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Hauptsache Fußball – Der Film

© Bach, Jankowski, Vorländer

© Bach, Jankowski, Vorländer

Ein Schnippen, die Musik setzt ein, der Titel des Films schiebt sich auf den Bildschirm, und für die nächsten zweieinhalb Stunden versinkt man in den Tiefen der Fußballwelt, wie man sie bislang noch nicht kannte. Der Dokumentarfilm „Hauptsache Fußball“ von Andreas Bach, Marco Jankowski und Burkhard Vorländer schreibt sich auf die Fahnen (oder im konkreten Fall: aufs Cover) „junge Profis auf dem Weg ins Spiel zu beobachten“. Doch was dann folgt, ist viel mehr: ein buntes, vielfältiges, ungemein interessantes und faszinierendes Kaleidoskop der Fußballbranche.

So lernt man beispielsweise, dass Tobias Schweinsteiger über die gleiche Mimik wie sein berühmter Bruder verfügt, dass der Ex-Trainer der Dortmunder U19-Mannschaft so jung aussieht, als könne er fast noch selbst im eigenen Team auflaufen oder dass Hermann Gerland auf Whiskey mit Cola Light steht.

Der Film beginnt unvermittelt. Kommentare von einschlägig bekannten Fußballköpfen sind aneinandergereiht und sprechen über die Schönheit des Spiels und die Bedeutung des Fußballs. Michael Frontzeck, Jürgen Gelsdorf, der wunderbare Hermann Gerland, Klaus Augenthaler und viele andere kommen kurz zu Wort und stimmen den Zuschauer ein auf die Art, wie der Film seine Geschichte erzählt. Völlig ohne Stimme aus dem Off auskommend, gibt der Film seinen Protagonisten den größtmöglichen Raum und schafft dadurch eine fast private Nähe zum Zuschauer. Die Hauptdarsteller selbst erzählen ihre Geschichte und damit auch die Geschichte des Films.

Dann schnippt Reiner Calmund mit den Fingern und los geht die wilde Fahrt.

Hauptsache_DVDDer Film hat viele starke Momente. Obgleich er sehr aktuell ist und hauptsächlich in der zweiten Jahreshälfte 2010 gedreht wurde, hat ihn die Aktualität längst überholt. Doch das ist seiner Qualität nicht abträglich, sondern unterstreicht im Gegenteil die Schnelllebigkeit des Geschäfts und konterkariert teilweise die Aussagen der Hauptakteure. Wenn beispielsweise Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, davon spricht, dass er glücklich wäre, in fünf Jahren noch Sportdirektor zu sein, „dann wäre Michael Fontzeck aller Voraussicht nach noch Trainer, das Präsidium wäre das Gleiche, und dann haben wir erfolgreich gearbeitet“, dann weiß der Zuschauer mehr und freut sich darüber. Frontzeck ist längst entlassen und Gladbach steht vor dem Sturz in die Zweite Liga. Ähnliches gilt für die Lobeshymne auf Louis van Gaal, die aufgrund seines erst kürzlich erzwungenen Abschieds im nächsten Sommer einen unbeabsichtigten süffisant-ironischen Unterton gewinnt und dabei wie ein vorweggenommener Nachruf klingt.

Sehenswert ist auch die Art, wie der Film seine eigene Dramaturgie findet und Verbindungslinien knüpft. So endet beispielsweise eine kurze Episode über Bayer Leverkusen mit dem Hinweis, der Verein habe sich den Titel „Vizekusen“ schützen lassen. Der darauffolgende Schnitt führt uns dann prompt nach Unterhaching zu jenem Verein, der vor Jahren maßgeblichen Anteil daran hatte, dass Leverkusen die Meisterschaft verpasste. Wenn dann noch Klaus Augenthaler, aktueller Trainer von Unterhaching und ehemaliger Trainer von Leverkusen zu Wort kommt, dann freut sich der Fußballfreund auf dem heimischen Sofa über so viel kombinatorisches Geschick.

Der smarte Spielerberater Jörg Neblung personifiziert den roten Faden, der sich durch den Film schlängelt. Als Zuschauer begleitet man ihn bei seiner Arbeit, erlebt, wie er im Auftrag von Klienten Verhandlungen führt, wie er überehrgeizige Väter erträgt und wie er zahllose Kilometer auf Deutschlands Straßen zurücklegt. Daran anknüpfend entspannt sich ein engmaschiges Netz aus Geschichten über einzelne Vereine, über Jugendabteilungen, über Trainer, Spieler und Medienprofis. Alles interessant, alles faszinierend. Denn obwohl sich der Fußball in den Medien omnipräsent zeigt, erkennt man erst durch Filme wie „Hauptsache Fußball“, wie sehr sich die mediale Berichterstattung nur an der Oberfläche bewegt und wie wenig sie Einblicke in eine abgeschottete Branche gewährt. Wer diese tieferen Einblicke sucht, sollte sich den Film unbedingt anschauen.

© Bach, Jankowski, Vorländer

© Bach, Jankowski, Vorländr

Die wenigen schwachen Momente des Films fallen kaum ins Gewicht, gehören aber dennoch kurz erwähnt. Wenn man die fußballbegeisterte Familie des Regisseurs Andreas Bach begleitet, dann lässt sich zwar das hehre Vorhaben, auch der Perspektive des Fußballfans Raum zu geben, nachvollziehen. Dennoch sind diese Stellen beim zweiten Durchlauf gnadenlos der Vorspultaste meines DVD-Players zum Opfer gefallen. Philipp Köster und Dirk Völler von „11 Freunde“, die eine Art moderner Neuinterpretation von Waldorf und Statler liefern, wirken hingegen bloß albern und nerven. Vielleicht hätte man die beiden besser durch kurze Nachrichtenflashs ersetzt, die den Zuschauer auch in ein paar Jahren noch verlässlich über den Verlauf der aktuellen Saison informieren und somit manche Aussage der Beteiligten auch in Zukunft noch verständlich machen.

Mehr – das sei an dieser Stelle noch einmal dick unterstrichen – gibt es an „Hauptsache Fußball“ nicht zu kritisieren. Den Filmemachern ist ein wunderbar abwechslungsreicher und informativer Film gelungen, der Fußballfans fasziniert und alle anderen einfach gut unterhält. Die DVD überzeugt zudem durch ihr Bonusmaterial. Vor allem der wunderbare Hermann Gerland kommt in „Herrman Gerland Unplugged“ ausführlich zu Wort, und das ist auch gut so! Denn mit seiner liebevoll kauzigen Schroffheit, seinem Ruhrpottslang und seiner authentischen Art gewinnen die ohnehin schon eindringlichen Geschichten eine packende Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. So ist das Bedauern groß, dass das Fußballbusiness von medial bestens geschulten und aalglatten Austauschköpfen beherrscht wird, während echte Originale wie Gerland lieber im Schatten als im Fokus stehen. Lassen wir also zum Schluss den heimlichen Star des Films selbst zu Wort kommen:

“Mal kommen Sie, mal kommt ein anderer, wollen immer was Schlaues wissen, und ich kann nur was Einfaches sagen!” (Hermann Gerland, in “Hermann Gerland unplugged”)

 

Mehr Infos unter:

www.hauptsachefussball-film.de

Hauptsache Fußball bei Facebook

Filmvertrieb realficiton

 

Trailer zu “Hauptsache Fußball”

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