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Crash Test Dummies

©Runs_with_scissors/flickr.com

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Zurzeit findet die Handballeuropameisterschaft in Serbien statt. Wenn man sich die Spiele anschaut, dann ist man immer wieder erstaunt, mit welcher Rücksichtslosigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit die Spieler agieren, mit welcher Wucht sie gegenseitig ineinander rauschen und mit welcher Kraft und körperlichen Intensität die Stellungskämpfe am Kreis ausgefochten werden. Schließlich gehört es doch zum Selbstverständnis eines Handballers, furchtlos zu sein, stark, robust und tapfer – der Handballer als Ritter der Neuzeit.

Wann immer Vergleiche zwischen Hand- und Fußball angestellt werden, dann huscht einem Spieler wie Abwehrhüne Oliver Roggisch, seines Zeichens mehr moderner Gladiator als Ballzauberer, ein müdes, manchmal gar abschätziges Lächeln über die Lippen. Aus seiner Perspektive ist der gemeine Fußballer eine empfindsame Diva, die bei jedem Zweikampf theatralisch zu Boden geht, sich nach einem Foul achtmal auf dem Rasen überschlägt und beim kleinsten Zwicken im Oberschenkel eine dreiwöchige Pause einlegen muss.

Dass aber auch die Fußballer auf dem Spielfeld zunehmend ohne Rücksicht auf eigene körperliche Verluste agieren, lässt sich in der laufenden Saison gut beobachten. Am Wochenende brach sich der Bremer Sebastian Prödl das Nasenbein, den Schalker Benedikt Höwedes traf es – genauer gesagt: der Kopf des Mitspielers – am Jochbein.

Damit summiert sich die Zahl der bedenklichen Kopfverletzungen auf neun – und wir schreiben erst den 18. Spieltag in der Liga, in den internationalen Wettbewerben sind gerade erst die Gruppenphasen absolviert und die EM im Sommer steht noch gänzlich vor der Tür. Doch schon zu diesem frühen Zeitpunkt ergibt eine Aufstellung der Verletzungsopfer eine Galerie des Schreckens, die wir zwar niemandem vorenthalten möchten, die aber das vermeintliche Churchill-Zitat „Sport ist Mord“ mit neuem Leben erfüllen dürfte:

Gibt es Gründe für die auffällige Häufung der Kopfverletzungen? Müssen gar neue Schutzmaßnahmen für die Spieler getroffen werden? Laufen dann bald alle wie Petr Cech oder Cristian Chivu über den Rasen?

Das Spiel hat im Lauf der letzten Jahre sicherlich an Intensität gewonnen, die wiederum der gesteigerten Athletik seiner Protagonisten geschuldet ist. Dabei wachsen die Möglichkeiten, auch noch die letzten körperlichen Kraftreserven auszuschöpfen, mit dem Fortschritt der Trainingsmethodik zwar stetig, doch insgesamt zu langsam, um eine sprunghafte Veränderung von einer Saison zur nächsten zu erklären. Die Mannschaft des BVB spielt 2012 nicht schneller, härter, kraftvoller als der BVB 2011 – wohl aber, als die Mannschaft des BVB 2002.

Ebenso wenig lässt sich eine Zunahme von Härte und Unfairness im Spiel nachweisen. Die Zahl der gelben und roten Karten bewegt sich auf durchschnittlichem Niveau, und die Aktionen, die zu den beschriebenen Verletzungen führten, waren in vielen Fällen unbeabsichtigte Manöver der Gegen-, ja manchmal gar der Mitspieler, ohne bösartige Intention.

Womöglich lässt sich konstatieren, dass die Konsequenz in den Aktionen auf dem Spielfeld zugenommen hat. Wo früher das Bein nicht voll durchgezogen wurde, sei es aus Rücksicht, sei es aus Lässigkeit, da regiert heute das Motto „Nach mir die Sintflut“. Wo früher der Schädel vorsorglich zurückgezogen wurde, sei es aus Feigheit, sei es mit gesundem Menschenverstand, da heißt es heute „Augen zu und durch“. So nimmt es nicht wunder, dass es vermehrt zu Zusammenstößen, Ellbogenchecks und Tritten über der Halskrause kommt. Und dennoch: Auch dieser Erklärungsansatz versagt – denn wer möchte ernsthaft behaupten, die aktuelle Saison sei intensiver als alle jemals zuvor?

Letztlich bleibt als einzig logisch verbliebene Erklärung ein Bekenntnis zur Unlogik: „Pech gehabt“! Die Verletzungen gehen lediglich aufs Konto von Gevatter Zufall. Wo gestern das Nasenbein standhielt, knackt es heute zweimal, wo gestern der Fallrückzieher vier Zentimeter weiter vorne stattfand, trifft heute der Schuh ins Gesicht. Den in der Folge maskierten, bandagierten und malträtierten Profis hilft das freilich wenig.

Die deutsche Handballnationalmannschaft ist übrigens vor wenigen Stunden aus dem EM-Turnier geflogen. Das Team kämpfte aufopferungsvoll wie immer, mit letztem körperlichem Einsatz. In der Abwehr stand natürlich auch Oliver Roggisch wieder seinen Mann. Er rang mit den polnischen Kreisläufern, warf sich den Rückraumschützen entgegen – jammern hörte man ihn nicht. Er spielte übrigens bereits die zweite Partie in Folge mit gebrochenem Nasenbein. Ohne Schutzmaske.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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