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Wenn Ihr absteigt, lachen wir uns tot!

Der Kölner hat viele überlieferte Charaktereigenschaften. Er ist offen, herzlich und redselig, mitunter faul, manchmal gutgläubig bis naiv, fast immer gemütlich, er feiert gern und liebt seinen FC. Eine masochistische Neigung gehörte bislang jedenfalls nicht zu seinen bekannten Eigenschaften.

Lässt man jedoch die letzten Wochen beim 1. FC Köln Revue passieren, analysiert man den tabellarischen Niedergang und die chaotischen Auswüchse, dann könnte der Außenstehende leicht den Eindruck gewinnen, als hätte sich ein Verein, eine Stadt, ja eine ganze Region absichtlich und mit aller Konsequenz das Ziel gesetzt, bis zur letzten Sekunde der Saison gegen den Abstieg spielen zu wollen.

Wir blicken zurück und analysieren die Fehler, die seit dem 28. Spieltag begangen wurden. Am Ende jenes Spieltages hatte Köln nicht nur gerade Nürnberg mit 1:0 geschlagen, sondern auch mit dem siebten Heimsieg in Folge die zweitlängste Siegesserie der Vereinsgeschichte aufgestellt. Der FC war nicht nur auf Tabellenrang 11 (in Worten: elf) geklettert, sondern hatte sich auch ein beruhigendes Sieben-Punkte-Polster auf Platz 16 verschafft.

Was danach folgen sollte, lässt sich mit Zahlen besser ausdrücken als in Worte fassen. 0 Punkte in 3 Spielen, 3 Tore bei 12 Gegentoren, ein aufgeschobener Trainerrücktritt, ein sofortiger Trainerrücktritt, ein intriganter Sportdirektor, Hunderte aufgebrachter Fans, ein idiotischer Spruch am Trainingsgelände, unzählige neue Krisenherde und möglicherweise ein weiterer Bundesligaabstieg.

Welche Fehler wurden gemacht?

Die Mannschaft oder wir können uns nur selbst schlagen – immer und immer wieder

Schon nach dem 4:0-Heimsieg gegen Hannover 96 machte die Mannschaft den größten Fehler, den man im Fußball begehen kann: Sie überschätzte die eigenen Fähigkeiten. Bis zu jenem vorletzten Heimsieg hatte das Team von Schaefer noch mit dem Rücken zur Wand gestanden, hatte gekämpft, mit Vehemenz verteidigt, wichtige Tore gemacht, um dann aus einer sicheren Führung heraus die eigene spielerische Klasse zu zeigen. In der Folge versuchte sie nur noch Letzteres, ohne sich daran zu erinnern, dass vor dem Hackenpass, vor dem Schlenzertor, vor der Ballstaffette der Zweikampf steht, der Sprint ohne Ball, das schmerzhafte Tackling und das aufzehrende Anrennen. Was folgte war ein 6:2-Debakel gegen den HSV, ein ungerechtfertigter und vom Schiedsrichter geschenkter Heimsieg gegen Nürnberg und drei glasklare Niederlagen gegen Gladbach, Stuttgart und Wolfsburg.

Die Mannschaft täuschte sich selbst. Die fast unheimliche Heimstärke befeuerte die eigene Arroganz. Dabei vergaß sie, dass am Anfang des 4:0-Sieges in Hannover eine erste Halbzeit gestanden hatte, in der man den Niedersachsen heillos unterlegen gewesen war. Dass sie den letzten Heimsieg gegen Nürnberg dem Schiedsrichter zu verdanken hatte. Dass FC-Heimsiege nicht gesetzlich verankert sind. Auswärtsniederlagen genausowenig.

Spätestens nach der Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart wich die Arroganz einer lähmenden Unsicherheit.

Doch auch der überall und zu recht gepriesene Frank Schaefer machte Fehler. Dabei kannte er den wankelmütigen und divenhaften Charakter seiner Mannschaft nur zu genau. Kurz nach Amtsübernahme hatte er verdienten Spielern mit der Bank gedroht, und so Gockeln wie Lanig und Novakovic wieder Beine gemacht. Er hätte früh ein Zeichen setzen müssen. Mal junge Spieler wie Yabo oder Yalcin einsetzen, dafür die Platzhirsche auf die Bank, um sie wieder zu Höchstleistungen anzutreiben. Stattdessen stand Yabo erst gegen Wolfsburg in der Startelf und war ob der Bedeutung dieser Partie heillos überfordert.

Die Medien oder wie bastelt man sich eine Schlagzeile

Die nervöse Medienlandschaft in Köln ist bekannt. Doch dass sie derart viel Unruhe verbreiten kann, wie in der laufenden Saison, überrascht dann doch. Anstatt sich gemeinsam mit dem Verein und den Fans über den zweitlängsten Heimsiegrekord der Vereinsgeschichte zu freuen, übten der Kölner Stadtanzeiger und der Express massiven öffentlichen Druck auf die Vereinsverantwortlichen aus, die offene Trainerfrage endlich zu lösen. Dabei waren die Absprachen der Entscheidungsträger klar. Doch nach dem 28. Spieltag verging kein Tag, an dem nicht der von Schaefer unterschriebene Vertrag gefordert wurde. Das brachte Steine ins Rollen. Erst kleine Kiesel, die sich dann zu einer Lawine verdichteten.

Der Vorstand oder die drei Affen, die nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Dabei hätte man die Lawine von Vereinsseite abfangen können. Ein starker Präsident hätte ein offenes Interview gegeben, hätte sich ganz klar zum Trainer bekannt und die Diskussion beendet. Vertrag hin oder her. Doch Overath zog es mal wieder vor, schweigend der Dinge zu harren und mitanzuehen, wie die Lawine langsam aber sicher an Fahrt aufnimmt.

Das Bekenntnis zu Schaefer kam zu spät, zu zögerlich, zu leise. Stattdessen wurde mit Finke der neue starke Mann an die Front geschickt, der nichts Besseres zu tun hatte, als dem Trainer den Dolch in den Rücken zu stoßen. Finke spielte öffentlich auf Schaefers Gläubigkeit an und gab der Lawine dadurch einen gewaltigen Schub.

Noch immer liegen Finkes Beweggründe im Verborgenen. Doch entweder war er selbst nach 16 Dienstjahren beim SC Freiburg zu naiv und zu dämlich, um die Tragweite seiner Äußerung einschätzen zu können, oder er demontierte Schaefer mit voller Absicht. In beiden Fällen – und das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden – ist er für den Posten des Sportdirektors beim FC absolut ungeeignet.

Doch auch in dieser Situation hätte ein starker Präsident sich noch schützend vor den Trainer stellen können. Aber Overath schwieg. Ließ gewähren. Ließ erst treten, dann zurücktreten. Jetzt liegt sein eigenes Vereinsschicksal in Finkes Händen.

Das Umfeld oder heute hü, morgen hott

Kann man Fans kritisieren? Für ihre Euphorie, für ihren Enthusiasmus, für ihre Leidenschaft? Ja, man kann, man muss sogar. In Köln ist das Umfeld traditionell hysterisch wie die Millionärsgattin nach der Sperrung der Kreditkarte. Nach dem siebten Heimsieg in Folge wanderten die Blicke einiger Fans nicht mehr in den Tabellenkeller, sondern schielten heimlich auf Platz fünf. So ist das in Köln: Drei Siege in Folge, und man träumt von der Championsleague. Das gilt selbstverständlich nicht für alle Fans und Supporter. Doch es zeigt, dass Geduld in Köln keine populäre Tugend ist. Denn die Hysterie im Erfolgsfall gilt auch im umgekehrten Fall.

Nach sieben Heimsiegen in Folge macht die Mannschaft am 30. Spieltag  gegen Stuttgart nach langer Zeit mal wieder ein grausames Spiel im eigenen Stadion. Die Reaktion der Fans? Stille, Pfiffe, Buhrufe. Vor wenigen Tagen schmieren einige Idioten den Spruch “Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot!” auf eine Plakatwand in der Nähe des Trainigsgeländes. Diesmal kommt die Reaktion der Fans prompt und äußerst positiv – sie übermalen das Geschmiere eigenhändig. Und trotzdem zeigen diese beiden Begenbenheiten, dass das Umfeld in Köln ein geräuschloses vereinsinternes Arbeiten nicht gerade erleichtert.

Das Fazit oder der Blick in die Rumkugel

Mach et, Volker? Schleich Dich, Finke? Momentan sind sämtliche Szenarien denkbar.

Eine Auswahl gefällig?

Die Mannschaft verliert die drei restlichen Spiele und steigt ab. Finke & Vorstand treten zurück, und Poldi wechselt nach Bremen.

Köln steigt ab, Gladbach rettet sich, Leverkusen wird Deutscher Meister – die Selbstmordrate in Köln springt auf ein historisches Hoch.

Der FC gewinnt unter Volker Finke alle seine restlichen Partien und geht mit dem ehemaligen Studienrat als Trainer in die neue Saison.

Sollte eines dieser skizzierten Szenarien wirklich eintreten, dann wird das Adjektiv “masochistisch” zukünftig zum festen Inventar für die Charakterisierung des gemeinen Kölners gehören.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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