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„Bleiben Sie in Lviv!!!“

Meine Koffer sind gepackt. Bald geht die Reise los. Ich fahre zur Europameisterschaft in die Ukraine. Zugegeben, mir hat die ganze Boykott-Diskussion zu denken gegeben, und die Stimmung vor Ort wird ohne die Europäische Kommission natürlich nicht annähernd so ausgelassen sein wie erhofft. Aber vor Wochen erhielt ich ein Angebot, das ich einfach nicht ausschlagen konnte. Es flatterte per E-Mail in mein Postfach, und fast hätte ich es übersehen – Spam-Ordner sei Dank. Doch zum Glück bin ich ein treuer Leser von Viagra-Werbung und Tipps zur Penisverlängerung, so dass ich schließlich doch noch über das Schnäppchen eines mir bis dato unbekannten Reiseanbieters stolperte. Aber eine gesunde Neugier nannte ich schon seit jeher mein Eigen.
Im unten aufgeführten und professionell gestalteten PDF wird ein Reiseprogramm „speziell für die Deutschefußballfans“ feilgeboten. Das klingt, als sei dieses Programm ganz auf mich zugeschnitten, dachte ich direkt, schließlich bin ich ein Deutschefußballfan. Und fürwahr, was ich weiter lesen konnte, ließ mich vor Begeisterung glucksen:

„Wir werden Sie eine Namenskarte mit die individuelle Nummer anbieten. Die Karte wirt Ihnen des komfortabelen und sicheren Aufenthaltes in Lwiw fuer die Zeit der Durchfuehrung Meisterschaft Europas in Ukraine, mit der Unterstuetzung der Organe der Selbstverwaltung.“

Das war doch genau das, was ich gesucht hatte. Eine Karte für „die Zeit der Durchfuehrung Meisterschaft Europas in Ukraine“. Bisher hatte das nur noch nie jemand so gezielt auf den Punkt gebracht.

In freudiger Erwartung las ich also weiter und erfuhr, dass ich die Karte im Wert von 300 Euro zugeschickt bekäme, sobald ich per Post mit 150 Euro in Vorleistung getreten wäre. Das sind ja vertrauensselige Naivlinge, schoss es mir durch den Kopf, und insgeheim schmiedete ich bereits Pläne, die zweite Hälfte der 300 Euro nach Erhalt des Tickets gar nicht mehr zu bezahlen. Doch dann erfuhr ich, dass mit dem Erwerb der Karte weitere Annehmlichkeiten verbunden sein sollten, so dass meine kriminelle Energie rasch wieder versiegte. Ich sollte laut Dokument „folgende Bedinungen geniessen“. Ein Rendezvous mit „Champagner“, Flughafentransfer, praktische VVVO Lviv nebst einer Empfehlung der deutschen Sprache sowie einen Fan-Pass für die Fanmeile in Lviv. Gut, unter den praktischen VVVO konnte ich mir nichts vorstellen, aber auf die Empfehlung der deutschen Sprache freute ich mich wie Bolle. Vor dem inneren Auge erschien mir sogleich ein alter, runzliger ukrainischer Bauer, zahnloser als der deutsche Durchschnittsbürger, der mit zusammengekniffenen Augen den Daumen hebt und mir zuruft: „Deutsches Sprak, gut, gut!“

Die Fanmeile in Lviv verspricht zudem ganz außergewöhnliche Unterhaltung, vor allem die „Wettberwerbe für Fans von Fastfood-Restaurants“ lassen mir jetzt schon das Wasser im Mund zusammenlaufen. Hoffentlich bekomme ich dann auch noch einen Platz für eine der 50 Exkursionen, denn wer will schon die ganze Zeit in Lviv abhängen. Wie eintönig. Dann lieber zwischendurch mal ab nach Lwow. Raus aus Lviv, von Lviv nach Lwow, das fluppt doch schon so schön bei der Aussprache. Apropos Sprache – mit der Exkursion werde ich weitere „Informationen zur Unterstützung der deutschen Sprache während Ihres [also meines] Aufenthaltes in der Ukraine“ erhalten. Ob dann der zahnlose Bauer durch den Bus läuft und uns zeigt, wie man den Daumen hebt? „Deutsches Sprak, gut, guuuut!“

Letztendlich hat aber die letzte der aufgeführten Inklusivleistungen den Ausschlag gegeben, mich auf das Abenteuer EM einzulassen: „die Lösung eines Konflikts zu Ihren Gunsten“. Dieses Angebot kommt einer Revolutionierung der Tourismusbranche gleich. Ich fahre also in die Ukraine, suche mir einen x-beliebigen Konflikt, zücke meine Reiseunterlagen und lehne mich zurück, bis sich der Streit zu meinen Gunsten löst. Da trifft es sich doch gut, dass sich die ukrainische Regierung im Konflikt mit einer gewissen Julia Timoschenko befindet. Von wegen Boykott – ich werde also nicht nur die EM genießen, Lviv und Lwow besichtigen, mich mit ukrainischen Bauern unterhalten (auf Deutsch), sondern werde quasi im Vorrübergehen auch noch eine diplomatische Krise ersten Ranges lösen. Und das für schlappe 300 Euro. Ich muss nur noch rasch bei der angegeben Telefonnummer anrufen und nach Olga fragen. Denn ich fürchte fast, die Deutsche Post hat mal wieder Mist gebaut. Ich habe die 150 Euro schon vor Wochen verschickt, und die Karte ist noch immer nicht angekommen.

EURO_2012

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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