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Lassen wir die Vorrunde noch mal Paroli laufen!

© misterQM

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Gestern war es mal wieder so weit: Auf Sat1 lief der erste Jahresrückblick im Fernsehen. Johannes B. Kerner eröffnete damit den sich nun anschließenden Reigen der jährlichen Retrospektiven. Normalerweise hätte ich davon keine Notiz genommen, doch da sich die Dortmunder Fußballer nur wenige Minuten zuvor im gleichen Sender anschickten, ihren 3:0 Sieg über Karpaty Lwiw einzutüten, blieb ich, mich ganz meinem feierabendlichen Phlegma hingebend, an Kerners Lippen hängen.

Dabei fiel mir auf, dass die grundlegende Struktur der Show vermutlich nie geändert wird. Jahr für Jahr werden höchstens die Einspielfilmchen, die Musikauftritte und die Gäste auf der Couch ausgetauscht, alles andere bleibt bestehen. Kein Wunder also, dass man auch mal vergisst, den Gast vom letzten Jahr und vom vorletzten Jahr und vom Jahr davor fürs aktuelle Jahr endlich auszuladen, so dass man sich als Zuschauer schon wieder und immer noch und ständig aufs Neue mit der unvermeidbaren Veronika Ferres herumplagen muss.

Mir ist jedenfalls kein filmisches Highlight aus dem Jahr 2010 bekannt, in dem die Schauspielerin einen erwähnenswerten Auftritt gehabt hätte. Genaugenommen ist mir kein filmisches Highlight aus IRGENDEINEM Jahr bekannt, das ihretwegen hätte Erwähnung finden müssen, was aber auch an mir liegen kann, da Filme mit Veronika Ferres selten auf meiner cineastischen Speisekarte stehen. Satt wird man auch anders…

Ein zweites Charakteristikum der Jahresrückblickshows wurde schon oft erwähnt und beschrieben, fasziniert aber immer wieder: Gestern schrieb man den 2. Dezember. Ist es für ein Fazit zum abgelaufenen Jahr nicht ein bisschen früh?

Scheinbar nicht, und da wir uns hier nicht als seriöse Kritiker bewähren wollen, um so am Ende noch Gefahr zu laufen, ernst genommen zu werden, wollen wir uns der allseits populären Beliebigkeit anschließen und ebenfalls Bilanz ziehen.
Dafür habe ich einen Blick auf die vor der Saison abgegebenen Bonustipps meiner Bundesligatipprunde geworfen und sie ausgewertet.

Vor dem ersten Spieltag sollten die Tipper drei Fragen beantworten: Wer wird Deutscher Meister der Saison 2010/11? Welcher Verein stellt den Torschützenkönig? Wie heißen die drei letztplatzierten Vereine der Tabelle und damit mindestens zwei von drei Absteigern?

Insgesamt gaben 16 Mitspieler ihre Tipps ab. Beim Tipp auf den deutschen Meister herrschte vor Saisonbeginn weitgehend Einigkeit: Zehn Tipper sahen Bayern München in der Favoritenrolle. Der Rekordmeister belegt zurzeit jedoch nur Platz fünf bei bereits 14 Punkten Rückstand auf die Spitze – die Bayern dürften sich schwertun, unsere zehn Tipper nicht zu enttäuschen. Ein wenig besser sieht es für Bayer Leverkusen aus, der einsame Meistertipp eines einzelnen Tippers.

Er bewies immerhin ein besseres Näschen als Jener, der vor der Saison auf Werder Bremen setzte. Der Nordclub versinkt derzeit im grauen Mittelmaß und freut sich noch darüber, da ihm so der Abstiegskampf erspart bleibt. Mit diesem hat sich nämlich zur großen Enttäuschung von zwei Tippmitstreitern Schalke 04 auseinanderzusetzen. Die Bonuspunkte sind demnach schon so gut wie verloren. Einen findigen Spürfuchs hat allerdings auch unsere Tipprunde zu bieten – Borussia Dortmund erhielt immerhin das Votum einer einzelnen orakelnden Tipperin.

Der BVB taucht auch beim Tipp auf den Verein des Torschützenkönigs auf, immerhin zweimal. Lucas Barrios scheint in der letzten Saison Eindruck hinterlassen zu haben – zu Recht, liegt er doch auch aktuell mit acht Treffern auf einem aussichtsreichen Platz in der Torjägerliste. Vier Tipper votierten für den FC Bayern München, hatten aber mit Sicherheit nicht auf der Rechnung, dass ausgerechnet Mario Gomez die Hoffnungen auf die Bonuspunkte aufrecht erhalten würde. Mit neun Toren teilt er sich immerhin Rang drei der Torjägerliste, unter anderem mit Edin Dzeko, der wahrscheinlich den einzigen Tipp auf den VfLWolfsburg personifizieren dürfte. Doch auch Grafite hat bereits sieben Tore erzielt und liegt auf Rang acht.

Dort findet man auch Klaas Jan Hunterlaar, der damit vier Tippern, die vor Saisonbeginn auf Schalke 04 setzen, weiterhin Hoffnung macht. So bleibt die Tatsache, dass er zum Zeitpunkt der Tippabgabe noch gar nicht im Revierclub unterschrieben hatte, nur eine Randnotiz; schließlich trifft inzwischen auch Altstar Raúl und liegt mit sechs erzielten Toren nur einen Rang hinter seinem jungen Sturmpartner. Hugo Almeida, dem es bis jetzt gelang, mit seinen neun Saisontoren die Phantasien eines einzelnen Tippers ordentlich zu befeuern, hat die Vorrunde allerdings aufgrund seiner roten Karte bereits beendet.

Bleiben noch zwei Tipps, die wenig Hoffnung auf Punkte machen: Ein Tipper gab dem HSV den Vorzug und hatte dabei wahrscheinlich Ruud van Nistelrooy im Auge. Der Holländer steht momentan immerhin bei fünf Toren, zeigt sich aber leider äußerst verletzungsanfällig. Doch wen hatte jener Tipper im Visier, der auf den VfB Stuttgart setze? Pavel Pogrebnyak? Cacau? Cirpian Marica? Das bleibt ein Rätsel. Immerhin konnten sowohl der Deutsch-Brasilianer als auch der hölzerne Russe bislang fünf Tore erzielen.

© Tommy-Windecker

© Tommy-Windecker

Die Tipps auf die Plätze 16-18 weisen zu diesem Zeitpunkt die größte Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität auf. Keiner der drei Tipper, die vor der Saison Mainz 05 als Absteiger nannten, hätte geahnt, dass er damit den Tabellenzweiten des 14. Spieltags nominieren würde. Kollektive Enttäuschung dürfte auch im Fall „SC Freiburg“ vorherrschen: Zwölf der 16 Tipper waren sich einig und tippten die Breisgauer in die Zweite Liga. Doch die 21 Punkte des Sportclubs sind schon jetzt ein dickes Polster für die Rückrunde.

Auch Hannover 96, immerhin von zehn Tippern genannt, spielt eine zur Erwartungshaltung spiegelverkehrte Saison und liegt momentan auf Rang vier der Tabelle. Der 1. FC Nürnberg folgt mit sieben Stimmen, und liegt seinerseits im Mittelfeld jenseits von Gut und Böse. Doch die jüngste Tendenz weckt Hoffnungen. St. Pauli, sechsfach genannt, strebt ebenfalls schnurgerade dem Tabellenkeller entgegen. Anders als der FCK, der mit zwei Siegen aus den letzen beiden Spielen dem Abwärtsstrudel entkommen konnte und auf Rang 12 liegt, allerdings mit Sichtweite nach unten.

Die Mannschaften im realen Tabellenkeller blieben von den Absteigstipps hingegen weitgehend verschont. Dass den VfB Stuttgart, aktuell Vorletzter, niemand auf der Rechnung hatte, verwundert nicht. Doch dass der 1. FC Köln nur mit einer einzigen Stimme, der Tabellenletzte Borussia Mönchengladbach mit keiner Stimme genannt wurde, überrascht. Drückt sich darin der Glaube in die vorhandene, aber selten ausgereizte Kaderstärke beider Vereine aus? Oder wissen die Verantwortlichen Jahr für Jahr Fans und Experten geschickt zu blenden? Oder verbietet der rückwärtsgewandte Blick in die siegreiche Vergangenheit ein Zweifeln an der aktuellen sportlichen Stärke? Oder gibt es in unserer Tipprunde zu viele Gladbach- und Köln-Fans?

Bleibt als Fazit, dass man jederzeit ein Fazit ziehen kann – auch weit vor dem Anbruch der Winterpause macht ein Fazit der Vorrunde Spaß. Dass man deshalb drei Spieltage verpasst, durch die sich noch Entscheidendes ändern könnte, bleibt im Zuge der postulierten Beliebigkeit völlig…ja was wohl: beliebig eben.

Schließlich kann auch Johannes B. Kerner prima damit leben, dass der womöglich größte Politskandal des Jahres 2010, die WikiLeaks-Enthüllungen, in seinem Jahresrückblick mit keinem Wort erwähnt wurde.

Ein Hoch auf die Beliebigkeit!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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