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Heute war alles besser – Telekolleg Fußball, LitCologne 2011

Liebe Fußballfreunde und Fans der gepflegten Talkunterhaltung, ich begrüße Sie zu Hause an den Bildschirmen, und heiße Sie herzlich willkommen im ausverkauften Tanzbrunnen zu Köln. Wir schreiben den 20. März, und uns erwartet ein hoffentlich denkwürdiges Spiel, eine heiße Partie um Argumente und Anekdoten, ein Kampf mit Aussagen und Aussetzern. Die LitCologne 2011 hat zum „Telekolleg Fußball“ geladen. Doch genug der Vorrede, werfen wir einen Blick auf die Aufstellung.

Die Talkmannschaft läuft im modernen 4-2-1-System auf. Die Viererkette bilden Jürgen Buschmann und sein junger Kollege von der Sporthochschule Köln in der Innenverteidigung sowie Philipp Köster und Christoph Biermann vom Magazin „11 Freunde“ auf den Flügeln. Auf der defensiven Mittelfeldposition sehen wir Urs Siegenthaler, davor Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht als klassischen Zehner. Überraschend hat heute Volker Finke eine Chance im Sturmzentrum erhalten, wir dürfen also gespannt sein.

Ja, und da kommt die Mannschaft schon aufs Feld, angeführt von den Kapitänen Köster und Biermann. Anpfiff, das Spiel beginnt, der Wortball rollt. Jetzt erst einmal ins Spiel finden, vorsichtiges Abtasten, aber was ist das? Tumult schon in den Anfangsminuten. Die Eingangstatements verpuffen ohne Wirkung, Volker Finke setzt zum verbalen Schuss an, verhaspelt sich und kickt den Ball ins Aus. Die Spieler wirken nervös. Das kann ja heiter werden. Köster und Biermann versuchen, Ruhe auszustrahlen.

Jetzt schieben sie sich die Einführungsworte zu, quer gespielt, immer wieder quer. Man will heute Abend analysieren, wie sich der Fußball in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Damals Altherren-Standfußball, heute Boygroup-Hochgeschwindigkeitskick? Die Zuschauer klatschen verhalten – wir wollen Torraumszenen sehen.

Aha, jetzt schnappt sich Gumbrecht das Leder, täuscht links an und zieht ab – eine Anekdote wie ein Strich: Sein Arbeitsvertrag an der Universität von Manchester erlaubt ihm nach § 4, die Verteilung seiner Unterrichtsstunden an den Spielplänen der beiden Manchester Clubs United und City auszurichten. Tor! Jubel! Der frühe Treffer wird der Begegnung gut tun.

Und schon geht es wieder nach vorne, diesmal ein Pass auf Stürmer Finke. Er nimmt den Ball mit der Brust an, dann der argumentative Dropkick:
Finke hält die Änderung der Rückpassregel zum Torwart für den entscheidenden Knackpunkt in der Entwicklung und Beschleunigung des Fußballspiels. Erst das Fehlen der Möglichkeit, als letzter Mann den Ball in die Hand zu nehmen und damit das Spieltempo zu verschleppen, macht ein aggressives Pressing gegen die ballbesitzende Mannschaft sinnvoll und notwendig. Das führt wiederum zu dauerhaften Drucksituationen für die Spieler auf dem Feld, denen sie nur mit erhöhter Handlungsschnelligkeit erfolgreich begegnen können. Gleichzeitig ersetzt das stete kollektive Pressen ein Abschirmen einzelner Spieler und damit auch einzelner Positionen, so dass die Grenzen zwischen 10er, 8er, der defensiven 6 oder der hängenden 9 längst fließend sind. Treffer! Tor! 2:0!

© LitCologne

© LitCologne

Wo bleibt Siegenthaler, wo die Kölner Sportwissenschaftler? Der Schweizer grätscht sich zurück ins Talkgeschehen und tunnelt den Gegner mit faszinierenden Insiderinformationen: Zwei Drittel der deutschen Tore bei der WM 2010 waren laut Siegenthaler – bis auf die winzige Abweichung von +/- 20 Zentimetern – jeweils eine passgenaue Kopie von zuvor im Training einstudierten Kombinationen.

Das Publikum applaudiert. STEEEHT AUF, WENN IHR ZUHÖRER SEID!!

Der Ball rollt durchs Mittelfeld, ein Pass von Gumbrecht auf Siegenthaler, Siegenthaler dribbelt, „auch ein Lukas Podolski muss sich im Spiel den Trainern beugen“, wieder zurück zu Gumbrecht, der täuscht an, umkurvt den Torhüter und verwandelt sicher: „Lukas Podolski ist für mich auch deswegen ein genialer Spieler, weil er sich NICHT jedem Trainer beugt!“.

Die Anfangsoffensive verebbt nun ein wenig, die Mannschaft kontrolliert das Geschehen: per Laptop werden jetzt Spielanalysen und Matchszenen an die Wand zu projiziert. Köster und Biermann wollen die schnelle Entscheidung.

Angeführt von Flügelflitzer Köster sehen wir jetzt einen ersten Vorstoß der SpoHo-Innenverteidigung: „An dieser Grafik erkennt man, dass das Spiel in den vergangenen 30 Jahren immer schneller geworden ist – das überrascht jetzt niemanden!“ Das stimmt. Ein Schuss in Richtung Eckfahne.

Doch jetzt kämpfen sie sich ins Spiel zurück: „An dieser Grafik ist zu erkennen, dass Magaths Auswechslung im Finale der WM ´86 nicht nur gerechtfertigt, sondern überfällig war!“ Guter Versuch, weiter geht’s, nächste Folie.

Doch halt, Foul, was macht Biermann denn da? Nötigt Gumbrecht zum Vorlesen aus dessen Buch „Lob des Sports“. Hier verschleppt einer das Tempo, Schiriiii, zeig mal die gelbe Karte. Gumbrecht grätscht, will nicht vorlesen, aber keine Chance, der Biermann zieht ja am Trikot.

Schon sind wir mittendrin in einer Diskussion über die Ästhetik des Spiels. Früher war alles langsamer. Hatten wir schon. Trainer, wechsel den Biermann aus. Jetzt schnappt sich Gumbrecht den Rede-Ball und hält einfach mal drauf: „Ich bin so alt und so übergewichtig, dass ich sage, es muss nicht immer so schnell sein.“ Da scheppert der Pfosten.

Endlich tritt auch Siegenthaler wieder in Erscheinung. Er löst sich geschickt aus der Deckung und spielt Anekdote, Insider, eins, zwei, drei:
„Zu seiner Zeit als Chelsea-Coach spielte José Mourinho im Pokal gegen einen Drittligisten. Nach dem verdienten Sieg seines Teams ging er in die Kabine des Gegners und begrüßte dort, zur Überraschung aller Anwesenden, jeden Spieler mit seinem vollen Namen. Als der Coach des Gegners verdutzt nachfragte, woher Mourinho denn seine Spieler kenne, zückte dieser ein 84-seitiges Heft aus der Manteltasche und reichte es ihm: ‚Das ist ihre Mannschaft, hier steht alles drin. Ich schenke es Ihnen!‘

Jetzt auch noch mal eine Chance fürs kölsche SpoHo-Duo. Wir sehen Analysen zu Torraumszenen, Torabschlüssen, alles wenig spektakulär. Das ist zu harmlos für einen Treffer. Jetzt ein Vergleich der taktischen Formation der deutschen Nationalelf bei der WM 1958 und 2010. Damals ein ungeordneter Klumpen, heute ein wie an Fäden aufgereihtes, wohlgeordnetes 4-2-3-1-Stillleben. Schon besser, interessant. Was kommt jetzt? Nähern wir uns nun den Geheimnissen des Fußballs? Welche taktischen Systeme sind erfolgreich? Was war gestern, was kommt morgen? Wohin entwickelt sich der Fußball?

Aber nein, haaalt, der Biermann steht im Abseits und keiner pfeift. Wieder muss Gumbrecht lesen, wieder verstricken sich die Spieler in Diskussionen über die Schönheit des Fußballs. Das nennt man dann wohl „Ergebnisverwaltung“. Hier tut sich nix mehr. Keiner, der noch Torgefahr ausstrahlt. Und da ist auch schon der Abpfiff. Applaus von den Zuschauerrängen, mehr höflich als euphorisch!

Damit verabschieden wir uns aus Köln. Wir wurden Zeugen einer guten Talkpartie, phasenweise leider etwas zäh, nur selten hochklassig. Während die Flügelzange Köstner/Biermann ungewohnte Schwächen offenbarte und die Kölner Sportwissenschaftler blass blieben, wusste Siegenthaler mit seiner Anekdotensicherheit und Finke durch seine argumentative Torgefahr zu überzeugen. Die Glanzlichter jedoch setzte einzig der beste Mann auf dem Platz:

H – U – GUM – BRECHT – TALK – GAST – GOTT!!!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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