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Dr. Magath und Mr. Quälix

© Henry Van der Weyde

© Henry Van der Weyde


In Gelsenkirchen geht der Schrecken um: Nachts, wenn alle Fußballfans schlafen, dann verwandelt sich der bei Licht so verehrte Dr. Magath in den unheimlichen Mr. Quälix. Dann streift er durch die Schalker Fußballwelt und stiftet Chaos, Unruhe, Missmut und Ärger. Erst wenn die Sonne erwacht und sich schläfrig über den Horizont schiebt, dann kocht sich Mr. Quälix einen Tee, setzt sich an sein Schachbrett, verwandelt sich wieder in Dr. Magath und lächelt, als habe es Dortmund noch nie gegeben.

Ganz Gelsenkirchen ist verunsichert: Hat die Ämterteilung in Trainer und Manager bei Felix Magath zu einer Spaltung der Persönlichkeit geführt?

Auch die Fans wirken gespalten und geben kein eindeutiges Meinungsbild ab: „Gefällt mir nicht“, drohten an vergangenen Spieltagen die gesenkten Facebook-Daumen von den Zuchauerrängen. Am Mittwoch dann der öffentliche Umschwung: „Felix 04“-Plakate, Felix-Magath-Sprechchöre und die Zahl der Fans auf Facebook wächst schneller als der Bart von Jürgen Klopp.

Als Dr. Magath auf Schalke begann, wurde er als eine Art Heilsbringer empfangen. Felix mach uns den Trainer, mach uns den Manager, mach uns den Vorstand, mach was Du willst, und mach uns zum Meister. Dr. Magath kam immerhin mit der Empfehlung nach Schalke, junge Spieler wild zu machen, erfolgreiche Vereine mit Erfolg zu langweilen und graue Werksclubs zur Überraschungsmeisterschaft zu führen. Dr. Magath, übernehmen Sie!

Doch schnell offenbarte sich, was niemals ein Geheimnis war: Dr. Magath ist nicht nur ein guter Trainer und brillanter Fußballmanager(spieler), sondern auch Mr. Quälix – wie konnte dieses Bild, das ihn über Jahre in der Öffentlichkeit verfolgt hat, so schnell in Vergessenheit geraten? Mr. Quälix, gezeugt aus der Strenge eines Ernst Happels und der Verbohrtheit eines Branko Zebec, stur und verschlossen, einer, der zum Lachen vielleicht nicht in den Keller geht, aber mindestens in den Nebenraum, sollte plötzlich zum Alleinherrscher in Gelsenkirchen werden. Ein lebenslustiger Verein wie Schalke 04, der einst Sonnenkönig Eichberg und Zigarren-Rudi zu Füßen lag, der Charly Neumann als lebendes Maskottchen kultivierte, der sich mit kaum verhohlenem Stolz „Meister der Herzen“ nennt, sollte plötzlich von einem hanseatischen Unterfranken diszipliniert werden? Man hätte kein Psycho-Huntington sein müssen, um einen Clash of Characters vorherzusagen.

Auch die sportliche Bilanz trägt zwei Gesichter und erschwert den Aufbau einen homogenen Stimmungslage im Umfeld: die Mannschaft spielt zu erfolgreich, um sich als Fan herzhaft zu echauffieren, und sie spielt zu erfolglos, um sich von den Siegen blenden zu lassen. Man hat den Eindruck, als stehe Mr. Quälix im grauen Ligaalltag an der Seitenlinie, und Dr. Magath übernehme das Team in den Pokalwettbewerben.

Auch der Kader trägt die krakelige Schrift einer zwiegespaltenen Persönlichkeit: Dr. Magath schenkt der Fanseele Raúl, einen Weltfußballer, der nicht nur grandios kickt, sondern derart aufopferungsvoll malocht, dass das Kumpelherz im Dreieck springt. Dr. Magath erklärt den Volksheiligen Manuel Neuer für unverkäuflich und trotzt dem Bayern-Manchester-Establishment. Dr. Magath setzt auf junge Spieler wie Moritz, Höwedes, Draxler, die dem Dortmunder Kindergarten Paroli bieten können.

Doch kaum hat Mr. Quälix die Herrschaft übernommen, schon verbreitet er wieder Angst und Schrecken. Mr. Quälix verkauft verdiente Spieler, ohne mit der Wimper zu zucken. Gut, Kuranyi war für die Schalker Fans oft der Depp, aber es war ihr Depp. So weit muss Huntelaar erst mal kommen. Mr. Quälix bläht den Kader bis zur Unkenntlichkeit auf und kauft Söldner um Söldner, die dem Verein beim ersten Angebot aus England den Rücken kehren. Mr. Quälix kauft mit Karimi und Charisteas nicht nur sportliche Ladenhüter, sondern auch noch gesichtslose Verschiebemasse ohne fußballerische Perspektive.

Die wirtschaftlichen Bemühungen changieren ebenfalls zwischen Weiß und Schwarz, Tag und Nacht, Dr. Magath und Mr. Quälix: Angetreten mit dem Ziel, Kosten zu sparen und Bilanzüberschüsse zu erwirtschaften, weiß Dr. Magath mit Transfererlösen und nicht-bilanzierten Überschüssen aus sportlichen Wettbewerben zu beeindrucken. Doch kaum drängt sich Mr. Quälix in den Vordergrund, schon wirkt sein Geschäftsgebaren wie das eines einkaufssüchtigen Gemischtwarenhändlers. Neben horrenden Transfersummen für Huntelaar und Jurado mag der finanzielle Aufwand für Nebenrollenspieler wie Ali Karimi oder Angelos Charisteas zwar lächerlich gering erscheinen, doch ehrenamtlich werden die beiden nicht auf dem Trainingsplatz schwitzen. Inzwischen wird hinter vorgehaltener Hand schon spekuliert, ob Mr. Quälix nicht dabei sei, den Verein finanziell zu ruinieren.

Selbst wenn es anfangs sinnig erschien, Großverdiener mit geringem sportlichen und damit auch wirtschaftlichem Gewinnpotential wie Kuranyi, Bordon und Rafinha möglichst teuer zu veräußern und dafür Spieler zu erwerben, die eben beides besitzen: sportliches und wirtschaftliches Potential – sitzen die Spieler häufig auf der Bank oder sind dauerhaft außer Form, dann sind die schönsten Gewinnprognosen wie Stoffblumen in der Betriebskantine: sehen gut aus, stinken aber.

Selbst die Mannschaft bleibt von der unheimlichen Metamorphose der Dr. Magath nicht verschont. Erst steht der Doktor auf dem Trainingsplatz und trimmt die Spieler mit Medizinbällen und Bergläufen (zugegeben, für manchen Spieler mag der Eindruck vorherrschen, hier habe schon Mr. Quälix das Sagen gehabt). Wie alle Teams in Magaths Trainervita klagen die Spieler, erkennen im Laufe der Saison aber rasch, dass sie mit ihrer körperlichen Fitness anderen Teams überlegen sind. Dr. Magath gibt sich zwar wortkarg und launisch, besticht aber durch große Erfahrung und taktische Finesse.

Doch wie man der Sportpresse entnehmen kann, scheint mehr und mehr Mr. Quälix die Oberhand zu gewinnen. Ansprachen an die Spieler werden auf das Nötigste reduziert. Der große Kader verursacht Missmut und schlechte Laune. Spieler wie Karimi werden nur als Notnagel beschäftigt und leiden unter fehlender sportlicher Perspektive. Das schürt Unzufriedenheit und Unlust. Man gewinnt den Eindruck, dass Spieler wie Figuren auf dem Schachbrett verschoben und behandelt werden.

Wie lange Schalke die zwei Gesichter des Felix Magath noch erträgt, lässt sich aktuell nicht beantworten. Im Moment hat es den Anschein, als wäre spätestens im Sommer Schluss. Und auch wenn sich Wolfsburg, anders als Schalke, mitten im Abstiegskampf befindet, kann man sich dort nachts wenigstens noch auf die Straße trauen.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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