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Heldenverehrung

©hanna b™/flickr

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Um es gleich vorwegzunehmen: Michael Ballack war immer mein Held. Ist noch immer mein Held und wird es wohl auch nach dem Ende dieses Textes bleiben. Denn wir beide, er und ich, sind miteinander verbunden. Zugegeben, klingt sehr esoterisch, schließlich sind wir nicht am selben Tag geboren, stammen aus unterschiedlichen Gegenden, haben uns nie getroffen, und ich kommuniziere auch nicht heimlich mit ihm, nachts, wenn alle schlafen, nur mittels Gedankenkraft. Nein, die Sache ist viel harmloser: In einer Zeit, als es im Studium für mich zahllose wichtigere Dinge als Fußball gab, in einer Zeit, als die deutsche Nationalmannschaft darbend am Boden der sportlichen Bedeutungslosigkeit lag, da kam Michael Ballack und schaffte es, mein Interesse am früher so heiß geliebten Sport wieder zu entfachen. Ohne Michael Ballack, soviel lässt sich ohne Übertreibung behaupten, gäbe es diesen Blog nicht.

Michael Ballack schwang sich Anfang des neuen Jahrtausends auf, den deutschen Fußball durchs dunkle Tal des Misserfolgs zu führen. Er stemmte sich gegen die Ungnade der späten (im Vergleich zur Matthäus-Generation) respektive frühen (im Vergleich zur Götze-Generation) Geburt, die seine Fußballergeneration zu einem Zeitpunkt auf die Bühne des Weltfußballs schickte, als Deutschland längst eine Statistenrolle eingenommen hatte. Während Mehmet Scholl mehr verletzt als spielend durch lockere Sprüche begeisterte, während Sebastian Deisler zu unser aller Bedauern ein uneingelöstes Versprechen blieb, stand Ballack immer seinen Mann.

Mit Titan Kahn im Tor, mit Miroslav Klose im gegnerischen Strafraum und mit Torsten Frings an seiner Seite schaffte es Michael Ballack, dass die EM- und WM-Sommer für mich wieder zu einer eigenen Jahreszeit wurden; dass ich meine Urlaubsplanung auf die Turniere abstimmte; dass ich alle zwei Jahre spätestens ab April damit begann, von Fußball zu träumen; dass ich mich plötzlich wieder zwölf Jahre alt fühlte, den Abstellraum im Haus meiner Eltern in ein eigenes WM-Studio verwandelnd, mit selbstgemalten Plakaten und Landesflaggen an der Wand, mein Gesicht nicht mehr vom Fernseher abwendend, selbst wenn die Partie bloß Irland gegen Ägypten hieß.

2002 litt ich mit Michael Ballack, als er im Halbfinale ein entscheidendes Foul beging und im Finale zusehen musste. 2004 ertrug ich mit Ballack alle schlechten Spiele der deutschen Elf. 2006 weinte ich mit ihm nach den späten italienischen Toren in der Verlängerung. 2008 lachte ich über Mario Gomez und schrie, als Ballack den Freistoß ins österreichische Tor drosch. 2010 saß ich live vor dem Fernseher, als Kevin-Prince Boateng von hinten angerauscht kam und spürte den Schmerz des Fouls im eigenen Knöchel.

Einfach war es mit ihm nie; ohne Trauer, Wut und Enttäuschung ging es nicht. Doch vielleicht ist genau das der Grund für meine Begeisterung für den Sportler Ballack. Standen uns Boris Becker oder Dirk Nowitzki nicht stets viel näher als Michael Schumacher, der mit glatten Siegesserien langweilte? Liebte man die einen nicht gerade deswegen, weil sie in ihrer Laufbahn so viele herbe Niederlagen hinnehmen mussten? Weil sie sich stets mit aller Kraft gegen den Misserfolg auflehnten und trotzdem häufig verloren? Weil ihre Siege danach nur umso süßer schmeckten?

Michael Ballack blieb der ganz große Triumph freilich verwehrt. Dieser Status des Unvollendeten lässt mich auch im Spätherbst seiner Karriere kaum ruhen. Nach seinem Wechsel zu Bayer Leverkusen prophezeite ich den Sieg der Werkself in der Champions League, hoffte lange auf eine Rückkehr ins Nationalteam für die EM 2012; alles nur, um ihn am Ende eines entscheidenden Spiels endlich einmal lachen zu sehen.

Die zunehmende Lautstärke der Kritik an Michael Ballack blieb mir natürlich nicht verborgen. Schon im Film „Deutschland – Ein Sommermärchen“ wirkte es seltsam, dass sich ausgerechnet der Capitano gegen einen Auftritt auf der Fanmeile in Berlin aussprach. 2008 verwunderte der Streit mit Oliver Bierhoff, und man ahnte bereits, dass es im Team ordentlich rumoren musste, damit sich ein friedliebender Lukas Podolski zur öffentlichen Ohrfeige hinreißen ließ. 2010 spürte man erst die Verunsicherung und dann die Erleichterung in der Nationalelf, als der alte Leitwolf zu Hause bleiben musste. Was folgte, war die öffentliche Posse um Ballacks Rücktritt, deren Ursprünge bis heute ungeklärt sind. Und auch der neuerliche Zwist, den Ballack mit den Verantwortlichen in Leverkusen austrägt, lässt mich ratlos zurück.

Natürlich kann ich von außen nicht beurteilen, ob der so verehrte Sportler außerhalb des Platzes ein Querulant ist, ein sturer Egomane. Die Anzeichen häufen sich – doch wem soll man glauben? Der Presse, die den lange Zeit einzigen Weltstar im deutschen Fußball häufig wie ein lästiges Ärgernis behandelte? Den vermeintlichen TV-Experten, die erst Ballacks fehlenden Führungswillen, dann seine Alleinherrscher-Attitüde kritisierten? Den Entscheidungsträgern im deutschen Fußball, die in Ballack je nach Bedarf einen torgefährlichen Mittelfeldspieler, den Capitano, einen greisen Frührentner oder den kickenden Heilsbringer sahen?

Man muss wohl bis zum unwiderruflichen Ende von Ballacks Karriere warten, um in den Zeitungen lobende Worte über ihn lesen zu können. Ähnlich wie Thomas Gottschalk, der nach jeder Wetten Dass-Sendung niedergeschrieben wurde, als gäbe es kein Morgen, bis er sich schließlich zum Rückzug entschloss und als Reaktion überschwängliche Huldigung allerorten erntete, bleibt Michael Ballack auch in den letzten Monaten seiner erfolgreichen Laufbahn für die Presse ein Subjekt inniger Hassliebe. Zum Glück bin ich nur ein einfacher Fan. Für mich bleibt er ein Held…

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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