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Kölner Chaos-Club oder FC reloaded?

© Vlamnick

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Unlängst wurde bekannt, dass sich Bayer Leverkusen den Namen „Vizekusen“ rechtlich schützen ließ. Der Verein dürfte dabei auf wenig Konkurrenz gestoßen sein, schließlich ist das Abonnement auf den zweiten Platz Leverkusens Alleinstellungsmerkmal.

Ganz anders sähe die Situation aus, hätte es ein Verein auf den Namen „Chaosclub“ als Patent abgesehen. In jeder Saison rangeln gleich mehrere Clubs um diesen Titel, der eine nur sporadisch, der andere regelmäßig. In der aktuellen Spielzeit liegen bereits nach Ablauf der ersten Hälfte mehrere Bewerbungen vor.

Die TSG Hoffenheim taucht zum ersten Mal im erlesenen Kreis der Chaoten auf, nachdem in der Winterpause erst der beste Spieler hinter des Trainers Rücken verkauft wurde, jener Hintergangene sodann das Handtuch warf, woraufhin sich der zweitbeste Spieler praktisch selbst nach England verkaufte.

Der Hamburger Sportverein ist hingegen Wiederholungstäter und untermauert fast in jedem Jahr seine Anwartschaft auf den Titel „Chaosclub“. Jüngst hatte die lauthals verkündete und dann kleinlaut zurückgezogene Verpflichtung von Matthias Sammer als Sportdirektor für ein schadenfrohes Gelächter in der Öffentlichkeit gesorgt.

Auch der Branchenprimus FC Bayern München taucht immer mal wieder in der Spitzengruppe der Irrungen und Wirrungen auf. Doch der Serienmeister verfügt längst über ein eigenes Label, inhaltlich zwar deckungsgleich mit „Chaosclub“, doch mit luxuriöserer Konnotation: FC Hollywood. Der Dauerknatsch zwischen Hoeneß und van Gaal, der blitzartige Wechsel des Kapitäns Mark van Bommel nach Mailand und die Torwartdiskussion sind die Zutaten, aus denen in dieser Saison ein brockiges Süppchen gekocht wurde, das bislang noch niemand auszulöffeln gewillt ist.

Während man in Bremen, in Gladbach oder auch in Stuttgart die desaströse sportliche Ausgangslage noch nicht in ein öffentlich inszeniertes Chaos ummünzen konnte, rollt der 1. FC Köln das Feld von hinten auf und prescht – mal wieder – ganz nach vorne. Köln und Chaos, das passt einfach. Allein das Lautbild, ein Genuss: Kölner Chaos-Club.

Was hat man in dieser Saison vorzuweisen? Eine Trainerentlassung, eine turbulente Jahreshauptversammlung inklusive verweigerter Entlastung für den Vorstand, einen beleidigten Torhüter, der sich mit Jesus vergleicht und in die USA wechselt und einen erst ausgesonderten und später rehabilitierten Torjäger. Nichts Ungewöhnliches für Kölner Verhältnisse also, alles ganz normal, Business as usual…

Wäre da nicht jene Mitgliederinitiative, die sich als Reaktion auf die angesprochene Jahreshauptversammlung gegründet hatte und sich nun dazu aufschwingt, die Strukturen im Verein ordentlich durchzurütteln. Die Gruppierung „FC reloaded“ sieht es als ihre Aufgabe an, das amtierende Präsidium herauszufordern und hat damit Erfolg. Denn die Entscheidungsträger im Club reagieren auf den Vorstoß der Basis wie ein hysterischer Hühnerhaufen nach einem Fuchsangriff: Sie gackern und schlagen wild mit den Flügeln.

Das Hauptziel von „FC reloaded“ ist eine „umfassende Satzungs- und Strukturreform“. Dazu soll eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden, die nur dann stattfinden kann, wenn ein entsprechender Antrag von „zwei Zehntel“ [Satzung, S.4] (schon mal was von Kürzen gehört?) der Mitglieder unterstützt wird. Das Werben um Unterstützung kann wiederum nur mit persönlicher Kontaktaufnahme umgesetzt werden, weswegen der Verein die Mitgliedsdaten zur Verfügung stellen soll, wozu er rechtlich verpflichtet ist.

Klingt alles einfach, ist es aber nicht. Denn schon beginnt das große Hauen und Stechen: Ein Fünftel (ich habe gekürzt) der 50.000 Mitglieder? Man könnte meinen, da sei das Ergebnis dank algebraischer Gesetzmäßigkeit eindeutig. Denkste. Nicht in Köln. Für die Einen macht das 7500 Mitglieder (FC reloaded), da nur die Volljährigen die Ausgangsmenge bilden dürfen, für die Anderen (Präsidium) macht das 10.000 Mitglieder. In der Tat unterscheidet die Satzung des Vereins zwischen „ordentlichen Mitgliedern“, die als natürliche und juristische Personen zu behandeln sind und „jugendlichen Mitgliedern“ unter 18 Jahren, die über kein Stimmrecht verfügen. [Satzung, S.2]

Wie dem auch sei, der Verein ist in der Pflicht, die Mitgliedsdaten zur Verfügung zu stellen. Allerdings kann jedes Mitglied gegen die Weitergabe der eigenen Daten Einspruch erheben. Daher landete ein entsprechendes Infoschreiben im Briefkasten eines jeden Vereinsmitglieds.
Ob der Verein über dieses Widerspruchsrecht aktiv informieren muss, kann ich nicht beurteilen. Das Schreiben ist jedoch, wie vielerorts beschrieben (Kicker), alles andere als neutral und rückt die Initiative bewusst in ein schlechtes Licht:

„Als Fans verfolgen Sie die tägliche Presse und die dort veröffentlichten Meinungen und Statements – auch von Personen, denen es offenbar nicht so sehr um den Erfolg des Vereins geht, sondern vielmehr um Macht und unnötige Personaldiskussionen.“  (Infoschreiben, S.1)

Die beiliegende Antwortkarte (Infoschreiben S.4) enthält zwar nur ein einziges Antwortfeld; sie ist aber – und da widerspreche ich ganz bewusst der Wertung des Kickers und der Initiative selbst – logisch einwandfrei aufgebaut. Ähnlich wie bei Google Street Views ist ein Stillschweigen mit Akzeptanz gleichzusetzen und muss nicht ausdrücklich bestätigt werden. Nur der Widerspruch gehört kundgetan. Doch in Verbindung mit dem entsprechenden Absatz im Schreiben, der eine andere Ausgangslage intendiert, entsteht wiederum eine andere Akzentuierung:

„Bitte füllen Sie die beiliegende, vorfrankierte und für Sie kostenfreie Karte aus und senden sie bitte bis zum 04.02.2011 an die Geschäftsstelle zurück.“ (Infoschreiben, S.1)

Vielleicht ist die unglückliche Formulierung nur Zufall, aber die Aufforderung zum Ausfüllen der Karte dürfte vielerorts nicht nur für Verwirrung sorgen, sondern in Zeiten des alltäglichen Datenklaus und –missbrauchs auch dazu führen, dass manch ein Mitglied vorschnell einer Weitergabe der eigenen Daten widerspricht und so im Keim erstickt, was erst im Entstehen begriffen ist: eine basisdemokratische Bewegung, um den Mitgliedern zu mehr Rechten innerhalb der Vereinpolitik zu verhelfen.

© Knallgruen

© Knallgruen

Doch was genau sind die Ziele der Initiative „FC reloaded“? Auf der Homepage sind vier zentrale Forderungen genannt:

  • Die Schaffung eines Mitgliederbeirats mit Sitz und Stimme für zwei Vertreter im Verwaltungsrat!
  • Eine umfassende Satzungs- und Strukturreform!
  • Professionelle Kommunikation auf allen Ebenen!
  • Rückzug des Vorstands!

Mir als Laie im Vereinsrecht erscheint die Einrichtung eines Mitgliederbeirates mit Beteiligung im Verwaltungsrat – als rein beratendes Organ – eine gute Sache. So würde ein weiteres Kontrollgremium für die Entscheidungsträger im Verein geschaffen, das möglicherweise frühzeitig auf Missstände und Fehlentwicklungen hinweisen könnte. Die noch unklaren Regularien zur Bestimmung des Mitgliederbeirates bedürfen jedoch einer klaren Ausarbeitung, noch klingt das gefährlich schwammig und beliebig.

Die umfassende Satzung- und Strukturreform ist in ihrem Kern auch begrüßenswert. Für eine klare Analyse fehlt mir zwar der tiefe Einblick in die Entscheidungsstrukturen im Verein. Doch sollte sich die Realität so darstellen, wie auf der Homepage der Initiative beschrieben, dann sind Veränderungen dringend nötig.

Warum existiert keine Geschäftsordnung für die einzelnen Organe, die Klarheit in die Zuständigkeiten und Kompetenzen der einzelnen Gremien bringen würde? Wie kann es sein, dass der Vorstand die Kandidaten für den Verwaltungsrat, also für das Kontrollgremium, das dem Vorstand auf die Finger schauen soll, selbst vorschlagen darf? Und schlimmer noch: Wie kann es sein, dass der Verwaltungsrat im Gegenzug die Kandidaten für den Vorstand vorschlägt? Eine Hand wäscht die andere? In einer Stadt wie Köln, wo der Klüngel erfunden wurde und seit Generationen liebevoll gepflegt wird, sollten solche Grauzonen in einer Vereinssatzung schnell verschwinden.

Die geforderte professionelle Kommunikation auf allen Ebenen ist ein ebenso sinnvoller wie naiver Wunsch. Wie die Realität fast tagtäglich zeigt, schafft es ein öffentlichkeitswirksames Unternehmen wie ein Fußballverein nur in den seltensten Fällen, sich auf interne Kommunikationskanäle zu beschränken. Fast immer dringen Informationen nach außen, folgen Dementis, kommt es zu gegensätzlichen Darstellungen der Beteiligten, zu Widersprüchen, Zank und Streit, es folgen weitere Dementis und was schließlich bleibt, ist ein ramponiertes Image.

Man frage mal in Hamburg, in Sinsheim, in München nach…der Grad der Professionalität hat leider wenig mit dem Grad der Verschwiegenheit zu tun. Häufig ist das Geschäftsgebaren von persönlichen Eitelkeiten und Egoismen einzelner Entscheidungsträger geprägt.

Die letzte Forderung der Initiative ist schließlich jene, die dem Gesamtauftritt ein gewisses „Geschmäckle“ verleiht. Der Vorstand soll sich zurückziehen. Ich selbst bin kein Freund des Vorstands. In meinen Augen hat das Führungspersonal die fatale Fehlentwicklung, die der Verein unter Manager Meier und Trainer Soldo durchgemacht hat, zu verantworten und sollte entsprechende Konsequenzen ziehen.

Gleichzeitig bedauere ich die offene Kampfansage der Initiative, die eine unangebrachte Schärfe in die Debatte bringt und sinnvolle Strukturveränderungen in den Hintergrund dängt. Die hysterische Reaktion des Vereins lässt sich nicht zuletzt auf den direkten Angriff auf den Vorstand zurückführen. Die Presse entzieht der Initiative die sachliche Auseinandersetzung und stellt sie als Meuterer dar.

Zwar betonen die Beteiligten der Initiative, kein Interesse an einer Vorstandsbeteiligung zu haben, aber dennoch schielen sie auf einen Sitz im neu zu schaffenden Mitgliederbeirat:

„In einem neu aufgestellten Verein mit neuer Satzung und mit Mitgliederbeirat wäre es ja wohl das Selbstverständlichste der Welt, dass die, die das initiiert haben, auch für einen Sitz im Mitgliederbeirat oder sonstwo kandidieren. Wer dann gewählt wird, wird man sehen.“ (FC reloaded, FAQs)

In der Tat wäre eine Kandidatur objektiv betrachtet nur selbstverständlich und keineswegs verwerflich. Doch auf einer subjektiv geprägten Gefühlsebene betrachte ich dieses Ansinnen mit Misstrauen und Skepsis.

Zusammenfassend gefällt mir das Bestreben der Initiative „FC reloaded“, die Strukturen im Verein zu reformieren. Ein größerer Einfluss der Mitglieder, der sich aber ausschließlich auf Kontrolle und Beratung beschränkt, ist begrüßenswert und sinnvoll. Die geforderte Abdankung des Vorstands kann ich hingegen nur bedingt mitragen.

Zwar könnte sich angesichts der desaströsen Bilanz der letzten Jahre keiner der Entscheidungsträger beschweren, wenn man ihn vom Hof jagen würde, doch macht man es sich mit solchen Forderungen häufig zu einfach. Ersatz müsste gefunden werden, und auch da wäre fraglich, ob sich alles zum Positiven wenden würde. Daher erscheint mir der Ansatz der Initiative lobenswert, bei den Strukturen anzusetzen, um Missentwicklungen zukünftig erst gar nicht entstehen zu lassen. Die Verknüpfung mit der Personalfrage hätten sie sich allerdings sparen können.

Zu guter Letzt sei noch ein Wort zum Zeitpunkt des Vorstoßes gesagt. Ein wiederkehrendes Argument der Gegner von „FC reloaded“ bezieht sich genau darauf und kritisiert, dass eine große Unruhe ins Umfeld und in die Mannschaft getragen würde. Ausgerechnet jetzt, da man im Abstiegskampf stecke.

Mir erscheint der Einwand lächerlich, trotzdem halte auch ich den Zeitpunkt für falsch. Ich glaube nicht, dass sich jeder einzelne Fußballer derart detailliert mit der Sache auseinandersetzt, dass er keine Zeit mehr für Training, Entspannung und Konzentration auf den Ligaalltag findet. Weder Podolski noch Rensing werden schlaflose Nächte erleiden, weil ein paar FC-Mitglieder die Basis mobilisieren. Das ist Unsinn. Der Hinweis, man stecke doch gerade im Abstiegskampf, ist auch Unsinn. Wann steckt der FC denn mal nicht im Abstiegskampf?

Dennoch hätte es der Initiative nicht geschadet, bis zur Sommerpause mit ihrem öffentlichen Vorstoß zu warten. Im Falle eines Abstiegs hätte sie gar das berühmte Momentum auf ihrer Seite gehabt, im Falle des Klassenerhalts hätte sie eben mehr denn je mit inhaltlicher Kraft überzeugen müssen.

Wir werden die Entwicklungen weiterverfolgen und kommentieren. Der Antrag zum Schutz des Markennamens „Chaosklub“ sollte zur Sicherheit schon einmal eingereicht werden. In diesem Wettbewerb dürfte der FC nämlich endlich mal der Konkurrenz überlegen sein.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

Eine Portion Senf

Max  on February 2nd, 2011

Ist Dir die Reaktion auf Reloaded bekannt? Siehe http://dierotewand.de/

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