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Sie ließen sich in Durban den Abend nicht verdurban…

Vor mehr als einem Jahr saß ich in einer Fußballkneipe, das frisch gewaschene und mit zarter Lavendelnote duftende Deutschland-Trikot tragend, die schwarz-rot-goldene Blumenkette um den Hals, gestärkt von der zeitig verzehrten Currywurst mit Pommes, leicht angesäuselt vom als Nervennahrung in leicht erhöhter Frequenz konsumierten Bier, die Handflächen im durch eben erst geputzte Kneipenfenster einfallenden Sonnenschein vor Nässe irisierend, die Beine scheinbar losgelöst vom stoisch angespannten Oberkörper trippelnd und trappelnd, das Herz gallopierend, als sei es ein wildes Pferd in Camargue kurz vor der Domestizierung, die Ohren den Gesprächen meiner Freunde lauschend, deren Worte sich zwar Zutritt zum Gehörgang verschaffen, nicht aber Hammer, Meißel und Steigbügel auf dem Weg ins Bewusstsein  passieren können, die Augen abwechselnd von den Gesprächspartnern zum Bildschirm wechselnd, als wären sie Zuschauer eines rasanten Tennismatches, die Finger mal beherrscht auf der dunkelbraunen Holztischfläche liegend, mal selbstbestimmt einen an Free-Jazz erinnernden Rhythmus klopfend, den die Zähne im Mund aufnehmen und knirschend imitieren, nur unterbrochen von gelegentlichem Delektieren an der ohnhin längst zerfaserten Lippenepidermis, bis die Übertragung dann endlich beginnt, Trailer um Trailer ein abgehacktes Hohelied der Werbung singt, das sich in den nächsten Wochen zur götzenhaften Litanei auswachsen wird, mit der das goldene Kalb der Weltmeisterschaft sich meiner Anbetung versichert, dann kommen die Mannschaften so wohlgeordnet wie immer aus den Katakomben, betreten das Spielfeld scheinbar mechanisch und gelassen, doch erst in ihren vom Singen der Nationalhymne verformten Gesichtern lässt sich das innere Beben wahrnehmen, das gedankliche Umeinadertorkeln, Purzeln und Überschlagen, in jenem letzten Moment vor einem großen Ereignis, der uns ungestüm vorwärtstreibt, uns gleichzeitig aber verängstigt und zur Flucht rät, nur, um dann doch ein unnatürliches Stillhalten zu befehlen, Ruhe, Gelassenheit einzufordern, die uns in dieser Sekunde so schmerzhaft fern liegen, dann setzt der Schiedrichter den Ball auf den Punkt im Mittelkreis, pfeift, ich werde von einem abseitigen Impuls erfasst, der mich Klatschen lässt, die feuchten Handflächen erzeugen beim Aufeinandertreffen eine Art knallendes Schmatzen, ein letzter Übersprungsjauchzer, und was dann folgen sollte, können andere besser beschreiben…

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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