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“Sind Sie immer so cremig wie eine Creme…”

Trainieren, essen, schlafen, spielen, Geld zählen – das Fußballerleben könnte so schön, so entspannt, so geordnet sein, gäbe es da nicht die allgegenwärtigen Journalisten und Fragensteller, die einen schier um den Verstand bringen. Mal langweilen sie mit Standardfragen, mal nerven sie mit kritischer Berichterstattung, und manchmal haben sie selbst keine Ahnung, was sie eigentlich wissen wollen. Das soll einer verstehen…

In seltenen Fällen trifft man als Fußballschaffender aber auch auf jene Vertreter der informierenden Zunft, die sich abseits vom Mainstream mit andersartigen Fragen profilieren wollen, um den Menschen hinter dem Fußballer zu entdecken, um eine andere Seite zu beleuchten, um ein Interview mit Tiefgang zu führen.

So geschehen in der Tageszeitung “Die Welt”, die seit jeher nicht mit Qualitätsjournalismus erster Güte zu glänzen wusste. Doch was sie uns in ihrer aktuellen Online-Ausgabe zumutet, ist dann doch des Guten zu viel. Dagmar von Taube hat sich mit Joachim Löw getroffen und sich vorgenommen, sämtliche Geheimnisse, die den Bundestrainer umgeben, mit einem Schlag zu lösen. Nein, nein, hier geht es nicht um Antworten auf Fragen wie “Wird Michael Ballack ein Comeback in der Nationalelf feiern?” oder “Würden sie heute gegen Spanien eine andere Taktik wählen?”. Das wäre geradezu banal.

Dagmar von Taube stellt die wirklich brennenden Fragen:

“Also, tragen Sie Toupet?”
“Wie schmeckt die Luft bei Löws – nach Leder?”
“Herr Löw, warum sind Sie so ein moderner Mann?”

Wer hätte gedacht, dass die sinnentleerten Spielerinterviews nach einer Fußballpartie, die von scheinbar seelenlosen Robotern nach Schema F geführt werden, mehr inhaltliche Substanz bieten als die hier vorgelegte Aneinanderreihung von Banalitäten?!

Nicht, dass man mich falsch versteht – das oberflächliche Gesülze ist nicht deshalb unzumutbar, weil der Bezug zum Fußball fehlt. Vielmehr schafft es die Reporterin, dass man sich beim Lesen des Interviews in höchstem Grade fremdbeschämt abwendet, geradezu betroffen von ihren abgeschmackten Anzüglichkeiten und schmalzigen Anspielungen. Beispiele gefällig?

Löw: Aber unser Beruf bringt natürlich mit sich, dass wir uns intensiver mit Körperpflege beschäftigen müssen als andere. Wir schwitzen einfach mehr.
Welt Online: Es hat ja auch etwas Schönes, sich mit seinem Körper zu beschäftigen.

Welt Online: Sie sind der erste Bundestrainer, dessen Gesicht wirklich jeder vor Augen hat. Ein Mann, dem man gar nicht unbedingt sofort ansieht, was er von Beruf ist. Sie könnten Model sein, Josef Ackermanns jüngerer Bruder, Gymnasiallehrer. Sie sehen einfach seriös und verdammt gut aus.

Welt Online: Wenn ich darf, Herr Löw, greif ich Ihnen gern mal ins Haar: Dachte ich mir doch, alles echt!

Welt Online: Sind Sie immer so cremig wie eine Creme, perlt an Ihnen alles ab?

Welt Online: Wie prägt oder verändert es auch ein Miteinander, wenn Nacktheit zum Beruf gehört? Die Vorstellung, dass ich meine Kollegen, so attraktiv sie sind, alle nackt zu Gesicht bekäme – mich überkäme eine echte Schreibblockade!

Komisch, irgendwie habe ich da die ganze Zeit folgendes Bild vor Augen, natürlich in weiblicher Ausführung:

© Lost

© Lost

Das Interview ist von vorne bis hinten, von Anfang bis Ende ein grausamer Schundhaufen. Hat man zu Beginn noch das Gefühl, mitten in einen buchstabengewordenen Nivea-Werbespot geplatzt zu sein, erfährt man im weiteren Verlauf wenig bis gar nichts Substanzielles über den Bundestrainer. Er geht zur Fußpflege, verlässt das Haus manchmal mit nassen Haaren, benutzt Labellos, hat einen gemähten Rasen vor dem Haus und hasst den Geruch von Knoblauch.

Da schlafen einem ja die Füße ein!

Doch um das Grauen rund zu machen, folgt gegen Ende dann noch der peinliche Höhepunkt: Frau von Taube nähert sich dem sensiblen Thema “Homosexualität im Fußball” und ganz speziell jener einen Frage, deren Antwort niemanden etwas angeht (und mit Verlaub, auch überhaupt nicht interessiert!):

Ist der Bundestrainer homosexuell?

Und da das Ganze ja ohnehin schon tabuisiert wird, kann Frau von Taube auch auf eine geradlinige und offene Fragestrategie verzichten und stattdessen unsicher kichernd was von Bettdecke schwafeln und sich erst recht zum Affen machen:

WeltOnline: “Aber bei den Fußballern, wo das ganze Volk bibbert und mitzittert, da will man natürlich genau wissen, wer da mit wem unter welcher Decke steckt. Wie auch immer, ich sag’s jetzt einfach mal: Sie selbst, Herr Löw, wurden auch schon mal auf die homosexuelle Hälfte gedrängt, weil Sie sich gut anziehen. Was sagen Sie dazu?”

Nee, ist klar, alle gutangezogenen Männer werden ja bisweilen “auf die homosexuelle Hälfte (ACHTUNG FORMULIERUNG:) gedrängt!” Gut, dass Klischees nicht aussterben.

Und Joachim Löw? Sagt er was dazu? Ja, er tut’s. Er redet, obwohl er besser geschwiegen hätte. 59 Fragen, ein einziges Schweigen als Antwort.

Bleibt nur zu hoffen, dass Frau von Taube für die ganze Dauer des Gesprächs eine entsicherte Schrotflinte auf Löws Kopf gerichtet hielt. Dann wäre die Welt zwar verrückt, aber irgendwie auch in Ordnung….

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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