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Nach der Saison ist vor der Saison – Die Internationalen (2)

Champions League – Heute: Bayer Leverkusen

Raúl González Blanco hat es vorgemacht – sechs Jahre in Folge scheiterte er mit seinem Heimatverein Real Madrid im Achtelfinale der Champions League. Dann wechselte er zu Schalke 04, augenscheinlich ein sportlicher Rückschritt, und zog auf Anhieb und völlig überraschend mit den Knappen ins Halbfinale des höchsten europäischen Teamwettbewerbs ein.

© dannymx/flickr

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Kann sich Michael Ballack daran ein Beispiel nehmen? Bislang haftet seiner sehr erfolgreichen Karriere der Makel an, weder mit der Nationalmannschaft noch mit einem Vereinsteam einen bedeutenden internationalen Titel gewonnen zu haben. Dabei spielte er bei Bayern München und FC Chelsea, stand im Finale der Champions League, kickte in mit Stars gespickten Teams und blieb dennoch bislang ungekrönt.

Was folgte, war der Wechsel zu Bayer 04 Leverkusen, einem im Vergleich zu den Vorgängerstationen kleinen Verein – augenscheinlich ein sportlicher Rückschritt. Doch nach der direkten Qualifikation für die Champions League in der Saison 2010/11 könnte im nächsten Jahr der phänomenale Höhepunkt einer märchenhaften Dramaturgie folgen: der Gewinn der Champions League mit Bayer Leverkusen.

Klingt abenteuerlich? Ist es auch. Zwar verfügt Leverkusen über einen fußballerisch hervorragenden Kader, der durchaus das Potential besäße, in der europäischen Spitze mitzuspielen. Doch seit Jahren stehen die Werkself-Kicker in dem Ruf, in entscheidenden Momenten mit beängstigender Regelmäßigkeit zu versagen – Vizekusen lässt grüßen. Da das kollektive Gedächtnis von Fußballmannschaften erschreckend gut funktioniert, wie man bei jedem Elfemeterschießen mit Beteiligung der englischen Nationalmannschaft wunderbar beobachten kann, erscheint ein Erfolg ausgerechnet in der Champions League, also in jenem Wettbewerb, der beinahe nur aus entscheidenden Momenten besteht, fast ausgeschlossen.

Doch um das Fazit vorwegzunehmen: Ich traue Bayer Leverkusen den ganz großen Wurf zu. Natürlich müsste alles hundertprozentig optimal laufen, das Glück müsste sich hold zeigen, die Schiedsrichter wohlgesonnen und die Beine der Spieler robust und verletzungsfrei. Doch würde jene Ansammlung positiver Einflüsse real, dann hätten Ballack und Co gute Erfolgsaussichten.

Der bereits angesprochene Kader von Leverkusen besticht einerseits durch herausragende Qualität in der Spitze, andererseits aber auch durch eine qualitativ hochwertige Breite. Im Tor steht mit René Adler ein herausragender Torhüter, den Viele auf dem Leistungsniveau von Manuel Neuer wähnen. Er besitzt die für einen Torwart so wichtige Qualität, auch mal so genannten unhaltbare Bälle abwehren und ein Spiel alleine entscheiden zu können. Im Mittelfeld ist Bayer ebenfalls herausragend besetzt. Mit Rolfes und Ballack strotz die Doppelsechs vor internationaler Erfahrung und ist gleichzeitig spielstark und torgefährlich. Renato Augusto, Tranquillo Barnetta und Arturo Vidal sind zweikampfstark, technisch beschlagen, immer zum schnellen vertikalen Pass in die Schnittstelle der gegnerischen Viererkette fähig. Ergänzt wird das Überangebot starker Mittelfeldspieler vom hochbegabten Lars Bender und dem grundsoliden und erfahrenen Hanno Balitsch.

Sidney Sam gibt den Wanderer zwischen den Welten Mittelfeld und Sturm und kann mit seinen Tempodribblings Abwehrreihen im Alleingang auseinanderreißen. Gleiches gilt für Neuzugang André Schürrle, der mit Sam eine ungemein gefährliche Flügelzange bilden könnte. Im Sturmzentrum stehen Stefan Kießling und Eren Derdiyok für Schnelligkeit, gute Technik, gepaart mit solider Kopfballstärke und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Karim Bellarabi, der von Braunschweig wechselt, dürfte als zweiter Sidney Sam schon bald für Furore sorgen.

Was fehlt und absichtlich ausgespart wurde, ist die Abwehr. Sie könnte die Achillesferse der Mannschaft sein. Der Abgang von Samy Hypiää lässt sich verschmerzen. Ihm gelang es zuletzt immer seltener, die dem Alter geschuldete körperliche Verlangsamung durch kluges Stellungsspiel und frühe Antizipation des Balles zu kompensieren. Im direkten Dribbling Mann gegen Mann hätte beispielsweise Eto’o von Inter Mailand mit dem hühnenhaften Finnen Katz und Maus gespielt.

Mit Ömer Toprak vom SC Freiburg wechselt ein technisch beschlagener Innenverteidiger nach Leverkusen, der den zielgenauen öffnenden Pass beherrscht, bislang jedoch noch die Konstanz in seiner Leistung vermissen ließ. Da Manuel Friedrich in meinen Augen nicht über die für die Champions League nötige Klasse verfügt, könnte Toprak mit Steffen Reinartz das Innenverteidigerduo bilden. Allerdings bliebe in diesem Fall das Manko der Unerfahrenheit. Reinartz hat auf Clubebene zehn, Toprak kein einziges internationales Spiel bestritten. Auch wenn sie mit der Schnelligkeit eines Eto’o mithalten könnten, seiner Raffinesse lässt sich nur mit ausreichend Erfahrung begegnen.

Auf den Außenpositionen ist Bayer hingegen stark besetzt. Gonzalo Castro verfügt trotz seines geringen Alters über die angemahnte Erfahrung und auch Kadlec hat bereits 32 internationale Spiele auf Vereinsebene bestritten. Als Backup säßen mit Schwaab und Vida zwei talentierte Spieler auf der Bank.

Der Kader verfügt demnach über die Stärke, mit den besten Teams Europas mitzuhalten. Ein guter Trainer kann dieses Spielermaterial zu einem ästhetisch wertvollen und sportlich erfolgreichen Gesamtbild formen. Und genau an dieser Stelle kommt Robin Dutt ins Spiel. Ein Trainer, der als Angehöriger der neuen Generation um Tuchel, Klopp und Slomka als hochqualifiziert gilt, als innovativ, aufgeschlossen, modern und erfolgreich. Dutt setzt auf die Kraft des Kollektivs, auf ruhige, sachliche Ansprachen, auf einen modernen, abwechslungsreichen Trainingsalltag und gilt als führungsstark und kommunikativ.

Zwar stehen seine beiden Trainerstationen bei den Stuttgarter Kickers und beim SC Freiburg nicht für den mondänen Weltfußball, doch gelang es ihm bislang in eindrucksvoller Weise, jeweils das Optimum aus den gegebenen Möglichkeiten zu machen. Kann er diese Serie bestätigen und auch bei Bayer Leverkusen die Möglichkeiten voll ausreizen, dann steht am Ende dieses Weges der Champions League-Titel.

Die fehlende Erfahrung des Trainers gilt gemeinhin als Manko im internationalen Wettbewerb. Doch an dieser Stelle entfaltet sich die Bedeutung der Personalie Ballack in ihrer vollen Blüte. Als verlängerter Arm des Trainers, als ordnende Führungsfigur auf dem Platz, wird er mit seiner langjährigen Erfahrung das Team leiten und zu Höchstleistungen pushen.

In entscheidenden Momenten in einem Spiel oder innerhalb eines Wettbewerbs löst sich der Widerspruch von flacher Hierarchie und Führungspersönlichkeit, von Kollektivismus und Leitwolf auf. Dann wird ein Leader akzeptiert, der über die Dauer einer ganzen Saison seinerseits akzeptiert, dass er sich zum Wohl des Gemeinwesens unterordnen muss. Diese Qualität hat Ballack längst verinnerlicht. In der kommenden Saison wird ihn zudem das Gefühl antreiben, dass sich möglicherweise die letzte Chance auf den Gewinn eines großen Titels in seiner Karriere bietet.

Seinen Stellenwert kann man an konkreten Zahlen ablesen: Während Ballack insgesamt 92 internationale Spiele auf Vereinsebene bestritt, kommt der gesamte Rest des Kaders auf 344 Spiele. Er bildet damit die Spitze einer gesunden Hierarchie, deren Achse Adler, Castro, Ballack, Rolfes, Barnetta, Kießling stabilisierend auf die zahlreichen jungen Talente wirkt.

Fazit:
Die Prognose, Bayer 04 Leverkusen gewinnt die Champions League, ist für Viele hanebüchen, für Manche ein illusorischer Traum, für die Meisten mindestens grotesk und unseriös. Ich treffe sie trotzdem. Seit Jahren beeindruckt mich die kontinuierliche Weiterentwicklung des sportlichen Kaders, die einem klaren Konzept folgt: die Verpflichtung von jungen, talentierten Spielern, technisch gut ausgebildet, schnell, auf dem Sprung zum Star ergänzt durch den Einkauf von einigen wenigen erfahrenen Spielern, erfolgsverwöhnt, robust, mit Führungspotential, auf dem Sprung zum Altstar. Mit Robin Dutt wird dieser hochwertig besetzte Kader ein passendes Spielkonzept erhalten. Flaches, schnelles Passspiel, laufintensives Pressing, mit einer schnellen Flügelzange Sam/Schürrle, einem wohlgeordneten, vertikalen Spielaufbau aus der Abwehr heraus und einem Michael Ballack, der auf seine alten Tage wieder zu alter Torgefährlichkeit bei Standardsituationen findet.

In der Champions League wird Bayer wahrscheinlich in Lostopf 3 auftauchen. Mindestens zwei starke Gegner warten also in der Gruppenphase. Doch da man sich vor Teams vom Kaliber „FC Valencia“ oder „Olympique Lyon“ nicht verstecken muss, wird man sich über Platz zwei fürs Achtelfinale qualifizieren. Was danach kommt, ist der Rausch, das Glück und die Einsicht des Fußballgottes, Michael Ballack am Ende doch noch für seine langjährige Sisyphosarbeit zu belohnen…und die Realisierung einer grotesk waghalsigen Prognose.

Stadion-Wurst-Prognose: Titelgewinn!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

6 Portionen Senf

heinzkamke  on June 14th, 2011

Ok, ich freu mich drauf. :)

Hennes  on June 15th, 2011

Wie kommt’s? Sympathien für den falschen Verein? Mitleid mit dem “Ewigen Zweiten”? Heimlicher Ballack-Anhänger? Patriotisches Daumendrücken?

heinzkamke  on June 16th, 2011

Oh, die Gründe sind vielfältig.

Sowas ähnliches wie Sportpatriotismus, ganz bestimmt. Und die Freude, wenn mal nicht die üblichen Verdächtigen gewännen. Eine gewisse Sympathie für Bayer Leverkusen, die aus dem großartigen Fußball um die Jahrtausendwende resultiert und von der m.E. guten Personalpolitik der letzten Jahre weiter genährt wird. Eine Grundsympathie für Robin Dutt (deutlich größer als für Jupp Heynckes, zum Beispiel). Mitleid spielt keine Rolle. Aber Ballack würde ich es dennoch gönnen, nochmal was zu reißen.

Hennes  on June 16th, 2011

Ja, da kann ich nur zustimmend mit dem Kopf nicken: Wie sehr ich dem Sportpatriotimus verfallen bin, habe ich ja hier schon erwähnt:

http://www.stadion-wurst.com/2011/06/sportmacht_spanien/

Leverkusen sympathisch, ja doch, Dutt auch, sowieso.

Zudem hat mein langjähriges Mitleiden mit Ballack sicher viel zu meiner optimistischen Prognose beigetragen. Obwohl ich ihm als Typen zwiespältig gegenüberstehe, bin ich jetzt schon wieder traurig, dass Löw ihn nicht mehr will. Die Entscheidung ist ja richtig, aber wie ich Ballacks Fußballschicksal kenne, werden wir 2012 Europameister und der arme Kerl sitzt zu Hause aufm Sofa!

heinzkamke  on June 16th, 2011

Ja, das 2012er Szenario ist nicht von der Hand zu weisen. Schade wär’s für ihn, aber freuen würd’ ich mich trotzdem ein wenig ;-)

Und so sehr ich Spanie und viele Spanier mag: ich bin ganz zufrieden, so wie es ist…

heinzkamke  on June 16th, 2011

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