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Das Nischen-Prinzip

© Kret_workowaty

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Der australische Beutelmull ist kein schönes Tier. Er ist nicht niedlich, er ist nicht putzig. Er ist grotesk geformt: Mit seinem länglichen Körper ähnelt er einem behaarten Schlauch – einem behaarten Albinoschlauch, um genau zu sein. Rotblond das Körperhaar, rosa die Extremitäten, stünde der Beutelmull bei der großen Fauna-Schönheitswahl auf hoffnungslos verlorenem Posten.

Des Beutelmulls Glück ist indes die Tatsache, dass sich die Evolution nur in seltenen Fällen von Schönheit blenden lässt. Vielmehr drückt sie jenen Tierarten die brennende Fackel der Arterhaltung in die Pfote, die sich flexibel zeigen und anpassen können. Opportunistenschweine hätten ziemlich gute Karten. Der Konkurrenzdruck im Tierreich ist ähnlich groß wie am Wühltisch im Schnäppchenmarkt. Der Stärkere gewinnt, der Schnellere obsiegt, der Lautere setzt sich durch. Je weniger eine Tierart von diesen Vorzügen zu bieten hat, umso dringlicher wird ein Ausweichen in eine Nische. Denn im Séparée der Natur lässt es sich bisweilen ganz gut leben.

Das dachte sich vor langer Zeit auch der Ältestenrat der Beutelmulle in Australien. Im direkten Konkurrenzkampf mit größeren, physiognomisch besser ausgestatteten Raubtieren heillos unterlegen, tauchte die ganze Sippschaft auf der Suche nach Nahrung unter die Erde ab. Als Verwandter des hierzulande besser bekannten Maulwurfs treiben die Beutelmulle seit jener Zeit unter Tage ihr Unwesen. Sie haben ihre Nische gefunden, in der sie hässlich, aber immerhin glücklich sitzen und der Arterhaltung frönen.

Auch in der Fußballbundesliga ist die Evolution keine Unbekannte. Das Prinzip des „Survival of the Fittest“ ist keine Erfindung von Felix Magath. An der Spitze dominieren seit jeher die gefährlichsten Raubtiere, die nur wenige Feinde fürchten müssen. Die finanzstarken und wirtschaftlich potenten Vereine überleben seit geraumer Zeit und müssen sich wenig Sorgen um ihren Erhalt machen. Doch neben den Tyrannosauriern der Liga wie Bayern München, Schalke 04, HSV oder VfL Wolfsburg gibt es immer wieder Clubs, die trotz zahlreicher Standortnachteile überleben. Sie suchen sich ihre Nische und hoffen, dass sie sich als zukunftsfähig erweist.

So entdeckt Borussia Dortmund gerade die Nische als Komfortzone. Der Verein inszeniert sich als deutsches Pendant zu Arsenal London und hat damit Erfolg. Der Spielerkader besteht nicht aus teuren Stars, sondern aus kaum ausgewachsenen Jugendlichen, die fußballerisch hochveranlagt und physisch robust sind. Neben Talenten aus der eigenen Jugend werden junge, noch nicht fertig ausgebildete externe Spieler verpflichtet, möglichst im unteren bis mittleren Preissegment.

Allen gemein ist eine beachtliche Grundschnelligkeit und ein großes physisches Kraftpotential, das sie in die Lage versetzt, die Spielphilosophie des Trainers auf dem Feld umzusetzen: intensives Pressing, Kurzpassspiel, extrem hohe Laufbereitschaft und Schnelligkeit in sämtlichen Spielaktionen. Heraus kommt ein kräfteraubendes Spiel, das mit alternden Stars nur schwer umzusetzen wäre, das aber mit fitten, aufopferungswilligen Jungkickern bestens funktioniert und die Liga verzückt. Die Nische erweist sich als tragfähig, und Dortmund grüßt vom Spitzenplatz der Tabelle.

Doch eine Nische kann sich auch schnell als zu eng erweisen kann, sobald Mitkonkurrenten auftauchen. Die Verpflichtung von jungen, deutschen Fußballtalenten ist inzwischen derart in Mode gekommen, dass sich viel zu viele Mannschaften um die hoffnungsvollsten Spieler Deutschlands balgen.

Bayer Leverkusen, das schon seit Jahren auf Spieler der Marke „Jung, deutsch, talentiert“ setzt, hat durch die finanzielle Unterstützung des Bayer-Konzerns ein gewichtiges monetäres Pfund, mit dem hemmungslos gewuchert wird. Namen wie Stefan Kießling, Daniel Schwab, Lars Bender, Sidney Sam und zuletzt André Schürrle stehen für die Transferpolitik, junge, deutsche Fußballtalente mit vergleichsweise viel Geld an den Rhein zu locken.

© daniel.schoenen

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Da hat es ein Verein wie der FC St. Pauli schon weitaus schwerer, seine ähnlich gelagerte sportliche Philosophie zu realisieren. Auch im Hamburger Stadtteilclub setzt man inzwischen auf junge, deutsche Talente, doch musste man sich aufgrund der großen Konkurrenz in dieser angesagten Nische eine Art Unternische suchen.

So werden dort Spieler verpflichtet, die zwar über ein hohes Entwicklungspotential verfügen, die aber noch nicht unmittelbar vor dem Durchbruch zum etablierten Bundesliga- oder gar Nationalspieler stehen. Manch einer steht gar am Scheideweg seiner Karriere und entwickelt sich entweder weiter oder dürfte bald als „ewiges Talent“ gelten. Die Rede ist von Spielern wie Richard Sukuta-Pasu, Rouwen Hennings, Deniz Naki oder Fin Bartels, deren Marktwert sich genau an jener Unberechenbarkeit des zukünftigen Karriereverlaufs orientiert und dadurch erschwinglich bleibt.

Eine ganz andere Nische besetzte vor Jahren der SC Freiburg. Unter der Ägide von Volker Finke entdeckten findige Scouts Georgien als Quelle qualifizierter Kicker. Abseits der großen Vereine und horrender Transfersummen ließen sich Spieler wie Iaschwili, Kobiaschwili oder Zkitischwili verpflichten, die das Team verstärkten.

Hannover 96 positionierte sich unter Trainer Dieter Hecking bewusst als Auffangbecken für gescheiterte Ex-Nationalspieler. Christian Schulz, Frank Fahrenhorst, Jan Schlaudraff und Mike Hanke zeigten allerdings viel zu häufig, warum ihre Nationalmannschaftskarriere keine Fortsetzung fand; so wenig, wie die Hannoveraner Nischen-Strategie unter Mirko Slomka.

Werder Bremen erlebt zur Zeit, wie die eigene Nische, in der man über Jahre eine kuschelige Gemütlichkeit genoss und sich über zahlreiche Erfolge freute, mit einem Mal unbequem, düster und kalt werden kann.

Um die wirtschaftlichen Standortnachteile auszugleichen und sportlich trotzdem in der Spitzengruppe der Liga Dauergast zu sein, konzentrieren sich die Bremer bei Spielertransfers vornehmlich auf Fußballer, die nicht selten zu Beginn ihrer Karriere als kommende Stars der Szene galten und dann jäh in der sportlichen Sackgasse steckenblieben. Meist handelt es sich um charakterlich schwierige Typen, deren sportlichen Leistungen unter ihrem Hang zum Ärger leiden. Oder sie versauern auf den Ersatzbänken europäischer Spitzenclubs. Spieler wie Mario Basler, Ailton, Johan Micoud oder Diego stehen für den Erfolg jener Nischenstrategie.

© lenipopeni

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Doch in den letzten Jahren scheint den Bremern das glückliche Händchen im Umgang mit den Zicken und Diven des Rasensports abhanden gekommen zu sein. Carlos Alberto und Marko Arnautovic haben Fans und Verein trotz Ablösesummen in Millionenhöhe noch mehr Nerven als Geld gekostet.

Darüber hinaus spüren die Bremer den gesteigerten Konkurrenzdruck. Galt Bremen noch vor wenigen Jahren als optimale Durchgangsstation für junge deutsche Spieler auf dem Weg zu europäischen Spitzenclubs, so dass man wenig Mühe hatte, Miroslav Klose, Per Mertesacker, Mesut Özil oder Marko Marin zu verpflichten, hat sich inzwischen die Konkurrenz in dieser Nische breit gemacht.

Leverkusen lockt mit viel Geld, Dortmund mit einem tollen Trainer und einem fantastischen Stadion und selbst Bayern München ist dank Louis van Gaals Vertrauen in Talente zu einem reizvollen Verein für Jungspunde mutiert. Die Nische platzt aus allen Nähten.

Werder Bremen könnte also bald zum Beutelmull der Bundesliga werden. Denn im Jahr 2008 landeten die pelzigen Tierchen auf der Roten Liste der IUCN für gefährdete Tierarten. Heute ist ihr Gefährdungsgrad jedoch unbekannt. Aufgrund ihrer Vorliebe für tiefe Buddelarbeiten sind sie schwer aufzufinden. Man sieht sie kaum. Sie machen sich rar; verschwinden in den Untiefen der australischen Wüste. Bleibt nur zu hoffen, dass Werder Bremen bald eine neue, zukunftsfähige Nische findet und nicht in den Untiefen des deutschen Fußballs verschwindet.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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