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Wandmalereien

© niocle

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Vielleicht sollte man als Betreiber eines Blogs, der sich mit Fußball im Allgemeinen und mit dem 1. FC Köln im Speziellen beschäftigt, häufiger all jene Blogs verfolgen, die sich mit Fußball im Allgemeinen und mit dem 1. FC Köln im Speziellen beschäftigen.

Dann wäre es mir nicht verborgen geblieben, dass die Debatte um die Fan-Initiative “FC reloaded” nicht nur schon seit Wochen im Gange ist und die Gemüter erhitzt, sondern sogar die Gründung einer Gegeninitiative hervorgerufen hat, die unter dem Namen “Die Rote Wand” firmiert. Da ich allerdings schon froh bin, dass mein eigenes bescheidenes Blögchen durch sporadische Beiträge gerade so am Existenzminimum vor sich hin lebt, bin ich umso dankbarer, wenn mir interessierte Leser wie Max alias GNetzer entsprechende Hinweise geben.

Daher will ich an dieser Stelle nicht nur der Ursprungsinitiative “FC reloaded” eine Plattform bieten, sondern auch der Gegenbewegung Alternativbewegung “Die Rote Wand” Gehör verschaffen. Gegründet von einem bunten Haufen FC-Fans, der sich interessanterweise von Stuttgart bis nach Berlin erstreckt, möchte “Die Rote Wand” ausdrücklich nicht als Gegenbewegung verstanden werden, was ihr aber leider nur selten gelingt. Denn zu deutlich wird der allgegenwärtige – in diesem Fall: ablehnende – Bezug auf “FC reloaded”.

Doch das ist ja auch nicht schlimm: Bewegung, Gegenbewegung, Revolution, Konterrevolution, Restauration, da blickt ja sowieso kein Mensch durch, und letztlich ist es ziemlich egal, wer irgendwann mal angefangen hat.

Welche Ziele verfolgt “Die Rote Wand”, welche Positionen vertritt sie?

“Zunächst einmal möchten wir, dass es dem FC gut geht. Dass er den Klassenerhalt schafft und möglichst lang in der ersten Liga spielt.” (Die Rote Wand)

Halt, halt, bevor hier ein falscher Eindruck entsteht: Dieser in seiner entwaffnenden Naivität wunderbar sympathische Wunsch ist nicht das einzige Ziel der Initative, zeigt aber das Herzblut, das die Initiatoren mit ihrem Verein verbindet. Weiteres Beispiel gefällig?

“Podolski wiederum wurde mit mehr Einfluss auf dem Platz ausgestattet, um als leuchtendes Vorbild voranzuschreiten und jedem Spieler jeden Tag die Bedeutung dieses wundervollen Vereins vor Augen zu halten.” (Die Rote Wand)

Man mag mir das mitschwingende Augenzwinkern verzeihen, doch war ich bei der Lektüre der Homepage überrascht, welch kraftvoller Pathos die Texte durchdringt, die sich manches Mal gar in zauberhafter Poesie verlieren:

“Daher wollen wir: Ruhe. Und wir wünschen uns, dass keine aktionistisch anmutenden Bestrebungen das zarte Pflänzchen, das rund um das Geißbockheim zu wachsen beginnt, stören. Bald ist Frühling und wer weiß: Vielleicht erfreut uns dieses Pflänzchen dann schon mit ihren ersten Blüten.” (Die Rote Wand)

Doch reißen wir uns vom Schreibstil los und widmen uns den Inhalten. Die Alternativbewegung unterstützt Wolfgang Overath und den Vorstand, spricht sich für eine Streitkultur ohne Aggressionen aus und möchte – der Name ist Programm – wie eine Wand hinter dem Verein stehen, um ihn im Abstiegskampf zu unterstützen. Dafür hat sie die Ruhe als Rezept entdeckt und möchte daher jegliche Aufregung im Umfeld, sei es durch Personal- oder Strukturdiskussionen, möglichst vermeiden.

Die Initiatoren werben um sichtbare Unterstützung: Jeder, der sich den Zielen der Aktion verbunden fühlt, wird dazu aufgerufen, mit einem Profilbild der Roten Wand auf der Facebook-Fanseite des FC zu posten. So soll dann eine große rote Wand entstehen, um den Verein zu unterstützen.

Eine schöne Idee. Mir gefällt das zurückhaltende Werben um Unterstützung und die visuelle Komponente des Supports. Die Aktion spricht mein Fan-Herz direkt an und wirkt dadurch deutlich sympathischer als die Initiative “FC reloaded”.

Doch genau das ist ja auch beabsichtigt. Während “Die Rote Wand” auf einer symbolischen Ebene funktioniert und Emotionen weckt, geht die Initiative “FC reloaded” bewusst programmatisch ins Detail und vertieft sich in Verwinkelungen innerhalb der Vereinssatzung. Da fällt es dem FC-Herzen schwer, sich zu erwärmen.

Der Verstand ist jedoch anderer Meinung. Wo “FC reloaded” konkrete Änderungsvorschläge unterbreitet und strukturelle Umwälzungen vorantreiben möchte, wird die Programmatik der Roten Wand von Allgemeinplätzen beherrscht. Unterstützung für den Verein, Ruhe für die Mannschaft, Klassenerhalt, Streitkultur ohne Aggression – Ziele, hinter denen sich so gut wie jeder versammeln kann, die aber ohne konkreten Ansatzpunkt bleiben.

© DancehallCaballero

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Fokussierter wird es, wenn das Programm von “FC reloaded” angesprochen und kritisiert wird. Von der Variante eines neuzuschaffenden Mitgliederbeirats halten die Initiatoren der Roten Wand nichts, da sie den Mitgliedern das nötige Know-How fürs Bundesligatagesgeschäft abspricht. Das kann man zwar nachvollziehen, ist als Gegenargument dennoch schwach.

Erstens darf man nicht nur vom schlimmsten Fall ausgehen, dass der Mitgliederbeirat von pöbelnden Saufnasen beherrscht würde, die keine Ahnung von nix haben, sondern muss auch den idealen Fall berücksichtigen, dass fähige Vertreter mit einer hohen sportlichen und betriebswirtschaftlichen Kompetenz den Verein durch ihr Engagement positiv voranbringen. Die Ausgangsmenge von 50.000 Mitgliedern mit einem Querschnitt durch die Bevölkerung macht wohl beide Fälle möglich.

Vielmehr sei jedoch zweitens darauf hingewiesen, dass dem Gremium nicht nur eine beratende, sondern hauptsächlich kontrollierende Funktion zukäme. Meiner Meinung nach spielt die Kompetenzfrage daher gar keine entscheidende Rolle – entscheidender ist hingegen, dass die Hauptakteure und Big Player im Verein ein weiteres Gremium vor sich wissen, dem sie verantwortlich sind, dem sie Rechenschaft über ihr Handeln ablegen müssen. Das wäre vor allem vor dem Hintergrund wichtig, da der Vereinsvorstand die Mitglieder des eigentlichen Kontrollgremiums, des Verwaltungsrates, selbst vorschlagen kann und umgekehrt. Je besser man sich kennt, je abhängiger man voneinander ist, umso nachsichtiger fällt kritische Kontrolle aus.

Mit anderen Worten: Je mehr unabhängige Gremien über Vorgänge wachen, umso höher ist die Hürde, Schindluder – und sei es ohne böse Absicht – im Namen des Vereins zu treiben.

Insgesamt macht die Initiative “Die Rote Wand” jedoch den Eindruck, als wäre sie gegenüber konstruktiven, strukturellen Veränderungsvorschlägen offen. Die Personalfrage hingegen wird von ihr ganz anders als von “FC reloaded” beantwortet: Der Vorstand um Wolfgang Overath müsse bleiben, vor allem jetzt, da unter Federführung von Claus Horstmann eine Arbeitsgruppe gegründet wurde, “die sich mit einer Optimierung der clubinternen Strukturen auseinandersetzt” und sich mit Volker Finke ein neuer Sportdirektor gefunden hat.

Wolfgang Overath wird als Präsident mit folgendem Argument gestützt:

Der 1. FC Köln ist, neben dem FC Bayern München, der einzige Verein in der Bundesliga, der eine echte Legende als Präsidenten hat. Die Strahlkraft eines Wolfgang Overath und seine Liebe zum FC sind nicht zu ersetzen! (Die Rote Wand)

Getränkt von Pathos, kann auch diese Argumentation ihre inhaltliche Schwäche nicht verbergen. Ist der Legendenstatus eines Präsidenten per se ein Erfolgsfaktor? Unterscheidet sich Uli Hoeneß nicht gerade dadurch von Wolfgang Overath, dass er den Verein Bayern München als Manager über Jahrzehnte maßgeblich zu jenem Spitzenverein aufbaute, der er heute ist? Beweist der derzeitige Tabellenstand nicht, dass die Modelle anderer Vereine, die auf eine Legende an der Vereinsspitze verzichten, erfolgreicher sind?

Ich möchte, entgegen der in diesem Text erkennbaren Tendenz,  die Initiative “FC reloaded” nicht verteidigen. Ich habe bereits hier erkennen lassen, dass mir das Ziel von “FC reloaded”, sich des Vorstands zu entledigen, sauer aufstößt, da so die inhaltliche Stoßrichtung verloren geht und die strukturelle Fortentwicklung nur als Vehikel für einen “Königsmord” gesehen wird.

Dennoch bin ich überrascht, wie geduldig sich viele Fans mit dem Vorstand zeigen. Ob das mit der vielzitierten Leidensfähigkeit der FC-Anhänger zu tun hat, kann hier nur vermutet werden. Doch die Bilanz der Vereinsverantwortlichen seit Amtsantritt kann kaum mit dem Adjektiv “erfolgreich” umschrieben werden. Trotzdem wird ihre Arbeit weiterhin unterstützt. Die Gründe dafür sind mir nicht ganz klar.

Mich überrascht die spürbare Angst vor Veränderung, die Furcht vor dem berühmten Schritt vom Regen in die Traufe und der Konservatisums, der nicht im politischen Sinne sondern im ursprünglichen Wortsinn darauf abzielt, zu bewahren, was man man hat. Vielleicht ist es die kölsche Angst vor dem Unbekannten: “Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet!”

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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