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Sommermärchen 2006, Sommerdepression 2011

©matttilda

© matttilda

Diesen Moment werden sie nie vergessen. Sie werden davon erzählen, wenn sie älter sind, wenn die Erinnerung daran keine peinliche, weil verfrühte Nostalgie mehr ist. Sie werden auch in Jahren noch kleinste Einzelheiten memorieren können: Das Mädchen in der dritten Reihe mit der gelben Haarsträhne, das immer wieder mit dem Piercing an der echten Augebraue spielte, der Mann Mitte fünfzig, der so zufrieden lächelte und ein selbstbeschriftetes Fruit of the Loom-T-Shirt trug: “Vielen Dank für die tolle WM!”

Mehr als 500.000 Menschen waren an jenem Tag auf den Beinen und hatten sich auf der Straße des 17. Juli in Berlin eingefunden, um ihnen zuzujubeln. Zugegeben, sie waren nicht allein auf der extra errichteten Bühne, sondern wurden flankiert von ihren Teamkameraden, mit denen sie zusammen gerade den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land errungen hatten.  Die Fanmeile platze beinahe aus allen Nähten und ein  Meer aus Fahnen hüllte das gesamte Areal in ein schwarz-rot-goldenes Licht. Atemberaubend.

Dort oben standen sie also und winkten ins Publikum. Zögerlich, ein bisschen schüchtern, aber dennoch geschmeichelt.  In den Turnierwochen zuvor waren sie zwar nicht die Hauptdarsteller gewesen, aber zumindest Teil des Ganzen, und jeder von ihnen fühlte sich zurecht als wichtiger Bestandteil des Teams. Diese Menschenmenge dort unten vor der Bühne war auch wegen ihnen hierher gekommen und jubelte, als ihre Namen aufgerufen wurden.

Vielleicht klingt ihnen heute noch die Stimme des Anheizers am Mikrofon im Ohr, die langezogenen Vokale, der antwortende Chor der Zigtausend, der den eigenen Nachnamen als lautstarkes Echo zurückwarf wie eine Wand aus Gummi. Vielleicht werden sie sich daran erinnern, wenn sie ihn wieder hören, ihren Namen, doch diesmal nicht euphorisch gerufen, bejubelt, mit dem Kreischen junger Mädchen untermalt, sondern nüchtern aufgerufen, als säßen sie im Wartezimmer beim Arzt.

In der Tat, in meiner Phanatsie sehe ich sie dort sitzen, in einer Art Wartezimmer, zusammen mit vielen anderen Menschen. Manche lassen den Kopf hängen, einige warten mit geschlossenen Augen, wenige räkeln sich entspannt auf den Hartplastikstühlen, längst an das gewöhnt, was sie erwartet. Ganz anders unsere Helden.

Die Vier sitzen unruhig auf ihren Plätzen, jeder auf einem eigenen Hartplastikstuhl, jeder in einer anderen Stadt, die Anwesenden um sie herum sind austauschbar ähnlich, nur die Farbe der Stühle variiert von Stadt zu Stadt. Dennoch sind sie vereint, vereint im Starren auf die verblassten Kunstdrucke an den Wänden, die zum Zeitpunkt ihrer Anschaffung schon längst nicht mehr in Mode waren und trotzdem die unlösbare Aufgabe übernehmen, hier für ein wenig Gemütlichkeit zu sorgen.

Für sie ist hier alles neu, der Muff der Behörde, die Stimmung, die keine ist, die Sprachlosigkeit und versteckte Verkrampfung. Nur die Blicke der Anderen, die im Vorübergleiten immer am eigenen Gesicht haften bleiben, die für den Bruchteil einer Sekunde Augenkontakt suchen und dann hektisch weiterwandern, die kennen sie schon. “Das ist doch der…wie heißt er noch gleich?!” Das Erkanntwerden auf der Straße gehört zum täglichen Geschäft, mal notwendiges Übel, mal schmeichelhafte Massage des geschundenen Selbstbewusstsein – hier wirkt ist es nur peinlich und unangenehm. “Schau an, dem…wie heißt er noch gleich…geht es also auch nicht besser…!”

Die Handflächen sind mit einem dünnen Schweißfilm überzogen und glänzen im kalten Neonröhrenlicht. Unzählbar sind eigenen Auftritte im Scheinwerferlicht, als man vor Kameras stand, Heerscharen von Journalisten Rede und Antwort stehen musste, in Fernsehstudios auftrat oder mit wildfremden Menschen einen lockeren Plausch hielt. Doch hier, kurz vor dem ersten Beratungsgespräch, scheint das alles vergessen. Das Selbstvertrauen hat sich in die Teenagerzeit zurückgezogen und lässt das eigene Herz hämmern.

Bewegung an der Tür. Die Plastiklinke senkt sich, die Tür schwingt auf, eine resolut aussehende Dame Mitte Vierzig verabschiedet sich von einem Herrn in Jogginghose, dessen schätzbares Alter sich in den Jahren des starken Tabak- und Alkoholkonsums aufs Altenteil zurückgezogen hat, und blickt sich suchend um. Ihr Name ist auf dem an der Bluse befestigten Schild nicht zu erkennen. Dafür steht sie zu weit entfernt. Doch das große “A”, das sich weiß, eckig und ausladend auf dem großen roten Kreis breitmacht, leuchtet wie ein Signal und ist auf dem Schild nicht zu übersehen. Mit leichtem Kopfnicken und einem breiten Lächeln bedeutet sie, dass sie gefunden hat, was sie suchte. Die linke Hand hält die Türklinke umklammert, der rechte Arm streckt sich zur einladenden Geste:

“Herr Hildebrand/Asamoah/Hitzlsperger/Odonkor, wenn Sie mir folgen mögen?! Dann wollen wir mal schauen, was wir für Sie tun können!”

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