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Jürgen Hingsen der Bundesliga

© Thomas Caspers

© Thomas Caspers

Für Jürgen Hingsen dauerten die olympischen Spiele 1988 nur wenige Minuten. Im Auftaktwettbewerb der Zehnkämpfer, dem 100m-Lauf, leistete sich der deutsche Medaillenkandidat drei Fehlstarts und wurde disqualifiziert. Erst bei der späteren Videoanalyse kam heraus, dass sich der übermotivierte, mit Adrenalin vollgepumpte Sportler sogar deren vier erlaubt hatte.

Eine Videoanalyse ist nicht nötig, um festzustellen, dass der 1. FC Köln der Jürgen Hingsen der Bundesliag ist. Das 0:3 gegen den VfL Wolfsburg vom vergangenen Samstag ist die vierte Auftaktniederlage seit 2008/09 und damit der vierte Fehlstart in eine Saison.

Mit viel Hoffnung hatte man auch diesmal wieder – ähnlich wie damals Jürgen Hingsen – im Startblock gestanden. Ein neuer, innovativer, auf dem Markt äußerst begehrter Trainer, eine intakte Mannschaft mit qualitativ überzeugendem Kader, vielversprechende Saisonprognosen von Platz 6 bis 9 und ein vermeintlich zerstrittener und kriselnder Auftaktgegner schienen die richtigen Zutaten für einen appetitlichen Heimsieg zum Start der neuen Saison zu sein.

Doch seit Samstag ist mal wieder jeglicher Optimismus Makulatur.

Das Team zeigte sich, vor allem in der ersten Spielhälfte, völlig verunsichert, mitunter gar ängstlich. Die vom Trainer favorisierten taktischen Vorgaben scheinen auf den ersten Blick zu kompliziert, und die Spieler wirken heillos überfordert. Gerade in Phasen der Unsicherheit hilft es individuell schwächer besetzen Teams, sich an einer stabilen, leicht verständlichen Grundordnung zu orientieren. Bei Köln ließ sich hingegen der Eindruck gewinnen, als taumelten die Spieler ohne Orientierung hilflos durch Raum und Zeit.

Der vor dem Saisonstart so gepriesene Kader scheint zu dünn besetzt. Die erste Elf mag qualitativ überzeugen, potentiell auch die Bankalternativen im Offensivbereich. Doch die Personalie Kevin Pezzoni hat am Samstag eindrucksvoll vor Augen geführt, dass die Abwehr über keine adäquate Backup-Lösung verfügt.

Von der erhofften Offensivkraft war gegen Wolfsburg ebenfalls nichts zu sehen. Lukas Podolskis Leistung mag zwar nicht zwingend mit der leidigen Kapitänsfrage korrelieren, doch wenn ein Trainer ohne Not ein solch heißes Eisen anfasst, dann darf er sich nicht verbrennen – seit dem 0:3 läuft Solbakken jedoch mit unübersehbaren Brandblasen durch die Gegend. Dass er sich im Gegenzug schützend vor die Mannschaft stellt und sich die Schuld an der Niederlage ganz alleine aufbürdet, mag zwar ehrenvoll erscheinen, ist jedoch am ersten Spieltag einer Saison überzogen. Wie gedenkt er denn zu reagieren, wenn auch nach drei Spieltagen 0 Punkte auf dem Konto stehen?

Die nächste Partie gegen Schalke 04 hat – bereits am zweiten Spieltag – wegweisenden Charakter. Die Schalker, ebenfalls mit einer Niederlage gestartet, werden dem 1. FC Köln im eigenen Stadion alles abverlangen und einen heißen Fight liefern. Man wird sehen, ob die Kölner dem Druck standhalten können und die Herausforderung annehmen.

Jürgen Hingsen hatte nach seinen vier Fehlstarts keine Möglichkeit mehr, seine Fehlleistung zu korrigieren. Der FC hat hingegen noch 33 Spieltage Zeit, die Auftaktniederlage vergessen zu machen und alte Hoffnung wiederzubeleben.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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