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Vor einer Woche standen wir am Abgrund,…

…heute sind wir einen Schritt weiter.

Poldi braucht Trost

Poldi braucht Trost

Ungefähr so ließe sich die sportliche und wirtschaftliche Situation des 1. FC Köln zusammenfassen. Einen Tag vor der Jahreshauptversammlung steckt der Verein in einer Krise existentiellen Ausmaßes. Zugegeben, niemand kann sich ernsthaft vorstellen, dass ein Traditionsclub wie der FC von der Fußball-Landkarte Deutschlands verschwindet. Noch dazu, weil er in einer Millionenmetropole beheimatet ist, die finanzkräftiges Sponsoring mit dem Enthusiasmus, der Feierlaune und der gutherzigen Treue ihrer Einwohner und damit der potentiellen Fans verbindet.

Dennoch erschüttert die aktuelle Krise den Verein in seinen Grundfesten. Grund genug, die beiden bröckelnden Grundpfeiler des Vereins näher zu beleuchten.

Wirtschaftliche Situation

Der Schuldenstand des 1. FC Köln ist seit der letzten Saison um irrsinnige 11 Millionen auf inzwischen 24,1 Millionen Euro gestiegen. Diese Zahl alleine verbreitet Angst und Schrecken. Doch wenn man sich gleichzeitig den Gegenwert des Spielerkaders anschaut, dann wird die Misere erst recht deutlich. Transfermarkt.de beziffert den Marktwert der 31 Kölner Spieler zwar insgesamt auf mehr als 56 Millionen Euro. Doch ein genauer Blick entlarvt schnell, dass diese Einschätzung weit über den realistischen Verhältnissen liegen dürfte.

Das lässt sich beispielsweise daran ablesen, dass alleine der veranschlagte Marktwert von Lukas Podolski (10 Mio.) und Pedro Geromel (8 Mio.) fast ein Drittel des Gesamtwertes ausmacht. Rückschlüsse für den Rest des Teams sind da rasch gezogen: Die Mannschaft ist – hart formuliert – nichts wert.

Mit jedem Schritt mehr ins Detail wird die Situation noch deutlicher. So beziffert Transfermarkt.de den Marktwert für Faryd Mondragon auf eine Millionen Euro – für einen 39-jährigen kolumbianischen Torhüter, der beim Abstiegskandidaten ausgemustert wurde und dessen Karriereende näher scheint als ein Vereinswechsel. Wer möchte für solch einen Spieler freiwillig mit Geldscheinen wedeln?

Gleiches gilt für Petit: Laut Transfermarkt.de müsste man 2,5 Millionen Euro ausgeben, um den längst gealterten Star vergangener Tage zu verpflichten, der zuletzt kaum zu überzeugen wusste. Die Liste ließe sich fast beliebig fortführen: Kevin McKenna soll 1,5 Millionen kosten? Weil er sowohl in der Abwehr als auch im Angriff eingesetzt werden kann und vorne wie hinten wenig bewegt? Wer soll 2 Millionen für Andrézinho ausgeben, der bislang gerade einmal 220 Bundesligaminuten hinter sich hat? Und abschließend sei die Frage erlaubt: Gibt es seriöse Fußballfachleute, die aktuell einen zweistelligen Millionenbetrag für Lukas Podolski hinblättern würden? Usbekische und kölsche Vereinspräsidenten mal ausgenommen…

Freistoß ohne Folgen

Freistoß ohne Folgen

Natürlich gehört es sich nicht, Menschen wie Warengüter zu klassifizieren und mit Preisschildern zu versehen. Dennoch verdeutlicht diese unsittliche Vorgehensweise auf drastische Weise den Knoten im Gesamtgefüge des Vereins. Denn die sportliche Misere bedingt die wirtschaftliche Talfahrt – und umgekehrt. Ein personeller Neuanfang im sportlichen Bereich ist nur mit steigender Neuverschuldung möglich. Gleichzeitig engt der fehlende finanzielle Spielraum die Handlungsmöglichkeiten auf dem Transfermarkt weiterhin derart ein, dass wahrscheinlich bei Neuverpflichtungen wieder nur das Mittelmaß dominiert. Das lässt sich dann wiederum auf dem Spielfeld beobachten, an den Ergebnissen ablesen, und schlägt sich schließlich in der Tabelle nieder. Die Spirale nach unten dreht sich schneller und schneller.

Sportliche Situation

Das Derby gegen Mönchengladbach hat die Schwächen der Mannschaft eindrucksvoll offen gelegt. Spielkultur ist beim FC inzwischen zum Fremdwort verkommen. Bot das Team in der ersten Halbzeit auf dem kaum bespielbaren Platz noch wenige hoffnungsvolle Ansätze für ein gepflegtes Kurzpassspiel, wurden spätestens nach dem ersten Gegentor fast ausschließlich hohe Bälle aus dem Halbfeld in Richtung Strafraum gedroschen. Ohne Sinn, ohne Verstand und ohne Können.

Man konnte den Eindruck gewinnen, als hätten die Spieler völlig das Gespür fürs Spiel verloren – für ein Spiel, das sie seit Jahren tagtäglich auf dem Trainingsplatz praktizieren; als hätten sie vergessen, dass das Spiel im Prinzip aus simplen Aktionen besteht. Die Passwege waren in der ersten Hälfte zu gefühlten 90 % zu kompliziert. Anstatt den Ball schnell, dafür aber einfach und sicher zu verschieben und laufen zu lassen, um so den massiven Abwehrverbund der Gladbacher in Bewegung und Unordnung zu versetzen, wurde fast immer der komplizierte Pass in die Gasse gewählt. Es bedarf sicher keiner Erwähnung, dass der Ball so gut wie nie beim Adressaten ankam.

Kölner Fans beim Derby

Kölner Fans beim Derby

Die Laufwege einzelner Spieler vermittelten manchmal den Eindruck, als hätten sie noch nie ein Fußballspiel gesehen, geschweige denn bei einem mitgespielt. Exemplarisch sei jene Kontersituation in der ersten Hälfte erwähnt, bei der Podolski mit Ball auf die in jenem Moment nur noch rudimentär existierende Gladbacher Abwehr zuläuft, Ehret dicht an seiner Seite auf dem linken Flügel. Anstatt in den freien Raum auf der linken Seite zu starten, kreuzt Ehret Podolskis Laufweg, mischt sich munter unter die Gladbacher Abwehrspieler und hat, welch Überraschung, keine Chance, an den gespielten Pass zu kommen.

Diese Aktion hat mich im Stadion toben lassen – sie widersprach völlig dem fußballerischen Instinkt, und jeder, der zumindest auf der Playstation schon einmal ein Fußballgame gedaddelt hat, wäre in dieser Situation auf den Flügel ausgewichen.

Erweckte die Mannschaft wenigstens in der ersten Hälfte den Anschein, zu kämpfen und zu rackern, brach sie nach dem Gegentor völlig ein. Hätten die Spieler auf der Anzeigetafel die Ergebnisse der anderen Spiele verfolgt, dann hätten sie gesehen, dass man selbst einen 3:0-Rückstand noch aufholen kann. Doch die Körpersprache nach dem Rückstand zeigte jedem Gladbacher Gegenspieler deutlich, dass Gegenwehr nicht mehr erwartet werden durfte.

Gladbacher Fans beim Derby

Gladbacher Fans beim Derby

Wie ist so etwas möglich? In einem Derby, das den wenigsten Spielern etwas bedeuten mag, so aber doch für die Fans das fast wichtigste Ereignis des Jahres darstellt?

Das Team ist in einem erschreckenden körperlichen Zustand, psychisch demoralisiert und disharmonisch, dass es nur so quietscht.

Der Torhüter ist schwach und verunsichert mit seiner fehlenden Strafraumbeherrschung die gesamte Abwehr.
Vor ihm spielte noch in der letzten Saison eines der besten Innenverteidigerpärchen der Liga – davon ist nicht mehr viel zu sehen, und Mohamad und Geromel wären am vergangenen Samstag von jedem ambitionierten Regionalligaspieler vernascht worden. Doch wer soll die Beiden ersetzen?
Die Außenpositionen sind schon so lange schlecht besetzt, dass man schon gar keine Lust mehr hat, diese Kritik wieder aufzuwärmen.

Das Mittelfeld besitzt auf den 6er-Positionen zwar durchaus Potential, doch Lanig, Pezzoni, Matuschyk und Petit wirken häufig zu brav und zu bieder. Ich mag keine „Aggressive Leader“, aber in Köln fehlt so ein Spielertyp an allen Ecken und Enden.

Mehr noch als die nötige Portion Aggressivität fehlt im Mittelfeld hingegen der kreative Kopf. Jajalo war nicht nur am vergangenen Samstag heillos überfordert und spielte einfach schlecht. Yalcin zeigt zwar immer wieder gute Ansätze, doch kann man von einem 20-jährigen nicht erwarten, Taktgeber im Spiel zu sein.

Auf den offensiven Außenpositionen wäre das Potential mit Ehret und Podolski groß, würden sie nicht über dieselbe Seite kommen. Vor allem Podolski fehlt nach wie vor die feste Rolle im Kölner Angriffsspiel. Zentral hinter den Spitzen? Im linken offensiven Mittelfeld? So verpuffen Wille und Einsatz, die bei ihm in der Tat vorbildlich sind, meist wirkungslos in Verzweiflungstaten.

Im Sturm ist Köln mit Novakovic nicht schlecht besetzt, doch ohne Strippenzieher im Mittelfeld kommen zu wenige Bälle an. Zudem fehlt ein ernsthafter mannschaftsinterner Konkurrent, der ihm seinen mitunter divenhaften Habitus austreibt und ihm Dampf macht. Freis, Ishiaku und Ionita sind Durchschnittsspieler, die maximal eine Sternstunde pro Saison feiern.

So erweist sich die fehlende Tiefe im Kader als schwerwiegendes Problem – spielentscheidende Alternativen fehlen. Mit dem größten Kader aller Bundesligisten (ich hatte keine Lust, penibel nachzuzählen und berufe mich auf Transfermarkt.de) ist das ein weiteres Armutszeugnis.

Was tun? Neuverpflichtungen? Ich verweise auf den ersten Absatz! Junge Spieler? Immer ein geeignetes, aber kein Allheilmittel. Mainz und Dortmund lassen sich nicht einfach kopieren. Beide bestritten mit ihrer A-Jugendabteilung das Endspiel um die deutsche Meisterschaft 2009. Köln stand zuletzt 1992 im Finale.

Um zum Abschluss das Bild vom Anfang zu bemühen: Im Moment fühlt es sich an, als wäre der Verein im freien Fall – nur noch eine Frage der Zeit, wann er aufschlägt!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

4 Portionen Senf

zechbauer  on November 17th, 2010

Endlich mal eine fundierte Analyse der Situation – sowohl sportlich als auch wirtschaftlich. Die Protagonisten in der Vereinsführung lässt Du raus aus der Thematik – auch das in Ordnung -, da weder die Personalie Overath, noch Meier kurzfristig an der Gesamtsituation etwas verändern. Bonjour tristesse.

Hennes  on November 17th, 2010

In der Tat habe ich die Hauptdarsteller in der Vereinsführung bewusst außen vor gelassen. Mir ging es mehr um die Darstellung der Gesamtsituation. Inzwischen bin ich aber davon überzeugt, dass eine personelle Erneuerung auf oberster Ebene Grundvoraussetzuung für den dringend notwendigen U-Turn sein muss. Overath und Meier habe in der Vergangenheit zu viele falsche Entscheidungen getroffen.

zechbauer  on November 18th, 2010

kurzfristig hilft das aber nicht – zumal: wer will es denn machen? Dass Meier zumindest ein Sportdirektor beiseite gestellt werden muss (ein durchsetzungsstarker Marke Sammer), seht wohl außer Frage. In der Trainerfrage muss man Farbe bekennen. Schäfer hilft es nichts, wenn er als Interims-Trainer von der Mannschaft gesehen wird. Auch hier: Wer soll, kann und will es sonst machen?

Hennes  on November 18th, 2010

Wie recht Du hast…als vor Wochen das Gerücht aufkam, Sammer könne in Köln Sportdirektor werden, bin ich in lautes Gelächter ausgebrochen. Der Sportdirektor des DFB soll freiwillig nach Köln wechseln? Als hätte er keine attraktiveren Angebote.

Noch immer gehen Medien und Fans davon aus, Köln sei eine gute Adresse. Zugegeben, der “schlafende Riese” hat Potential, aber so schnell wacht der leider nicht auf.

Gleichzeitig halte ich nix von unnötiger Pöstchenvergabe. Warum ein Sportdirektor, der Meier auf die Finger schaut, wenn man Meier direkt loswerden kann? Da draußen müssen doch noch kompetente Fußballfachleute rumrennen, die mit Geld umgehen können. Mal in der zweiten Liga gucken…oder was ist mit Jan Schindelmeiser?

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