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Der Prinz vom Land

© mathias the dread

© mathias the dread

“Wir feiern Weihnachten nicht wegen der Geschenke. Wir feiern den Geburtstag von Jesus!”

Mit diesen Worten sollten wir Kinder damals nicht nur in unserer Vorfreude auf Heiligabend gebändigt werden, sondern auch den wahren Wert der weihnachtlichen Festtage lernen. Dass dieser Versuch ebenso ehrenwert wie erfolglos blieb, kann man sich denken. Mir war der Anlass für die Feiertage letztlich auch ziemlich egal, Hauptsache, man beschenkte sich gegenseitig. Besser noch: man beschenkte mich!

Als ich zwölf Jahre alt und mit dem Wissen einer erst kürzlich ausgestrahlten TV-Dokumentation über Richard Löwenherz angefüllt war, noch dazu stets zwanghaft bemüht, möglichst in jeder Lebenslage extrem cool zu erscheinen, antwortete ich auf den Standardspruch meiner Mutter: “Wir feiern auch den Geburtstag von Johann Ohneland!” Das hatte gesessen. Meine Mutter verdrehte nur die Augen.

Seitdem muss ich an Heiligabend immer an Johann Ohneland denken. So auch in diesem Jahr. Ich stand in der Kirche, und als ich dort so stand und sang oder vielmehr meine Lippen bewegte, bewegten sich auch meine Gedanken in ganz andere Sphären. Ich dachte an König Johann Ohneland, an Richard Löwenherz, an Prinz Eisenherz, an Doppelherz, an Prinzenrolle und an Lukas Podolski. Prinz Poldi.

Wann wird Prinz Poldi eigentlich zum König?
Ist er bereits Thronfolger? Und wenn ja, von wem? Und wo? Und warum?

Eigentlich ist der Titel “Prinz”, der dem kölschen Urgestein vom gelben Blätterboulevard verliehen wurde, ja mehr als nur eine verunglückte Reminiszenz an den Karneval und eine Lobpreisung des einzigen FC-Stars seit Toni Polster. Er ist eine Metapher für das sportliche Potential, das in Podolski steckt und noch nicht zur vollen Blüte gereift ist. Er ist eine Art von Versprechen für die Zukunft, für die positive Weiterentwicklung des noch unfertigen Fußballers. Und so wartet die ganze Welt darauf, nach der Metamorphose des ulkigen Schweinis zum seriösen Herrn Schweinsteiger auch bald den Wandel des schelmischen Prinzen Poldi zum souveränen Monarchen Lukas I. miterleben zu können.

Der erste Schritt in die richtige Richtung ist nun getan. Lukas Podolski wurde von Trainer Frank Schaefer zum Kapitän des 1. FC Köln ernannt. Der Prinz ist noch kein König, aber immerhin schon mal ein Capitano, wenn auch noch ein kleiner.

Ist die Entscheidung von Frank Schaefer gut oder schlecht? Ohne in die Glaskugel schauen zu müssen, erscheint die Übernahme des Amtes als logischer Schritt auf dem Weg zum Führungsspieler, als den sich Podolski zwar selbst nie begriffen hat, der aber zwangsläufig als Ziel am Ende der sportlichen Fortentwicklung steht. Davor kann sich ein Spieler mit Anspruch nicht verstecken.

Podolski führt das Team, das vorwiegend aus saftlosen Durchschnittsspielern besteht, bereits seit Beginn der Saison kraftvoll und mit Elan, wenn auch manchmal ungestüm und mit blindem Aktionismus. Er sticht mit seiner Motivation, seinem Einsatzwillen und Eifer fast immer aus der Masse heraus. Das Kapitänsamt, das zur Vorbildrolle innerhalb des Teams verpflichtet, könnte dabei helfen, das Feuer des Engangements am Leben zu erhalten, die freigesetzte Energie aber in konstruktive und effiziente Bahnen zu lenken.

Das ist für die Mannschaft des FC lebenswichtig. Denn die Struktur und die Hierarchie innerhalb des Teams ist scheinbar derart zerschossen, dass sich die Charakterisierung der Mannschaft mit wenigen Worten beschreiben lässt: viele Indianer, kaum Häuptlinge, oder – um im Bild zu bleiben – viele Untertanen, aber kein König.

Ausdruck dieser fatalen strukturellen Krise, die immer auch vom Coach mitverantwortet wird (in diesem Fall also ausschließlich von Schaefers Vorgänger Soldo!), ist die Zusammensetzung des neuen, vom Trainer bestimmten Mannschaftsrats. Er besteht aus Milivoje Novakovic, Kevin McKenna, Michael Rensing und Lukas Podolski. Neben Novakovic, der zwar nicht unumstritten, dafür aber zweifellos ein wichtiger Stützpfeiler im Team ist, finden wir im obersten Mannschaftsgremium einen Ersatzspieler und einen Neuzugang, der seine Kollegen seit knapp drei Wochen kennt. Ein Armutszeugnis für die Hierarchie im Team!

Prinz Poldi steht also vor einer großen Aufgabe, um sein Amt als Kapitän mit Erfolg auszufüllen und sich dabei sowohl als Individuum als auch als prägender Teil des Kollektivs weiterzuentwickeln. Das bedarf großer Geduld, viel Disziplin und eines ordentlichen Schuss’ Optimismus. Doch eines Tages setzt er sich vielleicht selbst die Krone auf. Denn die Geschichte zeigt uns: König kann man auch ohne Land werden…

…und ohne, dass man ganz vergessen wird!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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