolgreiche Ergebnisse nach und nach die selbstüberzeugte Siegesmentalität zurückerobert. Mein junger Freund hat die WM 2006 im eigenen Land als erstes bewusst und intensiv erlebtes Fußball-Ereignis wahrgenommen. Die DFB-Elf begeisterte mit furiosem Offensivfußball und scheiterte nur knapp im Halbfinale am späteren Weltmeister Italien. Bei der EM 2008 trat der fußballerische Glanz zugunsten eines eher traditionellen Ergebnisfußballs in den Hintergrund, der uns jedoch schnurgerade ins Finale führte. 2010 folgte schließlich die WM in Südafrika, bei der die Deutschen den besten Fußball des Turniers spielten und leider wieder im Halbfinale am späteren Sieger scheiterten. Alles wie gehabt, alles wie früher.

Das insgesamt souveräne 3:0 gegen die Türkei, den stärksten Gegner in der Qualifikationsgruppe A, lieferte gestern einen weiteren Grund, zur Selbstüberzeugung früherer Tage zurückzukehren.

Auch wenn der Gegner zweimal gefährlich vor dem Tor auftauchte, erwies er sich als harmlos und wenig herausfordernd. Die deutsche Mannschaft zeigte sich dominant, das Spielgeschehen kontrollierend, stets zu feinen und überraschenden Kombinationen fähig.

Neuer war ein konstant sicherer Rückhalt. Die Innenverteidigung wirkte zwar hüftsteif, stand aber alles in allem sicher und ermöglichte dem Gegner kaum Torchancen. Während rechts die Achse Lahm/Müller gut funktionierte, haperte es links allerdings ganz gewaltig. Westermann wirkte unsicher, neigte zu technischen Fehlern und fand wenig Bindung zum Aufbauspiel.

Podolski fand anfangs gar nicht ins Spiel und versteckte sich im türkischen Deckungsverbund. Später steigerte er sich mit zunehmender Spieldauer, da die Türken den Deutschen mehr Raum ließen. Dennoch hätte ich mir zur Halbzeit einen Tausch mit Marko Marin gewünscht, der mit seinen Dribblings die türkische Verteidigung sicherlich mehr beschäftigt hätte. Khedira machte auf der Schweinsteiger-Position der defensiven 6 eine starke Partie.

Im Gegensatz zu Toni Kroos, der die erste halbe Stunde der Spielzeit viel zu weit vorne und damit bindungslos zwischen Abwehr und Angriff herumtrabte. Darauf ist auch das schwerfällige Aufbauspiel der Deutschen in der ersten Hälfte zurückzuführen. Auch hier hätte ich mir gewünscht, dass er in der Halbzeit gegen Christian Träsch ausgetauscht worden wäre, der dann den defensiven Part von Khedira hätte übernehmen können. Özil reift inzwischen zu einem überzeugenden Regisseur im deutschen Mittelfeld, in der zweiten Hälfte regelmäßig stärker als in den ersten 45 Minuten. Miroslav Klose schließlich wirbelt dank Müller, Özil und mit Abstrichen Podolski wie in alten Tagen und schießt Tor um Tor.

Der deutsche Sieg war zu keinem Zeitpunkt ernsthaft gefährdet. Das Team von Jogi Löw strahlt seit Monaten eine Souveränität und ein Selbstbewusstsein aus, gepaart mit spielerischer Klasse, ergänzt durch ein längst noch nicht ausgeschöpftes Potential, dass ich mich fast wieder wie ein Zwölfjähriger fühle. Am Dienstag spielt die Mannschaft in Kasachstan. Ich weiß noch nicht, ob ich mir das Spiel anschauen werde…die Deutschen gewinnen ja sowieso.

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