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Ein Lied für Koblenz

© Lothar Spurzem

© Lothar Spurzem

Am vergangenen Mittoch war ich nach längerer Zeit mal wieder im Stadion. Aber nicht im schönen Rhein-Energie Stadion in Köln (dort wäre es auch ziemlich einsam gewesen), sondern im unschönen Stadion auf dem Oberwerth in Koblenz. Mit mir waren 14.999 Zuschauer vor Ort, um das DFB-Pokal-Achtelfinale im Dauernieselregen und bei ziemlich frostigen Temperaturen zu verfolgen. Die Mehrheit wird wie ich begeistert die erste Hälfte, mit dem Führungstor der TuS und dem gehaltenen Elfmeter des Koblenzer Schlussmanns Dieter Paucken und mit Erschrecken die zweite Hälfte mit vier Treffern der Roten Teufel verfolgt haben.

Doch mehr als der Spielverlauf und das erwartbare Pokal-Aus hielt mich das Unterhaltungsprogramm rund um die Partie gefangen. Auf dem Oberwerth herrschen trotz kurzer Zweitligahistorie Bescheidenheit und provinzieller Mief Charme. Zwar klingt die Beschallungsmusik dank moderner Lautsprecher nicht mehr ganz so blechern wie in den Jahren zuvor, aber der Punk sitzt höchstens in der Koblenzer Fußgängerzone und schnorrt, geht aber nicht ab.

Ist aber auch gar nicht nötig…mir gefällt, dass man sein Bier nicht mit einer elektronischen Stadioncheckkarte bezahlen muss, dass die Überdachung mehr als spärlich ausfällt und dass ein Klowagen für dringende Bedürfnisse herhalten muss. Die Wurst schmeckt gut, und beinahe bedauere ich, dass inzwischen die großen Senfeimer an der Würstchenbude fehlen, deren Dosierungsvorrichtung einzig aus einem riesigen Schöpflöffel bestand, mit dem man in den Eimer hineinlangen musste, um seiner Wurst zwangsläufig einen gelben Ganzpellenanstrich zu verpassen. Heute drückt man auf handelsübliche Tuben herum.

Man braucht kein Marketinggenie zu sein, um die Provinz als Chance zu begreifen, mit der man die Identität des Vereins stärken und die “Rückständigkeit” als Markenzeichen etablieren könnte. So ließe sich eine charmante Nische finden, in der das eigene Profil die nötige Schärfung erhielte.
Doch was passiert stattdessen? Ich stehe im Nieselregen, warte auf den Spielbeginn und werde Zeuge, wie eine grauenhafte Version von “You’ll never walk alone” abgespielt wird, zu der die Zuschauer eher halbherzig ihre Schals in den Himmel halten und mitsingen. Das zeugt weder von Kreativität noch von Originalität. Ich bekam zwar Gänsehaut, aber das war ausschließlich dem Wetter und meiner schamdurchdrungenen Fröstelei geschuldet. Das Original bleibt eben unerreicht…

 

In Koblenz hat das nichts zu suchen – in anderern Stadien übrigens auch nicht!

Im Spiel folgte dann der nächste Versuch, die Drittklassigkeit des Vereins auch im Kreativbereich zu untermauern. Koblenz erzielt ein Tor, die Zuschauer flippen aus und was schallt mir aus den Lautsprechern entgegen? Song 2 von Blur. Man klaut also nicht nur die Idee eines anderen Vereins, sondern man klaut auch noch von St. Pauli, dem Aushängeschild kreativen Marketings.

Ein Blick ins Fan-Forum der TuS Koblenz zeigt wenig Überraschendes: Ich bin weder der Erste noch der Einzige, der die Liedauswahl kritisiert. Dort erfahre ich auch, was mir am Mittwoch mangels weiterer Tore verborgen blieb: Blur ertönt nur nach dem ersten Tor, danach gibt es eine rockige Version des “Kowelenzer Schängelche”, eine Art “Viva Colonia” für Koblenz. Gut so, aber warum diese Inkonsequenz? Im Forum wird scheinbar schon seit ein paar Jahren über die Thematik diskutiert, zu ändern scheint sich aber wenig. Stellvertretend sei User Torty zitiert:

Zum Torsong:
Erstes Tor für die TUS Song 2 jedes weitere Tor für die TUS der Refrain vom Schängelche Tanga Time Version.
Das ist das Ergebnis von vielen Diskussionen die hier und in anderen Foren schon geführt wurden. Und bisher hat sich auch keiner mehr beschwert. Also bitte jetzt nicht wieder eine Diskussion darüber.

Schlimm genug, dass man Potentiale unausgeschöpft lässt und Chancen nicht nutzt, zeugen diese Beispiele auch von einer unfassbaren Kreativitätsarmut. Die Alternativen im Forum sind allerdings auch kaum besser…mal wird der Torsong von Austria Wien vorgeschlagen, mal die Hymne der Dart-Spieler.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Zuschauer nicht irgendwann nach einem 0:0 sehnen…

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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