Home
RSS Feed

Zündeln gefährdet ihre Gesundheit!

© Tomas Caspers/Flickr.com

© Tomas Caspers/Flickr.com

“Ich bin stolz, Mitglied eines Klubs zu sein, dessen Fundament die Ablehnung von Gewalt ist”! St. Pauli Präsident Stefan Orth hielt bei der Mitgliederversammlung am 14. November des Hamburger Stadtteilclubs ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Gewalt. Unter dem Eindruck des überstandenen Hass-Derbys gegen Hansa Rostock, bei dem St. Pauli-Fans von den gegnerischen Fans mit Feuerwerkskörpern beschossen worden waren, rechnete er mit der Gewalt im Fußball ab: “Und ich bin glücklich darüber, dass bei uns nicht geklatscht wird, wenn die Fans des anderen Teams mit Raketen beschossen werden.”

Nicht nur die offenen Worte des Präsidenten positionieren St. Pauli auf der richtigen Seite im Kampf gegen Gewalt, gegen illegale Pyrotechnik und hasserfüllte Ausschreitungen in Deutschlands Stadien. Auch Aktionen wie jene vom vergangenen Wochenende nach dem Spiel gegen Dynamo Dresden unterfüttern das positive Image des Vereins. So lesen wir im aktuellen Kicker, dass Dynamo Dresden, des Krawalls durch die eigenen Fans längst überdrüssig, auf sein Kontingent an Auswärtskarten verzichtet hatte. Die Partie in Hamburg wurde prompt nicht mehr als Risikospiel eingestuft und damit der Alkoholausschank freigegeben. Die St. Paulianer – dankbare Suffköppe, die sie sind – ließen von den dadurch erzielten Mehreinnahmen 6500 € dem Fanprojekt von Dynamo Dresden zukommen. Eine respektable Geste.

Dennoch, man ahnt es schon, ist auch im Kiez nicht alles eitel Sonnenschein. So wurde ich dank der Sportschau vom 13. Spieltag Zeuge, wie die Spieler des FC St. Pauli nach ihrem Auswärtssieg gegen den Erzfeind Hansa Rostock mit den mitgereisten Fans feierten. Eine improvisierte Welle vor der Kurve, kollektives Winken, Lachen, Jubeln, dann zündet ein Fan einen Feuerwerkskörper, kollektives Winken, Lachen, Jubeln, die Spieler drehen ab, unterhalten sich über Spielszenen oder Kochrezepte, und niemand, aber auch niemand stört sich am zündelnden Anhänger.

Nun werden viele so genannte Ultras angesichts dieser Szene wieder mit ihrer Verharmlosung von Pyros kommen, aber auf diese Diskussion lasse ich mich gar nicht erst ein. Die Gesundheitsgefährdung von Passivrauchern ist inzwischen gesellschaftlich anerkannt und niemand würde heutzutage noch dulden, dass jemand in einer Nichtraucherkneipe einen Glimmstengel anzündet – der Aufschrei wäre groß, der rauchende Gast hingegen rasch vor der Tür.

Die Gesundheitsgefährdung von Passivpyrotechnikern ist durch ihre Unmittelbarkeit eigentlich noch viel einleuchtender. Die Gefahr entsteht immer dann, sobald Pyros und Feuerwerkskörper auf engstem Raum mit einer Menschenmenge in Berührung kommen, was im Fanblock ja kein allzu gewagtes Szenario ist. Daher mag die Gesundheitsgefährdung Dritter vielleicht nur bestreiten, wer die abgeschossenen Raketen zu häufig gegen den eigenen Schädel hat knallen lassen. Doch von der sozialen Sanktionierung sind wir weiter entfernt als die Raketen fliegen können. Im Fanblock bleibt der Aufschrei aus, der zündelnde Gast darf in Ruhe weiter sein Rauchwerk in die Gesichter Unbeteiligter halten.

Die beschriebene Szene vom St. Pauli-Spiel ist Ausdruck jener mangelhaften Sensibilisierung, was verbotenes Krawalltum, getarnt als folkloristisches Fantum, angeht. Wie kann es sein, dass kein Spieler von St. Pauli erregt an den Zaun trat, um den Urheber von Rauch und Blendwerk zur Rechenschaft zu ziehen? Wo blieb der Einspruch des Spielführers? Warum herrschte unbeteiligte Gleichgültigkeit?

Um die allgegenwärtig aufkommende Gewalt in den Stadien im Keim zu ersticken, braucht es klare Grenzziehungen und harte Sanktionen, aber vor allem: eine gesellschaftliche Sensibilisierung. Jeder an einer Fußballpartie Beteiligte ist mit seiner eigenen Zivilcourage verantwortlich für das friedliche Funktionieren einer solchen Massenveranstaltung. Fans müssen Fans zur Rechenschaft ziehen, die Grenzen überschreiten und Regeln brechen. Wenn am Würstchenstand 2,50 € geklaut werden, dann regen sich alle auf und laufen dem Dieb hinterher. Diebstahl, pfui, das ist verboten. Wer aber ein Feuerzeug in Richtung Schiedsrichter wirft, erntet oft nur zustimmendes Gelächter. Wer sein Bengalo entfacht, ist sich des Respekts der Ultra-Fanszene sicher.

Auch die Spieler müssen endlich einsehen, dass sie nicht nur die Aufgabe haben, Tore zu schießen, sondern couragiert ihre gesellschaftliche Position zu nutzen haben. Wenn Lukas Podolski mit der Armbinde der häufig randalierenden Ultra-Gruppe „Die wilde Horde“ herumläuft, dann untergräbt er das Fundament eines gesellschaftlichen Systems, das Regeln und Verbote braucht, damit das Gemeinwesen funktioniert. Da reicht es dann auch nicht, sich nach tumultartigen Risikospielen vor den Kameras zu positionieren und sein Bedauern auszudrücken. Den Worten müssen Taten folgen: Wenn Spieler, wie in Rostock geschehen, unmittelbar und in geradezu intimer Atmosphäre eine Grenzüberschreitung beobachten, dann müssen sie einschreiten und müssen jenen, die sich als Wochenend-Outlaws gerieren und montags an der roten Fußgängerampel stehen bleiben, deutlich machen, was sie von solchen Aktionen halten: Zieh den Schal aus! Du kannst ab jetzt zu Hause bleiben! Du bist nicht unser Fan!

Ein Hoffnungsschimmer kam am Wochenende aus dem Signal-Iduna-Park zu Dortmund, genauer gesagt: aus dem Schalker Fanblock. Dort hatte es sich der Vorstandsvorsitzende Clemens Tönnies Josef Schnusenberg gemütlich gemacht, als Fans sich bemüßigt fühlten, der nicht existenten Spielfreude des eigenen Teams mit bengalischer Freude auf den Rängen zu begegnen. Tönnies Schnusenberg, ein Mann klarer Worte, ließ sich nicht lange bitten und machte den Krawallbrüdern lautstark klar, dass er ihre Freude nicht teilte. Mit seinem Handy fotografierte er die Tatverdächtigten und leitete das Bild an den Sicherheitsdienst weiter. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

4 Portionen Senf

Pohli  on December 2nd, 2011

Tut mir leid, aber das ist schlecht.

Der einleitende Absatz zeigt ja wie weltfremd der Hamburger Stadtteilverein ist. Man denke sich 2 Jahre an selben Ort zurück. Die Hamburger Gäste schießen Leuchtraketen in die Rostocker Blöcke und feiern.

Zudem will der Schreiber hier dem Leser weismachen, ein einziger Gästefan hätte ein Bengalo gezündet. Vor den dreckigen Leuchtraketen der Rostocker und nach dem Spiel wurden mehrere Bengalos und Böller gezündet.

Und das sich jeder, wie Podolski, den Ultragruppierungen abwenden soll… Was soll das denn bitte? Man darf nicht nur schwarz-weiß denken, was die Ultra-Thematik betrifft. Ohne Ultras hätten wir englisches Stadionfeeling…

Und Tönnies heißt jetzt wohl Schnusenberg!?

Hennes  on December 5th, 2011

Die Kritik für die Tönnies-Schnusenberg-Verwechslungskomödie ist völlig berechtigt. Das war Schlamperei und sollte normalerweise nicht vorkommen.

Die anderen Punkte kann ich so aber nicht verstehen, da sie den Kern meiner Aussagen nicht widerspiegeln.

So will ich niemandem weismachen, lediglich ein einzelner Fan von St.Pauli hätte einen Feuerwerkskörper gezündet. Jeder, der die Zusammenfassung gesehen hat, weiß, dass es auf den Rängen auf beiden Seiten ganz gut abging. Genausowenig will ich dem Leser weismachen, ein einziger Rostockfan hätte mit Raketen geschossen. Auf die Anzahl kommt es mir ja auch gar nicht an. Ich beziehe mich ausdrücklich auf die Szene nach dem Schlusspfiff und da war eben kein Meer aus Bengalos zu sehen, sondern ein so genannter Einzeltäter. Das ist ja auch wichtig für meine Aussage. Ich will es keinem Spieler zumuten, gegen 200 bengalische Feuer einzuschreiten. Das könnte schwierig werden. Aber wenn man eben einen Einzelnen sieht, dann kann sich die Mannschaft durchaus Gehör verschaffen. Und das haben die St.Pauli-Spieler versäumt, und das gehört kritisiert.

Bei der Ultra-Thematik stimme ich Dir zu, das sollte man nicht nur nach dem Schwarz-Weiß-Schema beurteilen. Aber dann trennen sich unsere Wege. Mir wird das nämlich viel zu häufig unnötig aufgehellt und weiß gemalt.

Ach, die tollen Ultras, die sorgen doch immer für Stimmung und die tollen Choreographien, wenn sie ausgesperrt werden, dann gibt’s gar keine Fankultur mehr. Nur so blöde Event-Fans mit Kindern.

Die Meinung kann man vertreten, ich tue das nicht. Wären die Ultras weg, dann gäbe es Platz für Fans, die gar keinen Bock auf diese Ultra-Mode haben, aber dennoch für Stimmung sorgen. Klappt ja bspw. auch bei Spielen der Nationalmannschaft. Diese häufig straffe Organisation mit Capo aufm Zaun stößt Viele ab und schließt Viele aus.

Aber darauf will ich gar nicht eingehen. Bei mir wird eine Grenze gezogen, sobald Gewalt mit im Spiel ist und die ist nachweislich der Kölner Gruppierung “Wilde Horde” nicht ganz fremd. Allein deswegen nehme ich es Poldi übel, dass er sich (vor einiger Zeit) mit der Binde der Gruppierung schmückte. Friedliche Fans können wegen mir machen, was sie wollen. Ich freue mich, wenn sie originelle Fangesänge anstimmen und wende mich ab, wenn sie Gegner und Schiedsrichter bepöbeln. Das ist mir einfach zu blöd. Aber solange sich jeder an die Regeln hält, niemanden gefährdet, dann kann er rufen und singen, was er will, kann sich als Ultra fühlen…mir egal. Aber lasst Eure Aggressionen zu Hause.

Pohli  on December 11th, 2011

Okay, ich gebe zu, mir fehlte bei meinem Kommentar ein wenig die Objektivität. Aber in Sachen St. Pauli hat sich mit der Zeit ein kleiner, eigener Pawlow eingeschlichen.
Es ist schade, dass Orts Kommentar Eins zu Eins übernommen wurde. Wie erwähnt schaue man sich z.B. folgendes von vor 2 Jahren an: http://www.youtube.com/watch?v=p16hcglb7QA

Ansonsten hast du natürlich Recht, was die Gewaltthematik angeht. Da gibt es keine zwei Meinung. Rivalität ja klar, Gewalt nein. Das kam in meinem Kommentar zu kurz, sorry.

Allerdings ist das Bild der Medien zu einfach gestrickt, dass die Ultras das Übel sind. Genauso die fehlende Unterscheidungen von Pyro und Gewalt. Immer heißt es “Randale, Hooligans, Chaoten”, egal was auf den Rängen passiert. Bengalos in Vereinsfarben wird auf einer Stufe gestellt mit Schlägereien um den Stadien verglichen. Der Betze brennt hieß es noch vor Jahren, das sollen auch Randale gewesen sein?

Ich kann nur für die Rostocker Szene sprechen und hier wurde leider versäumt die nachfolgende Generation vernünftig einzugliedern, die Integration in den Block wurde zu sorglos betrachtet.
Das muss man sich ankreiden lassen. Man hat das Ruder aus der Hand gegeben und hat es nicht gemerkt.

Ich denke die Gesamtsituation ist extrem festgefahren. Alle Parteien (Ultras/Fans, Medien, DFB, Polizei) fühlen sich in die Ecke getrieben und sind in keinster Weise mehr kompromissbereit. Wobei ich die Medien ein wenig aussen vor sehe. Die reiben sich schön die Bäuche und tragen zur weiteren Zuspitzung bei.
Den Slogan “Ihr macht unseren Sport kaputt”, der fanseitig gegen die Kommerzialisierung anspielt, passt auch bei dieser Thematik und kann sich schön von allen Parteien auf die Fahne geschrieben werden. Das ist ein Gesamtwerk aller.

Aber eigentlich: es ist doch nur Fußball…..

Hennes  on December 13th, 2011

Ich kann gut verstehen, dass Dein Pawlow-Köter bei der häufig einseitigen St.Pauli-Berichterstattung anschlägt. St.Pauli ist für mich der Philipp Lahm unter den Vereinen: Häufig überschätzt, zu 99% wohlwollend und viel zu selten kritisch dargestellt.

Mir ist die Attitüde des Vereins ja auch sympathisch, aber die unkritische Schwärmerei geht mir auf die Nerven.

Das mit den Pyros sehe ich ein bisschen differenzierter. Ich bin da zwar kein Experte und habe ein Bengalo weder je in der Hand gehalten, noch daneben gestanden, wenn’s jemand abgefackelt hat, aber mit Feuerwerkskörpern habe ich schon Erfahrungen gemacht. Und die gehören für mich nicht in einen engen Zuschauerblock. Bei Bengalos bin ich mir meiner strikten Ablehnung nicht so sicher, aber ungefährlich sehen die Dinger ebenfalls nicht aus; deswegen auch hier mein Urteil: WEG DAMIT!

Dieser Hinweis auf den brennenden Betze, oder noch häufiger zu hören, auf die Stadionkultur in Griechenland, Serbien, Italien oder Argentinien, geht mir viel zu sehr in Richtung fehlgeleitete Folklore. Um mein Beispiel aus dem Text wieder aufzunehmen: Ich fand’s auch bequemer, in jeder Kneipe rauchen zu können und trauere manchmal der guten alten Zeit nach. Aber den Sinn des Verbots stelle ich nicht ernsthaft in Frage.

Mit allem, was andere Anwesende gefährdet, will ich im Stadion nix zu tun haben. Das hat in meinen Augen auch nix mit Stimmung zu tun, wenn ich anderen Leuten durch das Abbrennen eines Feuerwerkskörpers meinen Willen aufzwänge. “Ihr steht hier im Fanblock, also müsst Ihr damit klarkommen!” Das sehe ich nicht ein – ich habe genauso mein Geld bezahlt.

Natürlich läuft bei einer Massenveranstaltung mit 50.000 Leuten nicht alles nach meinem Gusto. Aber wenn mir Gesänge, Pöbeleien, Rumgehüpfe etc. auf die Nerven gehen, dann ist das mein Problem. Sobald ich aber in irgendeiner Weise gefährdet bin, dann hört der Spaß auf. Und ich bin schon groß und kann mich wehren…manchmal werden aber auch Kinder und Jugendliche gefährdet. Das ist nicht in Ordnung! Deswegen habe ich da so eine strikte Anti-Haltung!

Gib Deinen Senf dazu!