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Wo liegt eigentlich Sandhausen? Die große FC-Analyse

© Marquis_de_Valmont/photocase.de

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Nun ist es also doch passiert: Der laut Interimstrainer Frank Schaefer „unnötigste Abstieg der Vereinsgeschichte“ ist wahr geworden. Der 1. FC Köln wird in der nächsten Saison nicht mehr gegen Bayern oder den BVB antreten, sondern gegen Aue, Aalen und Sandhausen. Das ist ein Rückschlag für den Verein, der existentielle Ausmaße annehmen dürfte. Das mag übertrieben klingen, denn völlig untergehen und verschwinden wird der 1. FC Köln so schnell nicht. Doch die Entscheidungen, die jetzt und in der kommenden Saison getroffen werden müssen, werden die Weichen für eine Zukunft stellen, die nur zwei Wege kennt: nach oben oder nach unten. Die Gefahr, dass der FC auf Jahre hinaus ein besserer Zweitligaverein bleibt, dem es ab und an gelingt, den Fahrstuhl nach oben zu erwischen, ist größer denn je. Die Gründe dafür sind zahlreich:

Die Mannschaft
Vor allem die letzten Spiele der abgelaufenen Saison haben gezeigt, dass der Kader keine Zukunft hat. Fußballerisch mögen die meisten der Spieler Erstligaformat besitzen, doch zeigten die letzten Auftritte gegen Freiburg und Bayern, dass man ihnen ansonsten jede Eignung für die oberste Spielklasse absprechen muss. Identifikation mit dem Verein, Disziplin, Professionalität, Eigenverantwortung, Teamfähigkeit, Mündigkeit, Engagement, Mut, Charakterstärke – all jene Tugenden, die einen engagierten Fußballer ausmachen, sucht man bei den meisten Spielern vergebens. Die Mehrheit machte es sich in ihrer durch Solbakken propagierten trainingsarmen Nische bequem und ließ sich hängen. Demnach ist die Forderung von Schaefer, einen klaren Schnitt zu machen, nur allzu verständlich.

Doch damit stehen wir vor einem ersten ernsthaften Problem: Wie soll dieser Schnitt aussehen? Das gebetsmühlenartige Mantra, endlich verstärkt auf die Jugend zu setzen (die Jugendarbeit wird weiter unten näher beleuchtet), mag richtig sein, allein ein Heilsversprechen ist es nicht. Zwar ist die U-17 des Vereins erfolgreich und hochveranlagt, doch lässt sich mit einer Elf aus Jungspunden in der harten Welt der zweiten Liga kein Blumentopf gewinnen.

Das bedeutet, der Kern des Teams muss aus erfahrenen Spielern bestehen. Doch Leistungsträger (oder sagen wir lieber: Spieler, die weniger enttäuschten als ihre Kollegen) wie Rensing, Riether oder Geromel, mit denen man sich eine weitere Zusammenarbeit vorstellen könnte, haben Ausstiegsklauseln in ihren Verträgen. Sie werden Gehaltseinbußen und die zweite Liga nicht selbstverständlich akzeptieren und sich nach neuen Arbeitgebern umschauen.

Zum Kern des Teams stoßen weiterhin zehn verliehene Spieler, die damals zwar einerseits aus gutem Grund nicht spielten und verliehen wurden, denen aber andererseits nicht der Makel des Abstiegs anhaftet. Verpflichtet man neue, erfahrene Spieler, dann besteht das Hauptproblem darin, die Balance zwischen Perspektive und Gegenwart zu finden. Erfahrene Zweitligaspieler mögen für die Mission Aufstieg taugen, für den anschließenden Klassenerhalt jedoch nicht. Für qualitativ bessere Spieler fehlen Geld und sportliche Perspektive: Wer wechselt zu einem verschuldeten Verein, der gerade abgestiegen ist?

Die Aufgabe, das Team neu zusammenzustellen, dabei die langfristige Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren und dennoch ernsthaft um den Aufstieg mitzuspielen, scheint mir momentan fast unlösbar.

Die sportliche Führung

Auch wenn Frank Schaefer nicht, wie zuvor vermutet, zum Sportdirektor aufsteigt, sondern höchstens Assistent wird, ist er ein wichtiger Baustein für die Zukunft des Vereins. Schaefer kennt den Club, er ist im Umfeld akzeptiert und beweist bei seinen öffentlichen Auftritten immer wieder Eigenschaften, die ihn zum Sympathie- und Hoffnungsträger machen: Demut statt Großspurigkeit, Realitätssinn in einer zur Megalomanie neigenden Umgebung, sportlicher Sachverstand, Aufrichtigkeit und seriöse Sachlichkeit machen Schaefer zur geeigneten Figur, um den Verein einer Generalüberholung zu unterziehen.

Das zweite ernsthafte Problem begegnet uns allerdings mit Blick auf den leeren Trainerstuhl. Wird es diesmal gelingen, einen Trainer zu verpflichten, der in Köln funktioniert? Leider zeigt die Erfahrung, dass es nicht ausreicht, einen qualitativ guten Trainer anzustellen. Stanislawski in Hoffenheim, Favre in Berlin, Luhukay in Gladbach, Slomka auf Schalke, Labbadia in Leverkusen. Die Bundesligageschichte ist reich an Beispielen von Trainern, die bei dem einem Verein erfolgreich arbeiten, beim anderen hingegen böse auf die Nase fallen.

Solbakken mag seine Qualitäten haben, die ihn vor seinem Engagement in Köln europaweit zu einem der begehrtesten Trainer werden ließen, zeigen konnte er sie indes nie. Ihm fehlte die entscheidende Kompetenz, flexibel auf die Gegebenheiten in einem Verein zu reagieren. Eine tägliche kurze Trainingseinheit mag in Kopenhagen genügt haben, weil sich die Spieler dort professionell genug verhielten und in ihrer Freizeit für die körperliche Fitness arbeiteten – in Köln klappte das nicht. Dort landeten die Spieler in ihrer Freizeit besoffen mit dem Auto auf Bahngleisen oder in der Ausnüchterungszelle. Solbakken hat das leider nie verstanden.

Letztlich gilt es zu konstatieren, dass zur fruchtbaren Verpflichtung eines Trainers immer auch sehr viel Glück gehört. Ein Anfang wäre jedoch, wenn sich die Entscheidungsträger im Verein nicht nur an beruflichen Kriterien orientierten, sondern auch so genannte „Soft Skills“ zu Rate zögen. Ist der Kandidat umgänglich, offen für Kritik, ein Teamplayer und trotzdem Führungsfigur, ist er sympathisch, kann er sich in der Öffentlichkeit gut verkaufen? Wenn sich Schaefer mit dem neuen Trainer auf der menschlichen Ebene gut versteht, dann lassen sich professionelle Streitigkeiten gleich viel leichter lösen. Allofs/Schaaf, Zorc/Klopp, Bobic/Labbadia; Duos, bei denen sich die Protagonisten mögen, arbeiten in der Regel gut zusammen. Sympathie ist keine Voraussetzung für Erfolg (siehe Schmadtke/Slomka), aber für eine langfristige und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Die Fans
Nennen wir das Kind direkt beim Namen: Nicht erst seit den Ausschreitungen am letzten Spieltag ist klar, dass der 1. FC Köln ein massives Hooligan-Problem hat. Die Meldungen waren in dieser Saison zahlreich und reichten von einem Überfall auf einen Leverkusener Spieler bis hin zu Übergriffen auf fremde Fanbusse. Der Verein muss das in den Griff bekommen, denn die Außenwirkung ist fatal. Das lange Zeit vorherrschende Bild vom lustigen, stets feierfreudigen Publikum in Köln kippt; der Verein wirkt zunehmend unsympathisch und aggressiv. Das wird langfristig Sponsoren von einem Engagement fernhalten. Auch die direkten Kosten, die durch Sachbeschädigung und DFB-Sanktionen entstehen, sind nicht zu unterschätzen.

Den Fans in der Südkurve kann ich an dieser Stelle nur mit auf den Weg geben, im Sinne des Vereins Zivilcourage zu beweisen. Grenzt gewaltbereite Hooligans aus, die sich unter dem Deckmantel der Ultra-Bewegung eine Bühne suchen und sich dabei anmaßen, für Euren Club zu sprechen. Lasst sie nicht zur Stimme des 1. FC Köln werden. Sonst halten wir uns bald alle genervt die Ohren zu.

Die Jugendförderung
Die Jugendarbeit beim 1. FC Köln mag gut sein, doch wirklich erfolgreich war sie in den letzten Jahren nicht. Podolski und Sinkiewicz waren die letzten Spieler aus der eigenen Jugend, die es auf die ganz große Fußballbühne schafften. Seitdem gibt es immer wieder erfolgsversprechende Ansätze, bei Spielern wie Clemens, Buchtmann, Uth, doch wirklich durchsetzen konnte sich von den Jungprofis noch niemand. Was allerdings auch daran liegt, dass es junge Spieler in Köln traditionell schwer haben, auf regelmäßige Einsatzzeiten zu kommen.

Mitchell Weiser, eines der größten Talente seines Jahrgangs, hätte vermutlich bei jedem anderen Bundesligaverein im unteren Tabellenfeld regelmäßig gespielt, wäre vielleicht sogar wie Mario Götze zum spielentscheidenden Schlüsselspieler geworden. In Köln spielte er 16 Minuten, saß ein paar Mal auf der Bank und sollte hauptsächlich „nicht verheizt“ werden. Die Konsequenzen sind seit kurzer Zeit bekannt: Weiser wird in den nächsten Jahren höchstwahrscheinlich zum FC Bayern München wechseln.

Die Vereinsführung
Mit dem Trio Spinner, Ritterbach und Schumacher scheint sich ein seriöses Team an die Spitze des Vereins gesetzt zu haben. Die Mitgliederversammlung verlief trotz der Gegenkandidatur von Karl-Heinz Tiehlen ruhig und unaufgeregt. 91,4 % der Stimmen bedeuten ein überzeugendes Votum für die neue Führungsmannschaft. Damit weiß sie den Verein hinter sich und kann gestärkt mit ihrer Arbeit beginnen. Der vor kurzem herausgegebene Brief des Vorstands klingt vielversprechend. Neben notwendigen Prüfungen juristischer und wirtschaftlicher Gegebenheiten zeigt der Brief, dass die Verfasser ein Gespür für die augenblickliche Situation haben. Er wirkt hemdsärmelig, aber nicht anbiedernd, entschlossen, aber nicht aktionistisch, seriös und trotzdem lebendig.

Für die Zukunft des Vereins ist es entscheidend, wie die genannten Elemente in Zukunft ineinandergreifen. Wer bestimmt den zukünftigen Kurs? Verordnet sich der Verein eine vernünftige Philosophie, die nicht zur hohlen Hülse verkommt, sondern auf und neben dem Platz mit Leben gefüllt wird? Wird ein Ziel gesteckt, das durch organisches Wachstum erreicht werden kann?

Organisches Wachstum braucht Zeit, die der FC möglicherweise in der Zweiten Liga verbringen muss. Freilich werden alle Kräfte mobilisiert, um den direkten Wiederaufstieg zu meistern. Dass ist wirtschaftlich geboten und sportlich notwendig. Doch warne ich an dieser Stelle davor, die Kräfte zu überspannen. Lasst die Finger von teuren Durchschnittsfußballern, die vielleicht den Aufstieg schaffen, aber keine Perspektive haben. Steckt Euer Geld lieber ins Talentscouting, in die Infrastruktur, in die langfristige Bindung hoffnungsvoller Talente an den Verein.

Marco Reus hätte auch beim FC landen können. Er hat den ungeliebten Nachbarn am Niederrhein fast im Alleingang ins internationale Geschäft geschossen und sich dann für 17 Millionen Euro verabschiedet. Damit eröffnet sich Gladbachplötzlich eine stabile Perspektive für die Zukunft, die noch in der letzten Saison absurd erschien.

Das ist auch beim 1. FC Köln möglich – doch nur durch umsichtiges Handeln, durch eine realistische Einschätzung des faktisch Machbaren, durch Besonnenheit, durch Mut und mit sehr viel Glück!

Übrigens: Sandhausen liegt knapp 8 Kilometer südlich von Heidelberg!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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