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Alle Macht den Vereinen!

© Bruce Shippee

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Dirk Nowitzki ist seit Jahren unumstrittener Führungsspieler der Dallas Mavericks und zentraler Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Texaner. Als hätte es noch eines Beweises seiner unumschränkten Vormachtstellung im Verein bedurft, stolpern die Mavericks aktuell, in einer Phase, in der Nowitzki verletzt zuschauen muss, ohne ihren Leader von Niederlage zu Niederlage. Hatten sie mit dem Deutschen noch eine Serie von 24 Siegen bei fünf Niederlagen hingelegt, hat das Team seit Nowitzkis Verletzung sieben Niederlagen in neun Spielen hinnehmen müssen.

In Dallas ist man sich der Bedeutung des “German Wunderkinds” sehr wohl bewusst. Deswegen legte man Nowitzki zu Saisonbeginn nicht nur einen vorzüglich dotierten Vertrag vor, sondern erweiterte diesen bereitwillig um eine so genannte “No-Trade-Klausel”. Damit ist es dem Verein untersagt, den Spieler gegen dessen Willen zu einem anderen Verein zu transferieren.

Führt man sich vor Augen, dass ein Spieler ohne Mitspracherecht von Miami nach Utah, von New York nach Portland oder von L.A. nach Milwaukee versetzt werden kann, dann lässt sich rasch ermessen, wie beliebt diese Klausel bei NBA-Spielern sein muss. Dennoch verfügt außer Nowitzki nur noch Superstar Kobe Bryant über ein entsprechendes Mitspracherecht. Denn die restriktiven Bestimmungen in der NBA sorgen dafür, dass die Ausnahme keine Regel wird. Die “No-Trade-Klausel” kann ausschließlich Spielern, die seit acht Jahren in der NBA und davon mindestens vier Jahre beim entsprechenden Verein spielen, im Vertrag festgeschrieben werden.

Mit anderen Worten: Alle Macht den Vereinen! Die Spieler verzichten mit ihrer Vertragsunterschrift auf ein Mitspracherecht im Transferschacher. Sie werden reich entlohnt, aber auch entmündigt. Für den europäischen Beobachter wirkt dieses System fremd, restriktiv, fast anachronistisch. Unvorstellbar, dass beispielsweise Manuel Neuer gegen seinen Willen zu Bayern München transferiert werden könnte. Dennoch liegt der Vorteil klar auf der Hand: Das Transfersystem der NBA stabilisiert die Liga und sichert dauerhaft die Existenz der Vereine.

Ganz anders das Transfersystem im europäischen Fußball: Wie die deutsche Bundesliga in den letzten Wochen schmerzhaft erfahren musste, weist das europäische System gewaltige Lücken auf, deren Ausmaße existenzbedrohend für die Vereine werden könnten. Drei Namen stehen für einen sich abzeichnenden Trend, der zwar nicht neu, dafür aber in seinen Auswirkungen nicht minder beängstigend ist: Jefferson Farfan, Demba Ba und Ruud van Nistelrooy.

Der Schalker Stürmer Jefferson Farfan machte in der Winterpause den Anfang. Mit einem Wechsel zu einem angeblich hochkarätigen, bis heute ungenannten Verein kokettierend, reiste er nur widerwillig und drei Tage zu spät ins Trainingslager der Schalker nach. Bis heute zeigt er sich offen wechselwillig und entschlossen, Gelsenkirchen lieber heute als morgen zu verlassen.

Seinem Beispiel folgend trieb Demba Ba die Arbeitsverweigerung fast bis auf die Spitze. Sich auf eine angebliche Zusage der Hoffenheimer Vereinsführung berufend, ließ der Stürmer über seinen Berater und die Presse verlauten, dass er in der Winterpause nach England wechseln und nicht mehr für die TSG Hoffenheim auflaufen werde. Unmissverständlich drohte er mit einem Streik, sollte sich sein derzeitiger Arbeitgeber einem Transfer verweigern. Schließlich gab die Vereinsführung, ohnehin gerade vom Sturm um den Rücktritt von Trainer Ralf Rangnick durchgeschüttelt, klein bei und segnete den Wechsel zu Stoke City ab. Immerhin gelang es den Kraichgauern, noch eine Ablösesumme von kolportierten 10 Millionen auszuhandeln.
Alle nimmt ein gutes Ende, hätte man auf Hoffenheimer Seite denken können, wäre da nicht vor wenigen Tagen die schlechte Nachricht ins Haus geflattert, dass der Senegalese bei der sportärtzlichen Untersuchung durchgefallen ist. Nun bleibt der Verein auf einem in Ungnade gefallenen Arbeitsverweigerer sitzen. Die Ablösesumme fällt in den Keller.

Der Dritte im Bunde, Ruud van Nistelrooy, gab am Samstag unmittelbar nach dem Spiel seines Hamburger SV gegen Schalke 04, in dem er den Siegtreffer erzielt hatte, unzählige Interviews, in denen er von Real Madrid, seinem ehemaligen Arbeitgeber, schwärmte. Denn die Madrilenen haben die Absicht, auch wieder der zukünftige Arbeitgeber des Holländers zu werden. “Van the Man” ließ keinen Zweifel daran, dass er für einen Wechsel nach Spanien sofort alles stehen und liegen ließe – doch noch zeigt sich die Hamburger Vereinsführung unnachgiebig.

Dies sind nur drei von inzwischen unzähligen Episoden eines Mehrteilers, der den Titel “Alle Macht den Spielern” tragen könnte. Ältere Folgen der Serie hatten Hauptdarsteller wie Khalid Boulahrouz, Raffael van der Vaart oder Heiko Herrlich.

© ElenaR

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Im Gegensatz zu den eingangs erwähnten NBA-Clubs stehen die Bundesligavereine den Marotten ihrer Spieler beinahe ohnmächtig gegenüber. Wie sollen sie das eigenmächtige Wechselgebaren ihrer Angestellten unterbinden? Eine fristlose Kündigung kommt nicht in Frage, hat doch der wechselwillige Spieler so erst recht freie Bahn, und der Konkurrenzverein spart sich auch noch die Ablösesumme.

Zwar sieht die FIFA in Fällen irregulärer Transfers eine Sperre des Spielers von sechs Monaten vor, die bei einem Spieler wie Van Nistelrooy aufgrund seines fortgeschrittenen Alters auch als Sanktion funktionieren mag. Doch lässt sich ein 23-jähriger Senkrechtstarter ernsthaft von einer läppischen halbjährigen Pause abschrecken?

Lässt ein Verein den Spieler nicht ziehen, dann tritt dieser womöglich in Streik. Zwar folgt in solchen Fällen der Hinweis auf die Spielerkarriere, die durch Abschiebung des Kickers in die zweite Mannschaft in Verbindun g mit einem Dauerplatz auf der Tribüne zwangsläufig steckenbleibt. Doch zeigen Fälle wie Albert Streit, dass nicht jeder Fußballer sein sportliches Fortkommen über einen dicken Gehaltsscheck stellt. Teuer wird ein offen ausgetragener Streit zwischen Spieler und Verein nur für letzteren. Der Club muss weiterhin ein monatliches Gehalt zahlen, ohne Gegenleistung zu erhalten und verliert durch den Wertverlust des Spielers womöglich horrende Summen an Ablöse. Der Spieler sitzt letztlich am längeren Hebel.

Wie bereits erwähnt gab es schon in früheren Jahren Spieler, die ihren Verein aufgrund eines beabsichtigten Wechsels massiv unter Druck setzten. Doch neu ist die Qualität der Abwerbeversuche und Verlockungen anderer Vereine. Schon lässt Real Madrid verlauten, man würde Herrn Van Nistelrooy zwar gerne verpflichten, gedenke aber keineswegs, eine Ablösesumme zu bezahlen.

“Es wäre ein Novum im Profi-Fußball, wenn ein Verein sagt: Schenkt uns mal euren Spieler!” (HSV-Vereinssprecher Jörn Wolf)

Der spanische Spitzenclub kann sich diesen dreisten Habitus durchaus erlauben. Ist der Spieler erst mit dem Wechselfieber infiziert, können sich die Vertreter des potentiell neuen Arbeitgebers in Ruhe zurücklehnen und dem hässlichen Schauspiel, das danach folgt, genüsslich zuschauen. Der Spieler erledigt für sie die Arbeit und drückt, ganz nebenbei, noch die eigene Ablösesumme.
Was wird uns in Zukunft erwarten? Schon jetzt ist es denkbar, dass ein Club heimlich Kontakt zu einem Spieler aufnimmt, ihn zur öffentlichen Arbeitsverweigerung anstachelt und ihm dafür einen Teil des gesparten Ablösegeldes als Handgeld garantiert. Oder dass ein Verein wie Stoke City den abzuwerbenden Spieler durch die sportmedizinische Untersuchung rasseln lässt, um ihn danach – auf eigenes Risiko – für nur die Hälfte der Ablösesumme zu verpflichten.

Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma?
Die Antwort fällt unbedfriedigend aus. Nicht wirklich.

Die Vereine müssen in Zukunft darauf achten, Verträge noch strenger leistungsbezogen zu konzipieren, als sie es ohnehin schon tun. Je mehr Geld ein Spieler durch selbstverschuldete Tatenlosigkeit verliert, umso abschreckender wirkt die Verbannung auf die Tribüne. Zudem sollte – sofern rechtlich umsetzbar – ein geradezu absurd hohe Vertragsstrafe bei Bruch des gültigen Kontraktes fällig werden. Zu guter Letzt sollte die FIFA ihrerseits die Sperre des Spielers auf mindestens zwei Jahre anheben.

Andernfalls steht gesamte System des europäischen Clubfußballs auf dem Spiel. Leidtragende sind immer die kleinen und finanziell bedürftigen Vereine. Ein großer Teil der wirtschaftlichen Existenz von Clubs wie Mainz, Freiburg, Nürnberg oder auch Bremen fußt darauf, Spieler auszubilden und sie mit Gewinn zu veräußern. Fußballer, die ihren Wechsel erzwingen wollen, unterhöhlen dieses konzeptionelle Fundament. Mehr noch: Will ein Verein wie Mainz strukturell die nächste Stufe auf der Erfolgsleiter erklimmen, sich sportlich weiterentwickeln und zentrale Schlüsselspieler halten, um dauerhaft Erfolge einzufahren, muss er sich erst recht auf gültige Verträge verlassen können.

Dirk Nowitzki wird hingegen in dieser Nacht bei der Partie Dallas gegen Detroit wieder zurück auf dem Parkett erwartet. Die Quoten für den Tipp auf einen Sieg der Mavericks sind daraufhin jäh in den Keller gesackt.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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