Home
RSS Feed

…und Herr Litfaß erstarrte zur Säule

© zettberlin/photocase.com

© zettberlin/photocase.com

Schaut man sich im Fußballstadion um, dann wirkt die Fankurve, in der die Ultras und die treuen Anhänger eines Vereins stehen, bunt, farbenfroh und lebendig. Das liegt mitunter an der kreativen Fan-Choreographie, manchmal am pyrotechnischen Unfug, aber immer auch an der allgegenwärtigen Werbung auf den Trikots, die zu Hunderten in der Fankurve aufgetragen werden. Jeder Fan, der seine stolzgeschwellte Brust mit dem Vereinsleibchen verhüllt, ist gleichzeitig auch immer eine kleine Litfaßsäule mit Werbung. Ob Rewe, DB, Telekom, VW oder Evonik; der Trikotsponsor prangt nicht nur auf dem Rasen an exponierter Stelle, sondern darf sich auch dank der tausendfachen Multiplikation auf den Rängen angenehm vervielfacht fühlen.

Das Trikotsponsoring im Fußball ist die Königsdisziplin der Werbetreibenden. Kaum einer anderen Werbefläche wird in Deutschland ähnlich viel Aufmerksamkeit gewidmet wie den verhüllten Oberkörpern von Fußballern. Allein die Vereine der 1. Bundesliga kassierten in der Saison 2011/12 rund 118 Millionen Euro – nur für die Trikotwerbung. Damit liegt Deutschlands oberste Spielklasse im europäischen Vergleich auf Platz zwei, gleich hinter der englischen Premier League (135 Mio.)

Zwar haben auf Vereinsebene noch die spanischen Spitzenclub aus Barcelona (30 Mio./Emirat Quatar) und Madrid (25 Mio. bwin) die Nase vorn, doch dann folgt schon der FC Bayern (23 Mio. Telekom) mit den englischen Spitzenvereinen Manchester United (Aon), Manchester City (Etihad Airways) und FC Liverpool (Standard Chartered Bank). In der Bundesliga liegen Wolfsburg (20 Mio. VW) und Schalke 04 (Gasprom 16 Mio.) auf den vorderen Plätzen. Das dürfte sich freilich in naher Zukunft ändern, denn kein Verein ist zurzeit zum positiven Imagetransporteur besser geeignet als der junge, innovative, flinke, unbedarfte, sympathische und ungemein erfolgreiche deutsche Meister Borussia Dortmund (Evonik).

Dass Trikotsponsoring nicht nur dank hochdotierter Langzeitverträge und der damit verbunden Planungssicherheit attraktiv für Vereine ist, zeigt aktuell das Beispiel von Bayern München. Der deutsche Rekordmeister darf dank des Einzugs ins Finale der Königsklasse auf einen zusätzlichen Geldregen von etwa fünf Millionen Euro seines Premiumpartners Telekom hoffen, der bei einem Sieg fällig würde. Die Firmen versprechen sich vom Trikotsponsoring hingegen entweder überregionale Bekanntheit (man nehme das Beispiel des damaligen Markteinsteigers Kyocera) oder ein Delektieren am Stimmungseuphoriker Fußball.

Ein Ende der finanziellen Aufwärtsspirale ist jedenfalls noch nicht in Sicht. So erwarten Experten der Vermarktungsagentur Infront einen weiteren Anstieg des Trikoterlöses um ca. 6 %, der mit dem Inkrafttreten der neuen Bundesliga-Übertragungsverträge ab 2013 kommen dürfte.

Für die Fans in der Fankurve hat diese Entwicklung wie immer zwei Seiten: Auf der einen Seite wird die wirtschaftliche und damit auch (kluges Handeln vorausgesetzt) die sportliche Potenz des eigenen Vereins erhöht. Auf der anderen Seite aber ist dies nur weiteres Wasser auf die Mühlen jener, die laut „Kommerz“ und „Ausverkauf“ schreien – und dabei wahrscheinlich ein Trikot des Lieblingsspielers tragen und somit selbst zum Werbeplakat werden.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

Gib Deinen Senf dazu!