Home
RSS Feed

Nach der Saison ist vor der Saison – Die Internationalen (1)

Leider fiel bei mir das Ende der Saison 2010/11 mit einer Phase beruflicher Intensität zusammen, die mir nachhaltig und immer wieder die Zeit raubte. Was hätte man nicht alles rückblickend unter die Lupe nehmen können? Die Trainerfluktuation, die neue Torhütergeneration, der beispiellose Absturz der Frankfurter Eintracht, die zwei Gesichter des FC Schalke 04, das neue, alte Vizekusen, die Verwandlung des Mario Gomez, die neue Gewalt der Ultras, die Hamburger Chaostage, die Kölner Chaostage, das Chaosjahr der TSG Hoffenheim…

Die Finger wären wund und dick, der Blog um geschätzte 2.088 Posts erweitert und das Gefühl, dieser außergewöhnlichen Saison als schreibender Beobachter einigermaßen gerecht geworden zu sein, hätte sich längst wohlig warm über mein schlechtes Gewissen ausgebreitet.

© cc-by-2.0

© cc-by-2.0

So aber bleibt mir nichts anderes übrig, als die Vergangenheit, so jung sie auch sein mag, ruhen zu lassen. Wer hätte zu diesem Zeitpunkt noch Lust auf eine Retrospektive? Richten wir also den Blick in die Zukunft und wagen einen Ausblick auf die Chancen der deutschen Vereine im internationalen Geschäft.

Die Ausgangslage:

In der UEFA-5-Jahreswertung liegt Deutschland inzwischen wieder auf Rang drei, hinter Spitzenreiter England, hinter Spanien, vor Italien, Frankreich und Portugal. Die vergangene Spielzeit brachte beachtliche 15,666 Punkte aufs Konto der Bundesliga. Damit ließ sich zwar der Vorsprung auf die Serie A ausbauen, doch leider blieben die Premier League und die Primera Division mit über 18 Punkten das Maß aller Dinge. Nichtsdestotrotz können sich die deutschen Vereine in der nächsten Saison auf einen zusätzlichen Championleague-Startplatz freuen.

Bei aller Freude über die guten Ergebnisse in der Breite, wartet die Bundesliga seit nun zehn Jahren auf einen internationalen Titel. Finden wir heraus, ob sich das in der nächsten Saison ändern könnte.

Champions League – Heute: Borussia Dortmund

Der deutsche Meister Borussia Dortmund ist die Wundertüte in der kommenden Champions League-Saison. Noch kennt niemand eine Antwort auf die spannende Frage, ob der beeindruckende Tempo-Fußball, mit dem der BVB die Bundesliga dominierte, auch auf international höchster Ebene funktioniert.

Einen ersten Anhaltspunkt liefern die internationalen Auftritte der Borussia in der vergangenen Europa League-Saison.  In einer starken Gruppe mit dem FC Sevilla, Paris St. Germain und Karpaty Lwiw scheiterte man knapp mit neun Punkte und belegte nur Rang drei in der Abschlusstabelle. Zwar lieferte man qualitativ gute Spiele gegen die erfahrenen Spitzenteams aus Sevilla und Paris ab, doch gelang bei drei Unentschieden und einer unglücklichen Niederlag kein einziger Sieg. Das einhellige Urteil lautete damals, Dortmund sei zu unerfahren, zu naiv, noch nicht an die internationale Wettkampfhärte gewöhnt.

Die Unerfahrenheit des jungen Teams gilt gerade für die Champions League als belastendes Menetekel. Während Vereine wie Real Madrid, FC Barcelona, FC Chelasea, Manchester United oder AC Mailand Jahr für Jahr in Europas höchster Spielklasse antreten,  ist Dortmund erstmals seit 2003 wieder spielberechtigt. Die internationale Erfahrung der Spieler beschränkt sich zum Großteil auf die Europaleagueauftritte in der vergangenen Saison. Insgesamt kommen sämtliche Spieler des aktuellen Dortmunder Kaders (inkl. bereits bekannter Transfers) auf zusammen 229 internationale Spiele (inkl. Qualifikationsspiele auf internationaler Ebene, ohne Länderspiele, pro Spieler kumulativ addiert; Quelle: www.transfermarkt.de). Zum Vergleich: Der aktuelle Kader von Bayern München hat insgesamt 710 internationale Spiele bestritten (Berechnungsgrundlage: siehe oben).

Bezeichnend, dass mit Sebastian Kehl (25 int. Vereinsspiele) ein Akteur über die größte Erfahrung verfügt, der nur noch eine untergeordnete Rolle im Mannschaftsgefüge spielt.

© Pro2

© Pro2

Die mangelnde internationale Erfahrung wird sich vor allem in den KO-Spielen der Champions League bemerkbar machen, wenn Drucksituationen außergwöhnlich, die weltweite Aufmerksamkeit groß und die persönliche Nervosität überbordend sein werden. Hinzu kommt, dass auch Jürgen Klopp als Trainer über ebensowenig Erfahrungswerte auf internationaler Ebene verfügt wie seine Spieler. Wie reagiert er, wenn ein Mourinho seine Mätzchen veranstaltet, wenn Ferguson den Schiedsrichter beschimpft, wenn Guardiola über mangelndes Fair-Play wettert? Lässt sich der Coach aus der Ruhe bringen? Kann er seinen Spieler die nötige Gelassenheit vermitteln?

Der mangelnden Erfahrung des Dortmunder Kollektivs stehen der jugendliche Spielwitz, das enorme Tempo, die Unbekümmertheit und die mannschaftliche Geschlossenheit gegenüber. Nicht selten geht mit  großer internationaler Erfahrung auch ein hohes Alter der handelnden Akteure einher. Man stelle sich vor, die alten Herren von Inter Mailand treffen auf den BVB, Javier Zanetti trifft auf Mario Götze. Schon in der abgelaufenen Saison konnte Schalke 04 zeigen, wie man erfahrenen Teams mit aggressivem Pressing und wildem Offensivdrang den Zahn ziehen kann. Das gilt erst recht für Borussia Dortmund.

Die Begeisterungsfähigkeit spricht ebenfalls für den BVB. Während es etablierten Teams häufig schwerfällt, sich gegen scheinbar “kleinere” Gegner wie beispielsweise Hapoel Tel Aviv zu motivieren, werden die jungen Kicker aus Dortmund mit zittrigen Beinen und stolzgeschwellter Brust die Bühne der Champions League betreten, vor Feuereifer brennend. Das birgt jedoch gleichzeitig die Gefahr, die taktische Disziplin, die ja gerade den spielerischen Enthusiasmus in geregelte Bahnen lenken soll, zu verlieren und  dem Hühnerhaufenprinzip zu folgen.

Fazit:

Der BVB wird in der kommenden Saison auch in der Champions League für Furore sorgen. Die Mannschaft wird die Gruppenphase erfolgreich meistern und danach mindestens einem Schwergewicht Marke “Real Madrid” oder “Manchester United” ein Bein stellen. Jürgen Klopp bewegt sich als Trainer trotz mangelnder internationaler Erfahrung taktisch auf höchstem Niveau, die Mannschaft ist spielerisch und vor allem läuferisch in der Lage, für eine Überraschung zu sorgen.

Das Aus im Viertelfinale wird sich dennoch nicht verhindern lassen. Für die finalen Schritte fehlt in der ersten Champions League-Saison dann doch die Abgezocktheit, die taktische Ruhe, die psychologische Standfestigkeit. Doch keine Sorge: Die nächste Champions League-Saison folgt bestimmt!

Stadion-Wurst-Prognose: Viertelfinale

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

8 Portionen Senf

EnisThePenis  on June 9th, 2011

1) Bei dieser Analyse wird nicht darauf eingegangen, dass der BVB im Lostopf 3 oder 4 ist. Je nach Auslosung kann es zwischen einer Hammergruppe (Barca, Milan, ManCity) und einer vergleichbaren (bzw schlechteren) Gruppe zur Europa League 2010 (Porto, Moskau, Piräus) alles drin sein. Bei einer unglücklichen Auslosung war das Achtelfinale schon eine Sensation, ein Ausscheiden nach der Vorrunde aber wahrscheinlicher, aber trotzdem keine Schande angesichts der möglichen Konkurrenten. Bin mir sicher, dass sich der BVB teuer verkaufen würde, aber bei der oben angesprochenen Hammergruppe wäre ein Überleben der Vorrunde ein Wunder.

2) Erfahrung in der CL ist entscheidend. Alle Teams, die als Außenseiter in der CL weit gekommen sind (2010/2011: Tottenham, 2009/2010 ZSKA Moskau, 2008/2009 Porto/Villareal, 2007/2008 Roma, Schalke, Fener), hatten international erfahrene Spieler, wenn auch nicht die Größen ihres Fachs.
Der Kader des BVB hat aber ziemlich wenig internationale Erfahrung und das sehe ich als entscheidendes Hindernis. Gegen Sevilla und Paris hat man das mE schön gesehen, Dortmund hat das Spiel gemacht, richtig gut gespielt, gereicht hat es aber nicht, weil die anderen einfach zu clever waren. Und das bekommt man eben nur durch Erfahrung.

Darum mein Fazit: Erreichen des Achtelfinale ist ein großer Erfolg, wahrscheinlich ist ein Ausscheiden nach der Vorrunde.

holzchek  on June 9th, 2011

is so.

j.p.h.  on June 9th, 2011

öhm sehe ich anders…
1.im fußball kann man nie alles vorhersehen… und 2. lasse ich die fehlende internationale erfahrung jetzt einfach mal nicht gelten. es lag diese sauson an der chancenverwertung und nichts anderes… ich geb hennes recht. für eine überraschung können sie sorgen… und ich geh noch weiter: eine überrascung ist auch eigentlich echt wahrscheinlich… kommt natürlich auch alles drauf an wie wichtig sahin wirklich fürs spiel war… und vielleicht ist auch n bisl wunschdenken dabei ;)

Hennes  on June 9th, 2011

@EnisThePenis: Guter Einwand, die Lostopfeinteilung wurde wirklich mit keinem Wort erwähnt. Losglück gehört natürlich immer dazu. Auch bei der Bedeutung der internationalen Erfahrung stimme ich mit Dir weitgehend überein. Ein Grund, warum ich den BVB in meiner Prognose nur bis ins Viertelfinale kommen lasse. ;-)

Doch man kennt ja auch die andere Seite der Medaille: mangelnde Erfahrung lässt sich mit hohem Aufwand, jugendlicher Begeisterung und einem Schuss Naivität (”Da habe ich dann einfach mal von der Mittellinie abgezogen!”) wettmachen. Aber zum ganz großen Triumph – und jetzt treffen wir uns wieder – fehlt noch die Abgeklärtheit, die Cleverness, eben die Erfahrung.

@j.h.p.: Zum Glück kann man nicht alles voraussehen, sonst würden wir alle hier wahrscheinlich weder über Fußball lesen noch schreiben. Ich denke auch, dass der BVB mindestens eine Überraschung in petto hat. Allerdings hast Du Recht: Man darf gespannt sein, welche Bedeutung der Abgang von Sahin noch haben wird. Einfach wird es sicher nicht, den Verlust zu kompensieren. Aber die Achse Bender/Götze wird schon dafür sorgen, dass man Sahin nicht lange nachtrauern muss.

EnisThePenis  on June 9th, 2011

Hm, glaub einfach nicht, dass man in der CL die Gegner einfach so überrennen kann. Das ist nochmal gut ne Klasse über der Bundesliga, die anderen Mannschaften sind auch überdurchschnittlich fit (sind ja die besten 1-4 Mannschaften pro Land), taktisch gut etc.
Gutes Beispiel ist Wolfsburg, hatte ne schwere Gruppe, waren mit Magath auch fit, hatten sogar noch mehr Erfahrung, gereicht hats auch nicht…

Hoffe für Dortmund, glaub aber nicht, dass für den großen Sprung reichen wird, außer man hat das Losglück.

Hennes  on June 9th, 2011

Klar, spätestens nach der Gruppenphase wird das Überrennen schwer. Aber es gab immer wieder Beispiele für Teams, die auf dem Papier weit unterlegen schienen und dann doch die Favoriten ärgern konnten: Rosenborg Trondheim, FC Kopenhagen, Schalke 04…

Mit Erfahrung allein kommt man nicht weit. Zudem lässt sich Dortmund ja nicht auf das Laufspiel reduzieren. Lässt man die Saison Revue passieren, dann sieht man, dass diese junge Mannschaft auch in der Crunchtime absolut präsent und erfolgreich war. Am 18. Spieltag gewinnen sie gegen den härtesten Verfolger, sie schlagen Bayern 3:1 in München. Na klar, gegen Sevilla waren sie nicht clever genug, aber mit ein bisschen Glück gewinnen sie die Spiele – sportlich war da kein Unterschied zu erkennen.

Nach wie vor halte ich die Prognose für optmistisch, aber keineswegs unrealistisch. Das sieht mit der Prognose für Bayer Leverkusen vielleicht schon anders aus ;-)

EnisThePenis  on June 9th, 2011

Mit Rosenheim Trondberg und Kopenhagen hast du Recht. S05 hatte aber zwar niht die bessere Truppe, hatte aber international erfahrene Haudegen, da spielt mE eine große Rolle.

Ja, das mit Bayern stimmt natürlich. Allerdings müsste man in einer Hammergruppe (unter der Annahme das 12Pkt für den zweiten Platz reichen) für das Achtelfinale dann 4 solche Spiele gegen vielleicht noch größere Kaliber als Bayern hinlegen (mind. Barca, ManU). Das find ich ehrlich gesagt unrealistisch.

Hennes  on June 10th, 2011

Klar, in einer Hammergruppe würde es schwer, überhaupt die Gruppenphase zu überstehen.

Natürlich ist die Prognose optimistisch und geht daher von einer optimalen Auslosung aus. Und schon reduziert sich die Zahl der grandiosen Überraschungssiege auf 1.

Man verliert in der Gruppe 2x deutlich gegen den stärksten Gegner Marke ManU, macht aus dem Rest der Spiele 10 Punkte, die zu Platz 2 reichen. Dann kommt im Achtelfinale der FC Chelsea nach Dortmund, das BVB-Team spielt sich in einen Rausch, gewinnt 4:1 und unterliegt im Rückspiel mit 2:1. Viertelfinal perfekt!

Wie gesagt, ein optimales Szenario, aber da schien der Atomausstieg vor drei Monaten noch deutlich unrealistischer ;-)

Gib Deinen Senf dazu!