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Die Herrschaft der Hundert Tage

© mathias the dread

© mathias the dread

Tritt eine neu gewählte Regierung ihren Staatsdienst an, so bleiben ihr traditionell 100 Tage Zeit, bis politische Beobachter, Kommentatoren, die Presse und das Volk ein erstes, kritisches Zwischenfazit ziehen. In den USA wird diese Tradition seit den Tagen der Großen Depression unter Franklin D. Roosevelt zelebriert. Fünf Tage nach Amtsantritt versammelte FDR den US-Kongress zu einer mammutösen Sitzung, die 100 Tage andauern und an deren Ende das Basispaket des New Deals  geschnürt sein sollte.

Der Ursprung der symbolischen Aufladung der Hundert-Tage-Spanne liegt jedoch noch viel weiter in der Vergangenheit. 1815 kehrte Napoleon Bonaparte aus seinem Exil auf Elba zurück, um die Macht in Frankreich wieder an sich zu reißen und die Quadrupelallianz aus Russland, Großbritannien, Preußen und Österreich vernichtend zu schlagen.  Dass daraus nichts wurde, weiß man spätestens seit dem Grand Prix 1974. So blieb er bis zu seiner Niederlage bei Waterloo gerade einmal 136 Tage auf dem Thron, bis er wieder reif für die Insel war.

Im historischen Rückblick wurde seine Interimstätigkeit als Schrecken Europas dann zur „Herrschaft der Hundert Tage“ verkürzt – man ist schließlich Historiker und kein Buchhalter, mag sich der eine oder andere gedacht haben und da zählt ein schöner Titel eben manchmal auch mehr als penible Exaktheit. Nichtsdestoweniger hält man es bis heute für eine gute Idee, die zur Herrschaft demokratisch legitimierten Entscheidungsköppe nach einhundert Tagen mal so richtig auf Herz und Nieren zu prüfen.

Da man hierzulande gerne vom König Fußball spricht, der zepterschwingend die Freizeit von Millionen Bundesbürgern beherrscht, ist es an dieser Stelle also keineswegs unpassend, auch die laufende Amtszeit jenes runden Monarchen einem kritischen Check zu unterziehen. Die Tatsache, dass die aktuelle Saison statt seit 100 lediglich erst seit 53 Tagen währt, darf einerseits in der Tradition historischer Schlamperei gesehen werden und ist andererseits Ausdruck meiner Unfähigkeit, noch weitere 47 Tage mit einem Zwischenfazit zu warten.

Werfen wir also einen Blick auf die Tabelle nach dem siebten Spieltag: Wir sehen an deren Spitze wiedererstarkte Bayern, die durch Jupp Heynckes ihre verloren geglaubte Stabilität zurückgewonnen haben. Ein wenig verblüfft die reibungslose Wiederkehr des Rekordmeisters an die Spitze des Tableaus. Weit unerwarteter gestaltet sich jedoch das Verfolgerfeld: Werder Bremen trotzt mit Thomas Schaaf, der schon zu Napoleons „Herrschaft der Hundert Tage“ auf der Bank im Weserstadion gesessen haben dürfte, eisern den Regeln des Fußballgeschäfts. Die vermurkste letzte Saison hat Schaaf nicht den Job, sondern ein müdes Lächeln gekostet. Plötzlich rackern die Sorgenkinder von gestern (Marin, Hunt und Arnautovic) wie Musterschüler von heute und gewinnen Spiel um Spiel.

Borussia Mönchengladbach hingegen darf sich große Hoffnungen auf den inoffiziellen (und nur hier vergebenen) Titel „Most Improved Team“ machen. Überzeugend landete der letztjährige Relegationsteilnehmer bislang seine fünf Siege und scheint über die nötige Substanz zu verfügen, nicht nur die Überraschungsmannschaft der Stunde, sondern auch der Saison zu werden.

Interessant ist auch der Blick in die Vergangenheit, der uns verrät, dass die jetzige Spitzentroika in der letzten Saison nach sieben Spieltagen auf den Plätzen 12, 13 und 15 lag.

Hinter dem Trio entfaltet sich ein bräsig breites Mittelfeld, das von Platz 4 (Hoffenheim) bis Platz 13 (Wolfsburg) reicht. Hannover 96 beweist, dass die gute Platzierung 2010/11 kein One-Hit-Wonder war, und dass Mirko Slomka einen soliden Kader mit einem klaren Spielsystem ausgestattet hat, das diesen stets – auch ohne Spitzenkraft Ya Konan – zu einem unangenehmen Gegner für andere Teams werden lässt. Der BVB ringt derweil mit der Plattitüde „Nach oben kommen ist leicht, oben bleiben ist schwer!“, weiß aber trotz durchschnittlicher Punkteausbeute spielerisch meist zu überzeugen. Nach sieben Spieltagen ist jedoch auch klar, dass Gündogan die Schuhe von Vorgänger Sahin noch nicht ausfüllen kann und dass sich der 19-jährige Mario Götze inzwischen zu einem unverzichtbaren Baustein in Klopps System gemausert hat.

In Stuttgart und auf Schalke dürfte man mit Blick auf den 7. Spieltag 2010/11, als man in der Tabelle die letzten beiden Plätze belegte, mit dem diesjährigen Saisonstart einigermaßen zufrieden sein. Eine klare Prognose für den weiteren Saisonverlauf lässt sich jedoch ebenso schwer treffen wie für alle anderen Mannschaften im Tabellenmittelfeld. Leverkusen hat bislang enttäuscht, schöpft zu wenig aus seinem Potential, wird aber in der Tendenz weiter nach oben klettern, Hoffenheim überzeugt, zeigt sich jedoch wenig konstant, Nürnberg dürfte weder mit dem Abstieg noch mit den Europa League-Plätzen etwas zu tun haben, und der 1. FC Köln pendelt wie immer zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Euphoriegipfel und Jammertal. Die Leistungen der Domstädter dürften auch in der laufenden Saison derart schwankend ausfallen, dass Fans und Umfeld mal von der Champions League träumen, mal vor dem Abstieg zittern.

Im Tabellenkeller dürfte es am Saisonende für jene Mannschaften ungemütlich werden, die sich nach dem siebten Spieltag bereits dort befinden. Kaiserslautern, Freiburg, Augsburg werden voraussichtlich um die rote Laterne kämpfen. Auch für Mainz 05, den HSV, Hertha BSC Berlin und den VfL Wolfsburg wird die aktuelle Spielzeit wahrscheinlich vom Kampf ums Erstligaüberleben geprägt sein; womöglich ergänzt von einem Club derer, die sich lange Zeit im sicheren Mittelfeld wähnt und dann doch vom Sog des Niedergangs erfasst werden könnte (Köln, Schalke).

Das Zwischenfazit ist also klar: 53 Tage reichen nicht aus, um eine Saison zu bewerten. Dennoch lässt sich schon jetzt der Trend erkennen, dass die verrückte letztjährige Saison keine Wiederholung finden wird. Der Topfavorit hat sich rasch an der Tabellenspitze festgesetzt, während die Abstiegskandidaten rasant nach unten gespült wurden. Einzig Gladbach und der HSV wissen momentan zu überraschen, die einen positiv, die anderen negativ.

Weitere Überraschungen werden im Verlauf der nächsten Wochen folgen. Vielleicht macht es also doch Sinn, sich 100 Tage bis zum ersten Fazit zu gedulden. In unserem Fall ist es gar noch sinnvoller, sich dem Primat der Geschichte zu unterwerfen und die vollen 136 Tage, die Napoleons Herrschaft damals dauerte, bis zur Zwischenbilanz zu warten: Dann geht die Bundesliga in die Winterpause, mit einem Herbstmeister an der Tabellenspitze.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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