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Nach der Saison ist vor der Saison – Die Internationalen (4)

© lanan_flickr

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Europa League – Heute: Hannover 96

Der FC Bayern München steht in meiner persönlichen Popularitätsskala nicht wirklich weit oben. Dabei bin ich – was selten genug vorkommt – weder Freund noch Feind dieses Clubs, der so gerne polarisiert. Mir ist in der Regel ziemlich egal, was sich an der Säbener Straße abspielt. Im Ligabetrieb halte ich, dank des David-gegen-Goliath-Prinzips, immer gegen die Münchener, in den europäischen Ligawettbewerben drücke ich ihnen dagegen regelmäßig die Daumen.

Dennoch muss schon viel passieren, damit ich mich auch an normalen Bundesligaspieltagen für einen Sieg des Rekordmeisters begeistern kann. In der letzten Saison jedoch mutierte ich zeitweise gar zum Bayernfan. Denn am Ende der Saison 2010/2011 drohte Hannover 96 auf Platz 3 und damit in der Qualifikationsrunde für die Champions League zu landen. Noch am 31. Spieltag lagen die Niedersachsen vor den Münchenern und schnupperten an Europas höchster Spielklasse, bis ihnen zum Schluss dann doch die Puste ausging. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich in jenen letzten Wochen dem FC Bayern fester denn je die Daumen drückte. Ich konnte mich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, im Herbst 2011 Hannover als deutschen Vertreter in der Champions League anfeuern zu müssen. So wenig Sympathie die Bayern auch verströmen, so wenig Klasse, Esprit und Glanz versprüht im Vergleich der graue Durchschnittsverein aus Hannover.

Schließlich ging der Kelch jedoch an mir vorüber und Hannover landete auf Platz vier und damit in der Europa League. Ein grauer Wettbewerb für einen grauen Verein- jeder Club bekommt das, was er verdient. Die spannende Phase der Europa League wird Hannover 96 nicht erreichen; ebenso wenig wie die zähe und überflüssige Gruppenphase. Zwar lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht definitiv sagen, ob der deutsche Verein ein Setzkandidat für die Playoff-Spiele sein wird und auf welche Teams er treffen kann, doch klingen die Namen potentielle Gegner wie Tottenham Hotspur, Spartak Moskau, Paris St. Germain, Lazio Rom oder PSV Eindhoven nach großem Fußball – im Gegensatz zu Hannover 96.

Dennoch sollte man sich nicht täuschen: Der Kader der Niedersachsen ist nicht schlecht und hat manch Gourmethäppchen zu bieten.

Im Tor steht ein junger Mann, der als überaus talentiert einzustufen ist und der sich im internen Konkurrenzkampf gegen Florian Fromlowitz, ebenfalls kein schlechter Torhüter, durchzusetzen wusste. Ron-Robert Zieler, 22 Jahre jung, kann zwar mit Manchester United auf einen prominenten Club-Namen in seinem Lebenslauf verweisen, kam dort jedoch ausschließlich im Reserveteam zum Einsatz. Daher beschränkt sich die Erfahrung des reaktionsschnellen Torwarts mit guter Strafraumbeherrschung auf hohem Profiniveau gerade mal auf 15 Bundesligaspiele im Trikot von Hannover 96. Ein Manko, das möglicherweise erst in der besonderen Drucksituation einer knappen Playoff-Partie in der Europa League zum Tragen kommen wird. Auch Ersatztorhüter Markus Miller verfügt über keine internationale Erfahrung, darf aber dennoch verlässlicher und überzeugender Backupkeeper gelten.

Die Abwehr ist ein solides Bollwerk. In der Innenverteidigung bilden Pogatetz und Haggui ein gutes Innenverteidigerpaar, das jedoch nicht durch Ausfälle gesprengt werden darf. Mit Mario Eggimann sitzt bloß ein weiterer Innenverteidiger mit hohem Niveau auf der Bank, zumal jener dieses Niveau in Hannover bislang viel zu selten gezeigt hat. Die Außenverteidigerpositionen sind mit Cherundolo und Schulz ebenfalls gut besetz. Doch für die große Bedeutung, die die Außenverteidiger inzwischen im modernen Fußball haben, sind die zur Verfügung stehenden Spieler zu bieder und durchschnittlich. Die Bank ist mit Chahed und vor allem mit Neuzugang und Ex-Nationalspieler Christian Pander nicht so dünn besetzt wie im Innenbereich. Fraglich bleibt, ob Letztgenannter mehr durch Glanzpunkte auf dem Platz oder Auftritte im Rehazentrum von sich reden machen wird.

Das Mittelfeld von Hannover 96 ist ähnlich wie die Abwehr solide besetzt, wird aber europäischen Ansprüchen nicht genügen. Kronjuwel Konstantin Rausch wird sich im Vergleich zur formidablen Vorsaison noch einmal steigern und bald dem Lockruf eines größeren Clubs erliegen. Zusammen mit dem absoluten Chef im Mittelfeld, Sergio Pinto, wird er auch in der Europa League versuchen, das Spiel der Hannoveraner aufzuziehen. Dennoch hat er darunter zu leiden, dass seine Mitspieler mehr das Format des biedern Arbeiters besitzen. Stindl, Lala, Andreasen, Stoppelkamp, Hauger oder Schmiedebach können auf europäischer Ebene die Gegner nicht in Angst und Schrecken versetzen.

©andimoe_flickr

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Hannovers Sturm ist auf den ersten Blick das Sahnestück in Hannovers Kader. Der Ivorer Didier Ya Konan wusste in der vergangenen Saison restlos zu überzeugen und erzielte in 28 Spielen 14 Tore. Er ist sehr schnell, technisch versiert und agiert abgeklärt vor dem Tor. Dass seine Leistung keine Eintagsfliege ist, deutete er bereits in der Saison 90/10 an, als ihm in 25 Spielen neuen Tore gelangen. Ya Konan kann mit seinen Fähigkeiten jeden Verteidiger von europäischem Format vor große Probleme stellen.

Sein Nebenmann Mohammed Abdellaoue feierte in der letzten Saison seinen Durchbruch mit 10 Toren in 26 Spielen. Er wird allerdings erst noch den Nachweis erbringen müssen, dass er diese Leistung auch zu bestätigen vermag. Jan Schlaudraff, der nach Jahren als unerfülltes Versprechen plötzlich wie Phönix aus der Asche stieg und ebenfalls eine Saison voller Höhepunkte erlebte, steht ebenfalls in der Pflicht, Konstanz und Kontinuität in seinen Leistungen zu zeigen. Ergänzt wird die stürmende Troika von Neuzugang Artur Sobiech, der als ungemein talentiert gilt, indes mindestens noch eine Saison brauchen wird, um sich an Tempo, Härte und Niveau der Bundesliga gewöhnen zu können – von der Europa League ganz zu schweigen.

So ist die Hannoveranische Angiffsreihe für Europa gut gerüstet. Zumal sie unter Trainer Mirko Slomka in ein Spielsystem eingepasst wird, das auf die schnellen Stürmer zugeschnitten ist. Hannover hat wie kaum eine andere deutsche Mannschaft das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff perfektioniert. Bei gegnerischem Ballbesitz pressen die Spitzen gegen den Ball, ziehen sich aber wie das gesamte Team zurück. Wann immer möglich wird der ballführende Gegenspieler gedoppelt, um bei Balleroberung das Spielgerät mit zwei, drei Kontakten vertikal in die Spitze zu befördern, wo Ya Konan und Abdellaoue an der Grenze zum Abseits auf Steilpässe warten. Doch auch der kontrollierte Spielaufbau ist für Hannover inzwischen kein Fremdwort mehr. Von Pinto ausgehend wird der Ball nach vorne getragen, von der hängenden Spitze Schlaudraff kreativ verarbeitet oder über die linke Seite von Konstantin Rausch mit Tempo Richtung Strafraum gebracht.

Fazit:

Mirko Slomka ist es gelungen, ein Team ohne Stars aufzubauen, ein schnelles, nur auf den Kader zugeschnittenes Spielsystem zu etablieren und die Mannschaft zu überraschender Konstanz anzutreiben. Doch wie hat schon Boris Beckers Mentor Ion Tiriac gesagt:

Es ist schwierig, an die Spitze zu kommen, aber zehnmal schwieriger, sich oben zu behaupten! (Ion Tiriac, Spiegel 31/1985)

In der anstehenden Saison muss Hannover 96 beweisen, dass der Erfolg eine solide Basis hat. Mit der zusätzlichen Belastung aus der Europa League müssen die Spieler erst einmal zurecht kommen, zumal der Kader in der Breite alles andere als stark besetzt ist. Ausfälle von Schlüsselspielern wie Pogatez, Pinto, Rausch oder Ya Konan können die Hannoveraner noch nicht kompensieren.

Ich hege jedoch den starken Verdacht, dass der Großteil des Teams in der letzten Saison am optimalen Limit spielte. Die Mannschaft wird einen ähnlichen Husarenstreich nicht wiederholen können. Auf europäischer Ebene wird das junge Team Lehrgeld bezahlen, vor allem, da der Kader ohne große internationale Erfahrung in den Wettbewerb gehen wird. Laut transfermarkt.de hat der aktuelle Kader von Hannover 96 184 internationale Spiele bestritten (inkl. Qualifikationsspiele auf internationaler Ebene, ohne Länderspiele, pro Spieler kumulativ addiert; Quelle: www.transfermarkt.de), ein im Vergleich mit den bislang analysierten Mannschaften von Bayern München (710), Borussia Dortmund (229) und Bayer Leverkusen (436) sehr niedriger Wert.

Daher lehne ich mich wohl kaum weit aus dem Fenster, wenn ich prognostiziere, dass Hannover 96 nicht nur in den Playoffs zur Europa League-Gruppenphase die Segel wird streichen müssen, sondern dass auch in der anstehenden Bundesligasaison keine Notwendigkeit mehr bestehen dürfte, Bayern München die Daumen zu drücken – Platz 3 wird für Hannover so schnell nicht mehr in Reichweite kommen.

Stadion-Wurst-Prognose: Aus nach der Playoff-Runde

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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