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Monsters of Rock

© sto.E

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Vor nicht allzu langer Zeit erlebte das aktuelle Sportstudio im ZDF einen ungewöhnlichen Auftritt: Die drei eingeladenen jungen Fußballer Lewis Holtby, Adam Szalai und André Schürrle von Mainz 05 betraten nicht wie üblich nach einer kurzen Vorstellung unter dem Applaus des Publikums das Studio, sondern warteten, bis sich das Tor zur Kulisse vollständig geöffnet hatte. Mit einer grellen Lasershow und lauter Rockmusik vom Band untermalt, sah man sie dort mit Schlagzeug, Gitarre und Mikrofon hantieren, die Kopie einer Rockband zum Besten gebend.

Dem kundigen Zuschauer im Studio und auf dem heimischen Sofa dürfte rasch klar gewesen sein, dass diese Inszenierung auf den ungewöhnlichen Torjubel der Drei bei Mainzer Toren anspielte. Doch auch weniger fußballaffine Betrachter werden sich kaum gewundert haben. Denn längst gelten Fußballer von heute als Popstars mit Glamourfaktor. Sie lächeln uns von den Bravo- und Popcorn-Titelblättern entgegen, werden von kreischenden Groupies belagert und lassen sich – wie im Fall der beschriebenen Jungkicker von Mainz 05 – auch gerne mal als Boygroup bezeichnen. Wenn die deutsche Nationalmannschaft auf der Berliner Partymeile zum Tanz bittet, dann lässt eine halbe Millionen Menschen die Hüften kreisen. Auf den Rängen im Fußballstadion findet man längst nicht mehr nur die biertrinkende Schnauzbartfraktion, sondern auch Teeniemädchen mit Lipgloss und Kajal. Fußball ist Event, manchmal gar mehr als sportlicher Wettbewerb.

Das muss man nicht zwangsläufig bedauern – doch die Auswüchse der Eventisierung des Fußballs konnte man zuletzt beim EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Kasachstan beobachten. Nach einer guten ersten Halbzeit, nach einigen Chancen und drei Toren gegen einen zwar unterklassigen, doch tapfer mauernden Gegner, folgte eine zweite Halbzeit, die wenig Erbauliches bot. Auch ein Tor kurz vor Schluss konnte die Zuschauer in Kaiserslautern nicht versöhnen, so dass sich nicht erst nach Ende des 4:0-Sieges ein Pfeifkonzert über den Platz ergoss. Vor allem Bastian Schweinsteiger, der Mann mit den meisten Ballkontakten im Spiel, musste sich bei seiner Auswechslung mit dem Unmut des Publikums auseinandersetzen.

Kaum verwunderlich, dass das Verhalten der Zuschauer in der Nachbetrachtung viel Kritik erntete. Wer bei einem klaren Sieg pfeift, den fleißigsten Spieler auf dem Platz ausbuht, der ist verwöhnt, leidet unter Größenwahn und hat den Bezug zur Realität verloren.

Das ließe sich so unterschreiben, bliebe da nicht die wichtige Frage unbeantwortet, warum sich die Zuschauer in realitätsfernem Anspruchdenken verlieren.

Meine Antwort: In der Außenwahrnehmung verschwimmt inzwischen die Grenze zwischen Kunst und Sport. Die Zuschauer sind kaum mehr in der Lage, zwischen einem Konzertbesuch und einem Fußballspiel zu unterscheiden. Natürlich nimmt niemand seinen Platz im Stadion ein, reibt sich die Augen und fragt sich, wann Tim Wiese endlich die E-Gitarre auspackt. Und doch scheint das Fußball-Publikum mehr und mehr Probleme zu haben, angemessene Maßstäbe zu setzen.

Eine Musikband steht während einer laufenden Tour Abend für Abend auf der Bühne, spielt die immergleichen Lieder, bekommt womöglich wenig Schlaf und hat dennoch nur das eine Ziel: Das Publikum zu unterhalten. Der Liveauftritt ist neben dem Tonträger die zweite existentielle Säule für freischaffende Musiker. Nicht selten wird der Erfolg eines Gigs oder einer Tour über Zuschauerzahlen definiert. Mehr noch: Die Zuschauer sind für ein Livekonzert ein definitorisches Muss – ohne aufmerksame Ohren mag die musikalische Darbietung noch so ambitioniert sein, ein Live-Auftritt ist sie erst ab dem ersten Zuschauer.

Im Fußball ist das grundsätzlich anders. Ein Fußballspiel braucht keine Zuschauer. Auch ohne Fans, ohne gefüllte Ränge im Stadion findet das Spiel statt, balgen sich Spieler um den Ball und kämpfen ums entscheidende Tor. Das Ziel einer Fußballmannschaft ist einzig der Gewinn der laufenden Partie, nie aber die Unterhaltung der Zuschauer. Das Publikum ist weder maßgeblich, noch direkt involviert, ist nur Randerscheinung, aber nicht Teil des Ganzen.

Problematisch wird es dann, wenn den Zuschauern aber genau das suggeriert wird. Der vielbeschworene zwölfte Mann setzt angeblich viele Kräfte bei der eigenen Mannschaft frei. Der Fan ist sich seiner Macht längst bewusst. Immer häufiger äußert sich sein Unmut in Protestaktionen wie kollektivem Schweigen oder dem demonstrativen Rückenzukehren zum Geschehen auf dem Rasen.

Die Inszenierung des Fußballs als Event, aus marketingstrategischen und finanziellen Aspekten von den Verantwortlichen angefeuert, hat den Zuschauer längst vom Beobachter an der Peripherie zum Mittelpunkt werden lassen. Hier bin ich, unterhaltet mich, scheint er den Kickern zuzurufen, dabei vergessend, dass der Auftrag der 22 Spieler ein ganz anderer ist – das Spiel zu gewinnen.
Die Spieler selbst beschweren sich über die irrige Erwartungshaltung, ohne sich ihrer eigenen Fremdinszenierung zu erwehren. Sie gefallen sich in eitler Pose, gockeln wie Popstars gestylt durch die Medienlandschaft und lassen sich zu Animateuren auf dem Traumschiff „Bundesliga“ vermarkten.

Aussagen wie die des Bundestrainers, er habe die Mannschaft angewiesen, nicht nur drei Qualifikationspunkte zu erobern, sondern für ein Spektakel zu sorgen, verstärken die Bringschuld der Fußballer. Der Zuschauer, von so viel Aufmerksamkeit ganz trunken, pfeift sich daraufhin die Seele aus dem Leib, wenn das Spektakel in einer ergebnisorientierten und nüchternen Darbietung mündet.

Die Pfiffe vom Wochenende mögen übertrieben und unangemessen gewesen sein, doch so lange Spieler als Rockstars im Sportstudio auftreten, muss man sich nicht wundern, wenn die Geister, die man rief, laut buhen.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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